Brose Bamberg

Der Fluch des Erfolges

Von Stefan Koch
 - 16:46

Wenn es am schönsten ist, soll man bekanntlich aufhören. Diesen Gedanken hatte im Sommer wohl auch Andrea Trinchieri, der Erfolgscoach des deutschen Basketballmeisters Brose Bamberg. Nach dem dritten Titel in Folge, erstmals garniert mit dem Pokalsieg und viel Lob für die internationalen Auftritte, wurde der Name des charismatischen Italieners mit vielen Topadressen im europäischen Basketball in Verbindung gebracht. Letztendlich wechselte der 49-Jährige aber nicht nach Barcelona oder Mailand, sondern blieb in Oberfranken.

Während der Coach seine Amtszeit verlängerte, war der Aderlass beim spielenden Personal beträchtlich. Darius Miller und Daniel Theis verließen den neunmaligen deutschen Meister mit dem Ziel NBA, Janis Strelnieks (Olympiakos Piräus), Fabien Causeur (Real Madrid) und Nicolò Melli (Fenerbahce Istanbul) wechselten zur finanzkräftigeren europäischen Konkurrenz. So soll Melli beim aktuellen Euroleague-Champion rund zwei Millionen Euro netto pro Saison erhalten.

Dieses Jahr läuft es nur in der Euroleague

Einerseits zeigen diese Transfers die Qualität des Bamberger Programms, in dem sich gute Spieler weiter verbessern, andererseits ist es der Fluch des Erfolgs und die Regel des Markts, dass die Verantwortlichen diese Abgänge nicht adäquat ersetzen konnten. Die vergangene Spielzeit wurde nicht nur sportlich mit zwei Titeln gekrönt, der deutsche Meister genügte mit seinen wunderschönen Ballstafetten auch ästhetisch höchsten Ansprüchen. Die Mannschaft verstand es auf einem extrem hohen Niveau, einen erarbeiteten Vorteil weiter auszubauen. Wenn die Verteidigung einmal rotierte, war es unmöglich, gegen die Schnelligkeit und Präzision des Bamberger Passspiels wieder klare Zuordnungen zu finden. Einziger Wermutstropfen war das Abschneiden in der Euroleague. Trotz guter Leistungen erwuchs zu Saisonbeginn mit vielen knappen Niederlagen eine zu große Hypothek.

Die neue Mannschaft hat sich bislang in der europäischen Königsklasse überraschend erfolgreich präsentiert. Mit fünf Siegen und fünf Niederlagen steht der deutsche Meister aktuell punktgleich mit Real Madrid auf Platz neun. Gegen den FC Barcelona schaffte das Trinchieri-Team ein kaum fassbares Comeback. Nachdem die Katalanen das erste Viertel nach Belieben dominiert hatten, münzten die Bamberger den 12:38-Rückstand noch in einen Sieg um. Gegen den spanischen Meister Valencia lag man drei Minuten vor dem Ende mit zwölf Punkten im Hintertreffen, drehte die Partie aber noch.

Beobachter bescheinigen dem Team 2017/18 mehr mentale Härte und Erfahrung. Das mag stimmen, Bamberg hat sich im ersten Teil der Euroleague in knappen Spielen deutlich stärker als in der Vorsaison gezeigt. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob beim ehemaligen Team um Melli aufgrund der höheren spielerischen Qualität die eine oder andere Partie überhaupt eng geworden wäre. Der trügerisch guten europäischen Bilanz stehen sieben Siege und vier Niederlagen in der Bundesliga gegenüber. Damit hat Bamberg schon eine Begegnung mehr verloren als in der kompletten Spielzeit zuvor. Das Team tut sich schwer, seine Identität zu finden.

Die Bayern könnten enteilen

Derzeit arbeitet es am Basketball mehr, als es spielt; das überdimensionierte Programm mit 64 Hauptrundenspielen in der Bundesliga und in der Euroleague fordert seinen Tribut. Neben dem schon länger am Knie verletzten Elias Harris fallen mit Luka Mitrovic, Augustine Rubit und Bryce Taylor weitere Spitzenkräfte mit Blessuren aus. Da drei der vier Genannten Innenspieler sind, suchen die Bamberger verzweifelt nach einem langen Mann. Aber der Markt scheint derzeit nichts herzugeben. Nach Rubits Verletzung spielte am Sonntag gegen Bonn mit Louis Olinde ein 19 Jahre alter Flügelspieler aushilfsweise auf der Centerposition. Das kann hier und da in der Bundesliga funktionieren, aber kaum in der Euroleague.

Neben der dringend benötigten Nachverpflichtung steht beim Klub auch das Thema der zukünftigen Wettbewerbsfähigkeit auf dem Programm. Mit ZSKA Moskau kommt an diesem Donnerstag (20 Uhr) der Euroleague-Tabellenführer nach Oberfranken, dessen Spieleretat mit 41,7 Millionen Euro brutto fast beim Vierfachen der Bamberger liegt. Der Klub will neue Geldquellen erschließen, mehr Sponsoren und Fans in der Metropolregion Nürnberg begeistern. Das wäre wichtig, um national dem stärksten Konkurrenten Bayern München Paroli bieten zu können.

Derzeit ist es denkbar, dass die Bayern von der nächsten Saison an eine Teilnahmegarantie der Euroleague, eine sogenannte A-Lizenz, erhalten könnten. Für das kleine Bamberg ist das wegen der schlechteren Flughafenanbindung und der zu kleinen wie unmodernen Arena nicht möglich. Der Klub muss sich auf sportlichem Weg qualifizieren.

Der Autor Stefan Koch war zweimal Trainer des Jahres in der Bundesliga und arbeitet als TV-Kommentator bei Telekom-Sport.

Quelle: F.A.Z.
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