Ringen

Der abgekochte Trainer

Von Daniel Meuren
 - 17:30

Benjamin Sezgin legte eine Fairness an den Tag, die im Sport eigentlich an der Tagesordnung sein sollte. Der 26 Jahre alte deutsche Meister von Wacker Burghausen hatte soeben David Bichinashvili mit 7:1 im Kampf der 80-Kilogramm-Klasse während des Halbfinal-Hinkampfs um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft im Ringen gegen den ASV Mainz 88 bezwungen. Aber er hob den Arm des Gegners in die Höhe. Denn die Leistung von Bichinashvili war tatsächlich so bemerkenswert, dass Sezgin seinem früheren Vereinskameraden beim KSV Aalen die Ehre erweisen wollte. Sezgin hätte genauso gut sauer sein könne, weil er auch einen höheren Sieg und somit wichtige drei statt nur zwei Mannschaftspunkte bei der Niederlage seines Teams hätte beisteuern können.

Bichinashvili war am Samstagabend trotz seiner Niederlage einer der entscheidenden Faktoren beim 14:10-Sieg von Mainz 88, der die Tür zu den Endkämpfen weit aufgestoßen hat. Beim Wiegetermin eine Dreiviertelstunde vor Beginn des Halbfinal-Hinkampfs des ASV Mainz 88 bei Wacker Burghausen herrschte nämlich großes Erstaunen bei den bayrischen Gastgebern. Denn plötzlich zog David Bichinashvili seinen Trainingsanzug aus. Mit einem Einsatz des Mainzer Trainers auf der Matte hatte niemand gerechnet.

Bichinashvili springt zwar trotz seines Alters von 42 Jahren immer mal wieder in die Bresche, wenn Not am Mann herrscht. Aber dann kämpfte der frühere Weltklasseringer in der Gewichtsklasse bis 86 Kilogramm. Im Hinkampf gegen Burghausen gibt der Modus jedoch 80 Kilogramm als Limit vor. Diese Grenze unterschritt Bichinashvili zuletzt vor 20 Jahren. Doch am Samstag brachte er tatsächlich 79,7 Kilogramm auf die Waage.

Taktischer Spielraum im Aufstellungspoker

Dank seiner deutschen Staatsbürgerschaft half er, die Quote an sechs Deutschen zu erfüllen und taktischen Spielraum für die Nominierung der vier Ausländerplätze zu schaffen. Eine ganze Woche lang hat der in Georgien geborene und später für Deutschland bei Olympischen Spielen startende Bichinashvili sich für diesen Coup im Aufstellungspoker geschunden für das unter Ringern als Abkochen bezeichnete Gewichtmachen. Dabei aß Bichinashvili tagelang nichts und reduzierte die Flüssigkeitsaufnahme auf ein Minimum, um zum Wiegetermin weniger als 80,1 Kilogramm zu wiegen.

„Ich habe lange überlegt, was für uns die beste Aufstellung ist. Und dann habe ich eben das gemacht, was auch andere machen“, sagte Bichinashvili, im Kampf und danach sichtlich gezeichnet von den Strapazen, bei nur zwei Mannschaftspunkten für den Gegner aber erfolgreich. Durch Bichinashvilis Einsatz konnten die 88er Soner Demirtas schonen und stattdessen den Greco-Spezialisten Mantas Knystautas im Schwergewicht bis 130 Kilogramm einsetzen, wo der Litauer den Kampf gegen den Ungarn Armin Majoros für sich entschied. Der Schachzug bescherte den Mainzern letztlich wohl den Sieg.

Ringen im Selbstversuch
Am Boden und in der Luft
© Wonge Bergmann, FAZ.NET

Bichinshvili wollte seine Opferbereitschaft nach dem Kampf nicht in den Mittelpunkt stellen. “Ich kann nicht von meinen Ringern verlangen, dass sie für die Mannschaft Gewicht machen, wenn ich es nicht selbst auch mir zumute“, sagte er. „Bi uns gilt: Eine Mannschaft, ein Herz.“ Baris Baglan, stellvertretender Vorsitzender des 88er und 2013 beim letzten deutschen Meistertitel des Traditionsverein noch Trainer von Meisterringer Bichinishvili, lobte seinen Freund dafür umso überschwenglicher. „Der Trainer ist vorangegangen und das ganze Team ist dadurch noch entschlossener auf die Matte gegangen“, sagte Baglan. Ähnlich heldenhaft hatte Bichinashvili 2013 im Finale gegen Köllerbach einen hoch favorisierten Russen geschultert und somit den letztlich entscheidenden Überraschungssieg gelandet.

Während Bichinashvili wie auch Ilir Sefaj gegen den internationalen Spitzenringer Virgil Munteanu nun mit ihren überraschend knappen Niederlagen den Weg ebneten, sicherten die vier eingesetzten ausländischen Spitzenringer Beka Bujiashvili, Mantas Knystautas, Tadeusz Michalik und Balint Korpasi sowie Tim Müller und Gabriel Stark, die beiden deutschen Meister in Reihen der Rheinhessen, mit ihren Siegen die zum Mannschaftserfolg nötigen Punkte. Vor allem der Sieg von Stark gegen seinen Nationalmannschaftsrivalen Erik Thiele war dabei ein Schlüssel-Erfolg. „Meine Jungs haben in allen Kämpfen das Optimale herausgeholt“, sagte Bichinashvili. Nur mit sich selbst war er sogar ein wenig unzufrieden. „Ich habe auf einen Sieg gehofft“, sagte der im Vergleich zum Gegner alte Mann, der dafür umso erfreuter war über das Umfeld im Hexenkessel von Burghausen. „Unglaublich, was unser Vorstand, der gesamte Verein, unsere Fans, die fast einen Heimkampf aus dem Duell gemacht haben, auf die Beine gestellt haben. Wie wir das Halbfinale angegangen sind, war perfekt. Dann kan eine MAnnschaft so eine Leistung bringen.“

Im Halbfinal-Rückkampf am kommenden Samstag (19.30 Uhr) könnten sich die Mainzer nun sogar eine knappe Niederlage leisten, um das Finale gegen Adelhausen oder Köllerbach zu erreichen. Im anderen Halbfinale legte Adelhausen mit 20:11 deutlich vor.

„Abkochen“ mit Ringer Stäbler
Der Kampf vor dem Kampf
Quelle: F.A.Z.
Daniel Meuren
Sportredakteur.
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