NFL

Die Leiden der Buffalo Bills

Von Jürgen Kalwa, New York
 - 17:00

Dieser Moment acht Sekunden vor dem Ende des Football-Spiels hat sich tief in das kollektive Bewusstsein einer ganzen Stadt eingeprägt: wie das Lederei heranfliegt und vom wartenden Ersatz-Quarterback mit der Spitze nach unten auf den Rasen gepflanzt wird. Wie der Kicker anläuft und mit Wucht den Ball auf die 43 Meter lange Reise in Richtung Torstangen schickt. Und wie dieser Ball im Abendhimmel von Tampa am Ziel vorbeisegelt. Diese Kette der Ereignisse vom Januar 1991, die zur 19:20-Niederlage der favorisierten Buffalo Bills gegen die New York Giants führte, wirkte so einschneidend, dass sie später einen Spitznamen mit einem eigenen Wikipedia-Eintrag erhielt. Man nennt sie „wide right“, was so viel heißt wie „rechts daneben“ – und ganz lapidar die Enttäuschung auf den Punkt bringt, die damals die Spieler auf dem Platz sowie Millionen von Anhängern befiel. Knapp daneben ist auch vorbei.

Niemand konnte damals ahnen, dass der verlorene Super Bowl XXV nur der Anfang einer herzzerreißenden Serie von Misserfolgen sein würde, die kein Football-Team in den Vereinigten Staaten – egal ob vorher oder nachher – jemals erlebt hat. Denn die Bills, das stolzeste Identifikationssymbol für die Menschen in der angeschlagenen Industriestadt unweit der Niagara-Fälle, erreichten in den drei Jahren danach zwar problemlos immer wieder das Saisonfinale der National Football League (NFL). Aber man scheiterte jedes Mal im entscheidenden Augenblick.

Bon Jovi und Trump

Seitdem sind zehn Trainer gekommen und gegangen, seitdem wurden Hunderte von Spielern verschlissen. Doch die Bills erreichten nach 2000 nicht mal mehr die NFL-Play-offs. Dafür kam es 2014, als der langjährige Eigentümer Ralph Wilson im Alter von 95 Jahren starb, zu einem kuriosen Tauziehen um den Verkauf des Klubs. Eine Gruppe von Interessenten mit dem Rockmusiker Jon Bon Jovi an der Spitze wollte die Mannschaft ins benachbarte Kanada umsiedeln. Als zweiter Aspirant bewarb sich Donald Trump, der mit einem niedrigen Gebot auf ein Schnäppchen spekulierte und heimlich eine Bürgerinitiative lancierte, die Bon Jovis Umzugspläne zu torpedieren versuchte.

Als mit Terry Pegula, einem Erdgas- und Immobilien-Milliardär und Besitzer des örtlichen NHL-Eishockeyklubs, der Buffalo Sabres, der neue Eigentümer feststand, nörgelte Trump in der für ihn typischen Art auf Twitter: „Obwohl ich mich geweigert habe, für die Buffalo Bills einen lachhaften Preis zu bezahlen, hätte ich einen Sieger produziert. Jetzt wird das nicht passieren.“ Für das Team bekamen die Wilson-Erben 1,4 Milliarden Dollar. Der spätere Präsident Trump, der sich auch heute noch gerne lauthals zu Amerikas populärster Sportart zu Wort meldet („Football ist weich geworden. So wie unser Land weich geworden ist.“), hatte 400 Millionen Dollar weniger geboten.

An all die alten Geschichten erinnern sich seit dem Sonntag wieder viele. Denn die Bills schafften, weil sie zur Abwechslung mal eine Portion Glück hatten, zum ersten Mal seit 2000 wieder die erste wichtige Hürde auf dem Weg zu mehr Respekt. Sie schlugen im letzten Spiel der regulären Saison die Miami Dolphins und rutschten mit einer Bilanz von neun Siegen und sieben Niederlagen in die Playoffs. Hunderte von Fans empfingen das Team in der Silvesternacht am Flughafen und demonstrierten auf diese Weise, wie genügsam man in Buffalo ist, wenn es um Erfolge im Sport geht. Auch den Eishockey-Spielern der Buffalo Sabres fehlte bisher die Fortüne. Das Team erreichte bislang nur einmal – 1999 – die Finalserie um den Stanley Cup und verlor. Die Durststrecke seit der letzten Play-off-Teilnahme 2011 hat auch deren Fans bescheiden werden lassen.

Ob es für die Bills in dieser Saison weitergeht, wird sich am Sonntag (19.05 Uhr) im Wild-Card-Game zeigen, in der die Mannschaft um Quarterback Tirod Taylor auf die Jacksonville Jaguars trifft. Die Mannschaft muss in den warmen Gefilden Floridas antreten anstatt im eiskalten Buffalo, wo man für das Wochenende ein Schneechaos und Temperaturen von 20 Grad minus erwartet. Bedingungen, die den auf solche Winter eingestellten und abgehärteten Bills-Profis nicht unbedingt entgegenkommen. Hinzu kommt, dass die Jaguars über eine der besten Verteidigungsreihen der Liga verfügen. Weshalb Jacksonville auch als leichter Favorit gilt. Auch wenn die Mannschaft die beiden letzten Begegnungen der regulären Saison gegen die San Francisco 49ers und die Tennessee Titans deutlich verlor.

Die Begegnung bietet übrigens noch eine spezielle Note: Bei den Jaguars gehört Defensive Tackle Marcell Dareus zu den Spitzenspielern, den die Bills im Oktober im Rahmen eines Spielertauschs abgegeben hatten. Er war Buffalos Management als Höchstverdiener im Team mit zehn Millionen Dollar pro Jahr zu teuer geworden. „So läuft das Geschäft“, sagte Dareus in dieser Woche, obwohl ihm die Transaktion missfiel. In dieser Saison würde er wie so viele andere am liebsten mit seinen alten Kumpels im Bills-Trikot auf dem Platz stehen. „Ich will nicht so tun, als ob es nicht weh tut“, sagte er. Buffalos Leidensgeschichte sitzt tief.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBuffaloNFLDonald TrumpWikipediaSuper BowlDollar