Eishockey bei den Haien

Zu wenig Karneval in Köln

Von Bernd Schwickerath, Köln
 - 12:40

Plötzlich wurde es dunkel. Bis auf die Schilder an den Ausgängen brannte keine Lampe mehr in der riesengroßen Kölnarena. Dabei hatte hier gerade eine Eishockey-Begegnung vor mehr als 10.000 Zuschauern begonnen. Sofort machten auf den Tribünen erste Witze die Runde. Das sei allemal besser, als den Haien zusehen zu müssen, und deshalb sei das womöglich gar kein Versehen der Hallenregie. Eine gute halbe Stunde später war niemandem nach Witzen zumute. Da wurde gepfiffen und gemeckert, da wurden Fäuste geballt und gegen das Plexiglas geschlagen. 0:2 lagen die Kölner Haie am vergangenen Dienstag gegen den ERC Ingolstadt zurück. Die vierte Niederlage in Folge drohte. Das hatte es zuletzt vor drei Jahren gegeben. Damals musste Trainer Uwe Krupp gehen. Und auch wenn die Kölner noch 3:2 nach Verlängerung gewannen, wehte der Geist der letzten Krupp-Tage durch die Halle: hohe Ansprüche, ein teurer, aber lustloser Kader, ein Trainer in der Kritik.

Die Saison in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) ist nicht mal zur Hälfte vorbei – an diesem Sonntag (16.30 Uhr bei Telekom Eishockey) spielen die Haie bei den Pinguins Bremerhaven –, aber schon geht bei den nur auf Rang sieben stehenden Kölnern die Angst um, dass es wieder nichts wird mit der Meisterschaft. Seit mehr als 15 Jahren warten sie nun darauf. Eine unverschämt lange Zeit in den Augen vieler Fans, die ihren Verein trotz allem für die erste DEL-Adresse halten: größte Halle, die meisten Zuschauer, zweistelliger Millionenetat, zahlreiche National- und gleich neun ehemalige NHL-Spieler. Auch Trainer Cory Clouston war dort einst aktiv.

Bereits mit Mitte 20 wurde er Trainer, gewann diverse Preise in den renommierten kanadischen Juniorenligen, ehe ihn die Ottawa Senators verpflichteten. Als er Anfang 2016 bei den Haien unterschrieb, war die Begeisterung groß. Übrig geblieben ist davon wenig. Während der jüngsten Heimniederlagen gegen Berlin und Mannheim gab es laute Pfiffe. Gegen Ingolstadt brauchte es eine späte, doppelte Überzahl samt Ausgleichstor, um die Halle aufzuwecken. Zuvor litten die Fans erst wütend, dann schweigend unter den mittlerweile vertrauten Unzulänglichkeiten ihrer Lieblinge. Zum Murren über Fehlpässe und technische Schwächen, über zu wenig Tempo und fehlende Kreativität gesellt sich ein Gefühl, das das Tribünenvolk allerorten erzürnt: dass nicht jeder Spieler angemessen engagiert zu Werke geht. Kapitän Christian Ehrhoff sprach von „Verunsicherung“ in der Mannschaft und einer „Spirale, die uns weiter nach unten zieht“. Die Suche nach Gründen brach er ergebnislos ab.

Manche finden die bei Trainer Clouston. Als „roboterartig“ beschreiben ihn Menschen, die ihn regelmäßig treffen. Fachlich bringe der 48-Jährige alles mit, aber er entfache keine Begeisterung. Das passe nicht in eine Stadt, in der der Sport ja etwas von Ganzjahreskarneval hat, in der Kölsche Bands vor manchen Spielen auf dem Eis stehen und das Publikum in Mundart zum Schunkeln bringen. Clouston macht auch in seiner dritten Saison den Eindruck, dieses Lebensgefühl nicht ganz zu verstehen. Zunächst war ihm das nachgesehen worden. Sportlich stimmte es ja. Nach wenigen Monaten hatte er die zuvor kriselnden Haie ins Halbfinale geführt. Doch dann ging es trotz immer neuer Investitionen von Mäzen Frank Gotthardt, der mit Software für Arztpraxen ein dreistelliges Millionenvermögen gemacht hat, bergab. Im Frühjahr reichte es nur für acht Tore in sieben Viertelfinal-Spielen. Zudem gab es Querelen um den suspendierten Nationalstürmer Patrick Hager, der daraufhin nach München wechselte.

Gotthardt reagierte und setzte Geschäftsführer Peter Schönberger vor die Tür. Trainer Clouston halte er weiter für den richtigen, das Ziel bleibe die Meisterschaft, sagte er. Dafür brauche es aber mehr Tore. Die schießen die neuen Haie derzeit auch, aber sie müssen nun ständig Treffer nach Kontern hinnehmen. Aus der besten Abwehr der Liga ist unteres Mittelmaß geworden: 55 Gegentore nach 19 Spielen, zum selben Zeitpunkt der Vorsaison waren es 38. Das lasten viele dem Trainer an. Clouston selbst kennt andere Gründe für die unbefriedigende Zwischenbilanz: Die vielen Verletzten, die schlechte Chancenverwertung, das deswegen fehlende Selbstvertrauen, „wie eingefroren“ fühle man sich dann.

Die Aufholjagd gegen Ingolstadt sei aber ein Anfang gewesen, sein Team habe „Charakter und Willen“ gezeigt. Jetzt gehe es darum, den Schwung mit nach Bremerhaven zu nehmen, wo am Sonntag die letzte Begegnung vor der Länderspielpause ansteht. Danach kämen einige Verletzte zurück, es sei noch genug Zeit, in die Spur zu finden. „Es geht nicht darum“, sagt der Trainer, „wie du die Liga beginnst, sondern wie du sie beendest.“ Fragt sich nur, ob Cory Clouston das Ende der Saison in Köln erlebt.

Quelle: F.A.Z.
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