Beachvolleyballerin Laboureur

Zwischen Strand und Hörsaal

Von Achim Dreis, Münster
 - 13:41

Der Tag vor dem Auftakt der nationalen Beachvolleyball-Serie hatte es in sich für Chantal Laboureur. Sie musste gleich vier Prüfungen ablegen, ehe sie mit freiem Kopf nach Münster reisen konnte: Neurologie, Psychiatrie, Neuroradiologie und Pharmakologie. In zwei Stunden war alles abgehakt. „Drei Fächer haben gut geklappt, Pharma könnte knapp werden“, sagte die Studentin am Tag danach, nun schon in ihrem anderen Element: als Beachvolleyballerin, barfuß, bauchfrei. Sie wirkt erleichtert: „Jetzt habe ich keine Lernsachen mehr dabei.“ Kopf war gestern, heute ist Körper. Chantal Laboureur belegt mit ihrer Partnerin Julia Sude den zweiten Platz der Weltrangliste. In Münster waren die Meister von 2017 als Topteam automatisch für das Viertelfinale gesetzt, das sie dann am Samstag souverän 2:0 (21:10, 21:16) gegen Sabrina Karnbaum /Natascha Niemczyk gewannen. Ein Privileg, auf das sie nicht scharf waren. Vorrundenspiele helfen, um in den Rhythmus zu kommen. Doch auf den unterschiedlichen Beach-Touren wird immer mal wieder am Turniermodus rumgedoktert. Trotzdem gab sich das Duo auch im Halbfinale keine Blöße. Gegen Karla Borger und Margareta Kozuch setzten sich die Weltranglistenzweiten mit 2:0 (21:17, 21:19) durch.

Chantal Laboureur stammt aus Friedrichshafen am Bodensee, einer Volleyballstadt. Die Männer sind Rekordmeister in der Halle. Auch sie begann zunächst unterm Dach, in einer Volleyballgruppe, die ihre Mutter gegründet hatte. Als Teenager wechselte sie an den Beach. „Am Anfang nur, weil es Spaß machte.“ Doch schnell kamen Erfolge. Mit ihrer damaligen Partnerin Levke Spinger wurde sie Welt- und Europameisterin der Juniorinnen. Der Traum, als Profi durch die Welt zu reisen, nahm Gestalt an. „Ein Hobby, das zum Beruf wurde.“

Und sie noch immer begeistert: Im Mai belegten Laboureur/Sude auf der World Tour beim Vier-Sterne-Turnier in Huntington Beach den dritten Platz, danach trainierten sie eine Woche in Rio de Janeiro und schlugen anschließend in Itapema (Brasilien) auf. Ehe die Uni rief. Das „Klassenfahrtgefühl“ hat sich Chantal Laboureur erhalten können, auf der Tour von Strand zu Strand. „Man trifft immer wieder die gleichen Menschen. Wir haben sehr viel Spaß“, sagt sie und strahlt – wie so oft.

Ärztin auf Titeljagd

Das Lächeln scheint bei ihr fast der Neutral-Gesichtsausdruck zu sein. „Meine Grundeinstellung ist positiv.“ Das sieht man ihr auch auf dem Feld an, wo die 1,79 Meter große Abwehrspezialistin die 64 Quadratmeter große Spielfeldhälfte vor gegnerischen Bällen abschirmt. Die Arme ausgebreitet, die Beine tief gebeugt, die Haltung gebückt; stets bereit, den Bällen nachzujagen. Sie gräbt immer wieder „Unmögliche“ aus dem Sand. „Ohne Spaß würde es nicht gehen“, sagt sie.

Das Image der sexy-sonnigen Fun-Sportart nimmt sie nicht ernst. „Das ist von außen herangetragen.“ Im Bikini zu spielen ist sie schlicht gewohnt, „bei den Temperaturen auch meistens froh darüber“. Dass ihre ausgeprägte Bauchmuskulatur immer wieder fotografiert und bewundert wird, quittiert sie mit einem weiteren Lächeln. „Ich mache dafür nicht mehr, als jeder andere auch tun sollte“, sagt sie. Krafttraining, Stabilitätsübungen, als Kind Leichtathletik – das waren die Grundlagen. Ein gutes Körpergefühl hilft freilich auch, Verletzungen zu vermeiden. „Leistungssport ist immer an der Grenze zwischen gesund und nicht gesund.“ Das weiß sie als angehende Ärztin besser als andere. „Beides profitiert voneinander“, sagt sie über ihre Doppelbelastung für Kopf und Körper, zwischen Studium und Sport. Die 28-Jährige ist im achten Semester an der Uni Tübingen, sie räumt ein, doppelt so lange für ihr Studium einzuplanen als andere: „Ich schaffe ein Semester pro Jahr.“

Auch Praktika hat sie schon absolviert, im Krankenpflegedienst, in einer Hausarztpraxis. Sie könnte sich vorstellen, später im orthopädischen Bereich zu arbeiten, vielleicht auch als Kinderärztin. Aber erst mal will sie zu den Olympischen Spielen. Obwohl sie 2016 schon Fünfte der Weltrangliste waren, verpassten Laboureur/Sude die Spiele in Rio – wegen der Beschränkung auf zwei Teams pro Nation. Diese Lücke wollen sie 2020 in Tokio schließen. Und wenn sie schon mal da sind, möglichst eine Medaille mitnehmen. Im vergangenen Jahr gewannen die beiden immerhin schon mal EM-Bronze, in diesem Juli steht die nächste Chance bei der EM in den Niederlanden an. „Ein Titel fehlt uns noch“, räumt Chantal Laboureur ein: „Wir arbeiten dran.“

Quelle: F.A.S.
Achim Dreis
Sportredakteur.
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