Billie Jean King im Gespräch

„Merkel ist ein Vorbild für alle“

Von Michael Wittershagen
 - 13:56
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Mehr als 120 Turniere, darunter zwölf Grand-Slam-Veranstaltungen, hat Billie Jean King zwischen 1959 und 1983 gewonnen. Ihr größerer Kampf aber galt der Gleichberechtigung von Mann und Frau. 1974 trainierte sie die Philadelphia Freedoms. Sie war damit die erste Frau, die verantwortlich war für ein professionelles Tennisteam, das sowohl aus Frauen als auch aus Männern bestand. Elton John widmete ihr 1975 mit „Philadelphia Freedom“ ein eigenes Lied. 1987 wurde sie in die Hall of Fame des Tennissports aufgenommen.

Heute lebt Billie Jean King, die am 22. November ihren 74. Geburtstag feierte, mit ihrer Partnerin Ilana Kloss in New York und Chicago. Seit Ende November läuft der Spielfilm „Battle of the Sexes – Gegen jede Regel“ von Valerie Faris und Jonathan Dayton im Kino. Der Schläger, den King beim „Battle of the Sexes“ gegen Bobby Riggs benutzte, wurde am Mittwoch in New York versteigert. Der neue Besitzer zahlte bei der Auktion in New York 125.000 Dollar (etwa 106.000 Euro), wie das Auktionshaus Bonhams auf Twitter mitteilte.

Mrs. King, der Kinofilm „Battle of the Sexes“, in dem es um Ihr Match gegen den ehemaligen Wimbledon-Sieger Bobby Riggs geht, begeistert die Kritiker. Was fühlen Sie, wenn Sie Ihren Kampf von 1973 noch einmal vor Augen geführt bekommen?

Es fällt mir noch immer schwer, die Bilder von damals zu sehen. Diese Zeit in meinem Leben war so unglaublich aufregend, aber auch so aufwühlend und hart. Schon mit zwölf Jahren hatte ich mir geschworen, dass ich ein Leben lang für die Gleichberechtigung von Mann und Frau kämpfen werde, für Chancengleichheit und für Freiheit. Damals spielte ich Tennis in Long Beach, und alle, die dort waren, sahen gleich aus: weiße Haut, weiße Schuhe, weiße Socken, weiße Shirts. Wo waren all die anderen? Für sie wollte ich kämpfen. Tennis hat mir dafür eine Plattform gegeben, der Sport war ein Segen für mich und mein Anliegen. Und dieses Match gegen Bobby war der Traum meines zwölfjährigen Ichs.

Etwa 30.000 Menschen saßen damals auf den Tribünen im Astrodome in Houston, neunzig Millionen sollen das Match am Fernseher verfolgt haben. Sie gelten seither als Ikone des Frauentennis.

Mir wird sofort wieder bewusst, wie wichtig es für mich war zu gewinnen. Unmittelbar vor dem Match dachte ich an all die Menschen, die zusehen würden. Ich wusste, dass sie sehr emotional auf diese Begegnung reagieren würden. Es war eine Zeit, in der Frauen nur sehr restriktiv Zugang zu Bildung hatten, nur etwa fünf Prozent der weiblichen Bewerber schafften den Sprung nach Harvard. Es war damals nicht einmal selbstverständlich, dass Frauen Sport treiben. Auch das Frauentennis stand erst an seinem absoluten Anfang. Wir wollten es etablieren. Durch das Match von Bobby und mir ist das Geschlechterbild in den Vereinigten Staaten vollkommen neu definiert worden. Es ging deshalb an diesem Tag im September 1973 nicht nur um Tennis, es ging um sozialen Wandel.

Sie waren damals 29 Jahre alt, Bobby Riggs war schon 55. Der Druck, der auf Ihnen lastete, muss kaum auszuhalten gewesen sein. Was wäre passiert, wenn Sie das Match verloren hätten?

Der Druck war immens. Dieses Spiel hat mich schon Wochen, ja Monate davor beschäftigt. Ich hatte Albträume. Bobby hatte immer wieder betont, dass er trotz seines Alters jederzeit in der Lage sei, die beste Tennisspielerin der Welt zu besiegen. Ein paar Monate zuvor hatte er gegen Margaret Court gespielt, die damalige Nummer eins im Frauentennis, und er hat sie 6:2 und 6:1 besiegt. Hätte ich auch noch verloren, dann wäre es eine große Enttäuschung gewesen, nicht nur für mich persönlich. Es wäre ein Rückschlag für die ganze Bewegung gewesen. Das Frauentennis hätte Sponsoren und Unterstützer verloren, eine Niederlage hätte uns Jahre gekostet.

Das Spielgegen Margaret Court wurde später als „Muttertagsmassaker“ beschrieben. Sie haben das Match gegen Bobby Riggs 6:4, 6:3 und 6:3 gewonnen. Es gibt jedoch Gerüchte, Bobby Riggs habe absichtlich verloren, um Spielschulden bei der Mafia zu begleichen.

Nein, das hat er nicht, da bin ich mir sicher. Denn Bobby hat ja nicht nur dieses Match verloren, er hat eigentlich sein Leben verloren. Dabei hatte er doch große Pläne für die Zeit danach. Jerry Perrenchio war der Promoter dieses Spiels, 1971 hatte er schon den großen Boxkampf zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier vermarktet, er entdeckte auch Elton John. Perrenchio hatte für Bobby bereits einige Sponsoren gefunden, er wollte ihn vermarkten, noch einmal groß rausbringen. Es stand also viel Geld auf dem Spiel – Bobby musste nur gewinnen. Aber er war nervös und hat verloren. Danach hatte er nichts mehr. Das Spiel hat ihn auch seine Zukunft gekostet, seinen guten Ruf.

Kurz vor dem Match gegen Bobby Riggs haben Sie gemeinsam mit acht anderen Frauen die WTA, die Women’s Tennis Association, gegründet. Sind Sie glücklich mit dem, was aus der Vereinigung geworden ist?

Ja, wir haben unsere Ziele erreicht. Jedes Mädchen, egal an welchem Ort es auf dieser Welt auch geboren werden mag, egal, wie es aussieht, egal, welche Hautfarbe es besitzt, hat dort ein Forum, in dem es sich beweisen kann. Das gab es vorher nicht. Die Männer weigerten sich damals, uns in ihren Verband aufzunehmen. Frauentennis würde niemanden interessieren, hieß es, keiner würde dafür Geld bezahlen wollen. Wir waren Amateure, die dafür gekämpft haben, Profis sein zu dürfen, wir wollten einmal von diesem Sport leben können. Als ich anfing, habe ich vierzehn Dollar am Tag verdient. Bei meinem Sieg in Wimbledon 1973 bekam ich auf einmal einen Scheck in Höhe von 40 000 Pfund. Später kamen Sportlerinnen wie Steffi Graf auf die Tour. Sie ist eine außergewöhnliche Athletin und hat unseren Sport vollkommen neu definiert. Sie war der erste globale Superstar, ihr Weltruhm hat uns mehr Sponsoren gebracht, viele davon kamen aus Deutschland. Steffi war der X-Faktor. Das Business wurde immer größer. Zuletzt hat Sloane Stephans für ihren Sieg bei den US Open 3,7 Millionen Dollar erhalten. Das ist großartig.

Einer der wenigen Männer auf der Tour, die sich seit Jahren für Frauenrechte einsetzen, ist Andy Murray. Was sagen Sie zu ihm?

Er ist großartig. Seine Mutter hat ihn schon als kleinen Jungen trainiert, sie hat ihn immer unterstützt, hat für ihn gekämpft und ihm zugleich den nötigen Raum gelassen, um seine eigene Persönlichkeit entfalten zu können. Judy Murray hat ihren Sohn zu einem tollen Tennisspieler geformt; der größere Dank aber gebührt ihr dafür, dass sie so einen tollen Menschen aus ihm gemacht hat. Andy Murray ist ein überzeugter Feminist. Ich bin dankbar dafür, dass wir ihn haben. Wir brauchen junge Champions wie ihn, um für Gleichberechtigung zu kämpfen. Er zählt zur ersten Generation von Männern, die Teil der Frauenbewegung sind. Männer wie Andy haben so viel Power, sie haben die Möglichkeit, die Welt noch schneller zum Guten zu verändern.

Im Jahr 2009 hat Ihnen Barack Obama für Ihre Verdienste die Medal of Freedom überreicht. Sind Sie stolz auf das, was Sie erreicht haben?

Ja, natürlich, vor allem deshalb, weil es auch eine Anerkennung für die LGBT-Gemeinschaft war. Ich habe die Auszeichnung damals gemeinsam mit Harvey Milk erhalten, der postum geehrt worden ist, das empfinde ich als große Ehre. Und ich war die erste weibliche Athletin, die diese Auszeichnung erhalten hat.

Wie wichtig ist Sport heutzutage? Können Frauen dadurch etwas lernen, um in einer Welt zu bestehen, die noch immer hauptsächlich von Männern geprägt wird?

Ja, genau das leistet Sport. Das ist der Grund, warum ich junge Frauen dazu ermutige, mit dem Sport zu beginnen. Sport bietet die Möglichkeit, diese Welt zu verbessern. Und man lernt zu verstehen, wie sie funktioniert. Es gibt darin so viele ungeschriebene Gesetze. Gesetze, die von Männern verfasst worden sind. Sport hilft uns Frauen, sich genau in dieser Welt zu orientieren, sei es in der Familie oder am Arbeitsplatz. Sport ist ein Mikrokosmos, ein Abbild des großen Ganzen. Durch ihn lernen wir Rebellion, Teamwork und Durchsetzungskraft. Als Sportler wirst du zu einem besseren Menschen, zu einem Champion des Lebens.

Es scheint, als seien wir heute an einem ähnlichen Punkt wie zu Beginn der 1970er Jahre. Mit dem Sexismus in Hollywood, einem amerikanischen Präsidenten, der sich abfällig über Frauen äußert – macht Sie all das nicht unglaublich traurig?

Nein, es erweckt nur wieder meinen Kampfgeist. Wir müssen einfach immer weitermachen, das Leben verläuft nicht in geraden Linien und am Ende ist alles gut. Ehrlich gesagt interessiert es mich deshalb nicht, wer gerade Präsident ist. Was ich sehe, ist, dass es nach der Wahl eine Gegenreaktion gab und sich immer mehr Frauen politisch engagieren. Ich bewundere zum Beispiel Angela Merkel, sie leistet phantastische Arbeit, sie ist ein tolles Beispiel für das, was Frauen erreichen können, wie sie die Welt verändern. Es wäre ein Traum, sie einmal kennenlernen zu dürfen. Die von ihr gezeigte Menschlichkeit ist außergewöhnlich. Sie ist Vorbild für uns alle. Diejenigen, die für Gleichberechtigung einstehen, werden immer auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Es ist eine Lüge zu glauben, dass Menschen gleich geboren werden. Wir müssen eine Gesellschaft schaffen, in der sie es sein können.

Sie sagten einmal, dass es Gemeinsamkeiten gebe zwischen Ihrem Kampf gegen Bobby Riggs und dem Wahlkampf zwischen Hillary Clinton und Donald Trump. Welche sind das?

Es gab so viel Hass, niemand wollte nachgeben, irgendeine Art von Schwäche zeigen. Es ist ein Machtkampf. Ich habe Präsident Trump mehrmals bei den US Open getroffen, da war er immer sehr höflich, sehr respektvoll. Aber mit seiner Person sind einfach sehr viele negative Dinge verbunden. Die Leute, die ihn gewählt haben, wollen die fünfziger Jahre wieder aufleben lassen. Dabei denken sie sicher an die boomende Wirtschaft in dieser Zeit, an all die neuen Jobs. Aber natürlich spielt auch Rassismus in der Gesellschaft eine immer größere Rolle. All das ist rückwärtsgewandtes Denken. Als Athletin weiß ich jedoch, dass man nur einmal in seiner Karriere auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit steht, dass die großen Zeiten danach aber niemals wieder zurückkehren. Das ist dann vorbei, und es bleibt nicht mehr als Nostalgie. Das Festhalten an der Vergangenheit sorgt deshalb nur für Unzufriedenheit im Jetzt. Unsere Welt unterliegt einer ständigen Entwicklung, einer Veränderung, der müssen wir uns stellen. Deshalb musst du als Mensch anpassungsfähig sein, das habe ich schon auf dem Tennisplatz gelernt, und das ist im Leben nicht anders. Wer das nicht versteht, hat keine Chance.

Quelle: F.A.S.
Michael Wittershagen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Wittershagen
Sportredakteur.
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