Deutscher Handball-EM-Kader

Ein Vabanquespiel

Von Eric Eggers, Hamburg
 - 10:39

Bevor es hinausging in die riesige Arena in Krakau, wo sich das Team von Trainer Dagur Sigurdsson auf das große Finale der Handball-Europameisterschaft 2016 vorbereitete, übernahm Finn Lemke das Kommando. „Jungs, wir gehen da jetzt rein“, schrie der 2,10 Meter große Abwehrchef in den Kreis seiner Kollegen, und die Stimme überschlug sich dabei. „Den Schritt tun wir zusammen, wir holen uns das Ding, los jetzt!“ Und dann gingen sie aufs Feld, überrollten den Favoriten aus Spanien mit 24:17 Toren und schrieben als „Bad Boys“ Handballgeschichte. Sigurdsson rühmte danach die „überragende Präsenz“ Lemkes: „Er hat das ausgestrahlt, was wir ausstrahlen wollten.“

Und dieser Finn Lemke, einer der sogenannten „aggressive leader“ dieses jungen Teams und einer der besten Blocker des Welt-Handballs, bleibt nun in der Heimat zurück. Er ist nicht dabei, wenn die Handballnationalmannschaft am Donnerstag von Berlin aus nach Zagreb fliegt, um den Titel beim Kontinentalturnier zu verteidigen. Der neue Bundestrainer Christian Prokop hat den sanften Riesen von der MT Melsungen am Sonntagabend zur Überraschung vieler Experten aussortiert, ebenso wie auch den Rückraum-Linkshänder Fabian Wiede (Füchse Berlin), der beim Gewinn der olympischen Bronzemedaille in Rio de Janeiro geglänzt hatte. „Das waren harte Entscheidungen“, sagte Christian Prokop. „Bei aller Enttäuschung der aktuell nicht nominierten Spieler ist es wichtig, dass der Teamgedanke im Vordergrund bleibt.“ Michael Roth, Lemkes Trainer bei der MT Melsungen, zeigte sich verwundert: „Auf solche Qualität ohne Not zu verzichten, wirft Fragen auf. Wenn einer das alles mitbringt wie Lemke und keine Verletzung hat, ist es schon fahrlässig“, sagte der Coach bei Sport1.

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Der Teamgedanke aber wird nun auf eine harte Probe gestellt. Prokops Entscheidung nämlich irritierte viele Mitspieler, denn der 25 Jahre alte Lemke zählt zu den beliebtesten Profis im Team. Und sie entfachte Entrüstung in den sozialen Medien, zumal davon zwei Nobodys des Handballs profitieren, die noch bis zum Sommer unter Prokop beim SC DHfK Leipzig trainierten: Sowohl Rückraumspieler Maximilian Janke als auch Abwehrspezialist Bastian Roscheck debütierten erst am vergangenen Freitag in Stuttgart gegen Island in der Nationalmannschaft, haben also erst zwei Länderspiele auf dem Buckel. Beide haben in Leipzig zuletzt zwar gute Leistungen gezeigt. Aber sie fahren, anders als Lemke und Wiede, als Greenhorns zum schwersten Turnier, das der Handball kennt. Und es macht bei den Schiedsrichtern nun einmal einen gehörigen Unterschied, ob ein Superstar wie der Franzose Nikola Karabatic von einem Europameister wie Lemke gefoult wird oder von einem Unbekannten. Lemke hat ein gutes Image bei den Schiedsrichtern – Roscheck gar keins.

Warum der Bundestrainer dennoch Roscheck dem Europameister Lemke vorzieht, lässt sich aufgrund der Prokopschen Abwehrphilosophie nachvollziehen. Er setzt im Deckungsverbund auf extrem bewegliche Profis, die den Angreifer im Idealfall schon vor dem Wurf attackieren. Lemke funktioniert jedoch insbesondere als defensive Mauer, an der die Bälle abprallen. Roschek ist viel kleiner und entspricht Prokops Abwehridee. Auch glänzt er in der Bundesliga mit überragenden Defensiv-Statistiken. Aber er ist eben nicht eingespielt mit der restlichen Abwehr und auch nicht mit den Torhütern Silvio Heinevetter und Andreas Wolff. Und speziell Wolff harmoniert prächtig mit dem Abwehrchef Lemke.

Doch nicht nur vor diesem Hintergrund spielt Prokop, der vor seinem Turnierdebüt am Samstag im Vorrundenspiel gegen Montenegro sehr angespannt wirkt, mit diesen Personalien Vabanque. Denn sie ignorieren weithin das Teamgefüge, mit dem der Sieg beim Europameistertitel in Krakau erlangt wurde. Die Mannschaft von 2016 gewann ja in Polen nicht den Titel wegen ihrer handballtaktischen Raffinesse, sondern weil sich Lemke, Hendrik Pekeler und Konsorten nach der Vorrunde, in der sie beinahe ausgeschieden wären, zu einer echten Einheit zusammenrauften und jeden Gegner, angetrieben von Spielern wie Lemke, mit ihren Emotionen und großem Kampfgeist niederrangen. Auf diese letzten Prozente wird es auch in Kroatien ankommen. Sollten diese entscheidenden Reserven nicht herausgekitzelt werden, wird der neue Bundestrainer dafür verantwortlich gemacht werden. Und dann wird auch Bob Hanning, der als Präsidiumsmitglied des Deutschen Handballbundes eine hohe Ablösesumme (500.000 Euro) für Prokop durchsetzte, in die Kritik geraten.

Quelle: F.A.Z.
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