NBA

Verlieren kann sich lohnen

Von Jürgen Kalwa, New York
 - 08:21

Eigentlich ist es in einem so anspruchsvollen und knallharten Betrieb nicht vorgesehen, dass jemand durchgeschleppt wird, der gegen Ende seiner Laufbahn leistungsmäßig nachlässt. Schon gar nicht im Basketball, wo jedem Spieler auf dem Platz als einem von fünfen eine Menge abverlangt wird. Aber für jeden Erfahrungssatz gibt es Ausnahmen, wie man in diesen Tagen bei den Dallas Mavericks sehen kann. Das Team ist so schlecht wie kein anderes in die neue Saison gestartet. Man fing sich in den ersten zwölf Spielen bereits zehn Niederlagen ein.

Trotzdem käme niemand auf die Idee, dafür den prominentesten Mann im Kader verantwortlich zu machen. Denn Dirk Nowitzki, 39 Jahre alt, ist in seiner zwanzigsten Saison in der besten Basketballliga der Welt auch nach über 1500 Einsätzen die Lust am Spiel noch nicht abhandengekommen. Hat er den Ball und wirft, dann trifft er – phasenweise sogar mit der alten Frequenz. „Ich denke, niemand sollte überrascht sein“, sagte Trainer Rick Carlisle neulich. „Er ist vorbereitet, er arbeitet extrem hart. Wir müssen nur dafür sorgen, dass er in Schwung bleibt und die richtige Zahl an Minuten auf dem Platz steht.“ Eine Quote, die sich bei etwa der Hälfte der Gesamtspielzeit eingependelt hat, die in der NBA 48 Minuten beträgt.

Das Rennen um die rote Laterne

Trotzdem liegen die Probleme auf der Hand. „Die dritten Viertel sind schrecklich gewesen“, so Nowitzki. Aber sein einziges Rezept gegen die Durchhänger lautet: Sich schon vor dem Spiel mehr ins Zeug legen. „Ins Schwitzen kommen, sich warm machen, besser werden.“ Dabei ist bis auf weiteres überhaupt nicht klar, ob die Mavericks an dem klassischen Saisonziel arbeiten, das in einer Liga ohne Aufstieg und Abstieg darin besteht, die Playoffs der besten sechzehn zu erreichen und anschließend um den Titel zu spielen. Denn gegen Ende der vergangenen Saison, als man in Dallas schon Wochen vor dem Schlussstrich wusste, dass daraus nichts wird, hatte Klubbesitzer Mark Cuban offen zugegeben: „Als wir aus dem Rennen um die Play-offs ausgeschieden waren, haben wir alles getan, um Spiele zu verlieren.“ Man wollte in der Tabelle noch so weit wie möglich absacken.

Tatsächlich gibt es in der NBA jedes Jahr so etwas wie ein Rennen um die rote Laterne. Der Grund: Im amerikanischen Mannschaftssport werden Kellerkinder regelrecht belohnt. Je schlechter die Saison, desto besser die Chancen, um beim alljährlichen Zuteilungstermin der Nachwuchsspieler, genannt Draft, Zugriff auf die vielversprechendsten Talente zu bekommen. Die Ur-Idee ist nobel. Denn sie soll verhindern, dass sich die ganz reichen Klubs mit ihrem Geld einen Platz ganz oben sichern. Sie schafft Leistungsparität, Chancengleichheit und natürlich auch Spannung, die in einer langen Saison mit 82 Begegnungen leicht abhandenkommt.

Als ehrenvoll gilt „tanking“ nicht

Es gilt allerdings nicht als ehrenvoll, dauernd absichtlich zu verlieren, ein Phänomen, für das sich der Begriff „tanking“ eingebürgert hat. Cubans Offenheit überraschte viele. Zumal Liga-Geschäftsführer Adam Silver das Phänomen offiziell kategorisch in Abrede stellt. Es gäbe „keine Indizien“, dass auch nur irgendeine Mannschaft jemals gezielt ein einziges Spiel weggeschenkt hätte, sagte er vor ein paar Jahren. Die Aussage steht allerdings bereits im Widerspruch zu den Tüfteleien der NBA an der sogenannten Draft-Lotterie, bei der mit Hilfe des Losglücks die Chancen des Tabellenletzten auf den ersten Draft-Platz künstlich reduziert werden. Die liegen tatsächlich – rein mathematisch – nur noch bei 25 Prozent.

Das hat bei den Atlanta Hawks niemanden davon abgehalten, einen ziemlich guten und ziemlich teuren Kader zu zertrümmern und den erst 24 Jahre alten Dennis Schröder zum Führungsspieler zu machen. Die Maßnahme war radikal und überdeutlich: Man ließ einfach drei der vier wichtigsten Punktelieferanten der vergangenen Saison ziehen. Die logische Folge: In der Eastern Conference steht das Team auf demselben Tabellenplatz wie die Mavericks im Westen. Ganz unten.

„Im Moment tut das weh“

Man braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, an wem das alles liegt. Der Schwenk geht auf die Kappe des neuen Chefmanagers Travis Schlenk, dessen Reputation auf seine Zeit bei den Golden State Warriors zurückgeht. Dort war er als Vize-Chef der Basketballabteilung an dem gezielten Aufbau eines Kaders beteiligt, der heute – nicht nur wegen seiner zwei Meisterschaftserfolge – in der NBA das Maß der Dinge ist. Ausnahmetalente wie Stephen Curry, Klay Thompson und Draymond Green zum Beispiel sicherte man sich jeweils im Draft, anstatt sie sich auf dem freien Markt für viel Geld zusammenzukaufen.

Für den talentierten Braunschweiger Spielmacher Schröder hat sich dadurch in seiner fünften NBA-Saison auf einen Schlag vieles geändert: Einerseits steht er nun jeden Abend im Mittelpunkt und demonstriert als Spielmacher und Scorer sein individuelles Können. Andererseits spielen die Hawks in Atlanta nun wieder vor ähnlich leeren Rängen wie einst. Nicht zu reden von der besonderen Belastung: Schröder wurde in dieser Saison bereits ein Zahn ausgeschlagen. Und er erlitt eine Knöchelverletzung, die ihn zum Pausieren zwang. „Im Moment tut das weh“, war neulich alles, was er nach einer der neun Niederlagen in elf Begegnungen sagen konnte. Ergänzt um ein paar philosophisch angehauchte Gedanken, die er gern auf seiner Instagram-Seite im Internet verbreitet: „Mach einfach das Beste in den Dingen, die du kontrollieren kannst“, schrieb er am Dienstag auf Englisch an seine mehr als 300.000 Fans. Mehr ist im Moment nicht drin.

Quelle: F.A.Z.
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