Handball-Torwart Wolff

Der Schlüssel für den Erfolg

Von Frank Heike, Kiel
 - 15:58

Als die Deutschen vor zwei Jahren verletzungsgeplagt zur EM nach Polen reisten, sagte der bis dato weitgehend unbekannte Torwart Andreas Wolff: „Wir wollen Europameister werden.“ Als die Deutschen Europameister geworden waren und sich für die Olympischen Spiele in Rio qualifiziert hatten, sagte Wolff: „Jetzt wollen wir Olympiasieger werden.“ Keiner im Team hat sich im August 2016 mehr über das Halbfinal-Aus gegen Frankreich geärgert als Wolff. Auch als die deutsche Handball-Nationalmannschaft vor einem Jahr arrogant, schlecht gecoacht und ohne den letzten Biss gegen Qatar im Achtelfinale der WM in Frankreich rausflog, tobte der Torwart.

Andreas Wolff ist der verkörperte Ehrgeiz. Unvergessen ist etwa seine magische „Fangquote“ von fast fünfzig Prozent aus dem EM-Finale gegen Spanien. Da vernagelte Wolff sein Gehäuse vor allem in der ersten Viertelstunde und schenkte der DHB-Auswahl früh den Glauben an den Sieg. Danach wurde er durch Talkshows gereicht, sollte im Frühstücksfernsehen Handball erklären und in Interviews seine Motivationstricks preisgeben. Im Gespräch ist der 26 Jahre alte Euskirchener, 110 Kilogramm schwer, 198 Zentimeter lang, ein angenehmer, höflicher Zeitgenosse. Aber er weiß auch, was er kann, was er wert ist. Daraus ist beim THW Kiel ein Streit geworden, der sich lange zog und erst im Oktober des vergangenen Jahres endete, als Wolff beim polnischen Spitzenklub Kielce unterschrieb. Dort soll er im Juli 2019 beginnen – doch vieles spricht inzwischen dafür, dass Kielce dem THW eine Ablöse zahlt und Wolff schon ein Jahr früher bekommt.

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Nach anderthalb Jahren in Kiel teilt sich das große Fanlager in Befürworter und Ablehner: für die einen ist Wolff ein Unruhestifter, für die anderen ein Genie. Wolff bildet beim THW ein Gespann mit Niklas Landin. Der Däne ist ruhig, besonnen, jubelt zurückgenommen, ist als Olympiasieger aber auch ein Großer seines Fachs und führt den THW zudem als Kapitän an.

Sein Verhalten kontrastiert scharf mit dem von Wolff – wobei sich beide gut verstehen und der Deutsche öffentlich nie über zu wenig Spielzeit geklagt hat. Auch im Team ist Wolff durchaus beliebt. Star-Allüren pflegt er keine. Allerdings hat der Kieler Trainer Alfred Gislason in den wichtigen Spieler zunächst immer auf Landin gesetzt. Wobei auch das nicht in Stein gemeißelt war: Als Landin seine Finger in den Spielen bei der SG Flensburg-Handewitt weder in der Champions League Ende November noch in der Bundesliga zwei Wochen später an den Ball brachte, kam Wolff, badete im Gepöbel der hinter ihm stehenden SG-Fans im Adrenalin und ließ die Flensburger verzweifeln. „Dafür bin ich Handballer geworden“, sagte er später.

Aus Wolffs Sicht hat der Vertrag mit dem THW Kiel einen grundsätzlichen Webfehler. Geschäftsführer Thorsten Storm hatte ihn schon vor der EM 2016 für ein geschätztes Monatsgehalt von deutlich unter 20.000 Euro brutto aus Wetzlar verpflichtet. Das war Wolff als neuem deutschen Handballhelden irgendwann zu wenig. Als die erste Freude über den Wechsel zum Rekordmeister verflogen war, fühlte er sich ungerecht behandelt. Im September 2017 eskalierte die Situation: Torwart und Manager zofften sich öffentlich. Erst, als Wolffs in der Szene kritisch gesehener Berater Sasa Bratic einen Monat später den Vertrag in Kielce an Land zog, beruhigten sich die Gemüter – und Wolff fand zu großer Form. „Für mich ist es gut, zu wissen, wo es hingeht“, sagt er. Aber wann? Storm sagte gegenüber dieser Zeitung: „Andreas Wolff ist ein wichtiger Spieler in unserem aktuellen Team und zeigt das auch mit seinen Leistungen. Ich würde mich freuen, wenn er seinen Vertrag beim THW Kiel erfüllt.“ Wie ein Bekenntnis für den Verbleib Wolffs klingt das nicht.

Beim ersten großen Turnier des neuen Bundestrainers Christian Prokop wird Wolff mehr als ein wichtiger Spieler sein. Zusammen mit dem anderen Torwart Silvio Heinevetter und den Abwehrkanten Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek ist Wolff der Schlüssel zum Erfolg. Prokop möchte viele Gegenstoßtore über die Außen Uwe Gensheimer und Patrick Groetzki sehen – das sind nun mal die leichtesten Treffer; niemand müsste sich durch gegnerische Abwehrwände wühlen. Die Voraussetzung dafür sind viele Torwartparaden. Ganz wie es seine Art ist, reist Wolff sehr zuversichtlich nach Zagreb: „Ich halte uns für stärker als 2016. Aber nur, wenn alle alles geben.“ Daran wird es bei ihm gewiss nicht scheitern.

Quelle: F.A.S.
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