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Berlin-Marathon

Auch die Hasen jagen den Weltrekord

Von Michael Reinsch, Berlin
© Imago, F.A.Z.

Philemon Ronoh ist optimistisch: Meine Zeit wird kommen“, sagt er, aber das könnte durchaus kritisch werden für den jungen Langläufer, wenn das schon beim Berlin-Marathon an diesem Sonntag (Start um 9.00 Uhr) geschähe. Denn Ronoh ist verpflichtet als Tempomacher. Sein Job wird darin bestehen, bis mindestens Kilometer dreißig vor oder neben den Favoriten zu laufen - mit dem Sieger von Boston 2011, Geoffrey Mutai (Bestzeit 2:03:02 Stunden), mit Emmanuel Mutai (2:03:13) und Eliud Kipchoge, der in diesem Jahr in London gewann (2:04:05).

Ronoh soll, gemeinsam mit zwei weiteren „pace makers“, dafür sorgen, dass die Spitze jeden einzelnen Kilometer in 2:52, höchstens 2:53 Minuten hinter sich bringt. Das ist Weltrekordtempo. Vor allem aber ist dies die Zeit der Favoriten. Ihm gehört sie nicht.

Kilometergeld von 500 Euro

5000 Euro bekommt ein Spitzen-„Hase“ auf die Hand, weitere 5000, wenn er bis Kilometer dreißig durchhält, und für jede weitere Anstrengung gibt es 500 Euro Kilometergeld. Dann soll aber auch Schluss sein. „Tempomachern ist es verboten zu gewinnen“, sagt der Berliner Race Director Mark Milde. „Wir haben die Verabredung, dass sie nicht einmal ins Ziel laufen dürfen.“ Just dieser Gedanke aber verlockt den 24 Jahre alten Philemon Ronoh. „Wenn nach 30 Kilometern die Beine noch gut sind“, sagt er am Freitag in Berlin, „werde ich Tempo machen. Warum soll ich nicht durchlaufen? Den Sieger werde ich nicht herausfordern.“

Wie die Favoriten des Laufs, wie die Veranstalter, denkt Philomon Ronoh an seine Bestzeit. Sie ist für Laufprofis bares Geld wert. Eliud Kipchoge und die anderen Favoriten hätten bei den Herbst-Marathons in den Vereinigten Staaten höheres Startgeld verlangen können als in Berlin. Doch sie investieren hier in ihre Bestzeiten. Geoffrey Mutai ist seinen phantastischen Rekord in Boston gelaufen auf einer Strecke, die abschüssig ist und kein Rundkurs - der Rekord gilt also nicht. Die anderen wollen sich an die Spitze der Spitze setzen, sportlich und wirtschaftlich. Sollte einer den Weltrekord unterbieten, den Dennis Kimetto im vergangenen Jahr in Berlin auf 2:02:57 Stunden verbesserte, wird er an Sieg- und Zeitprämien 120.000 Euro einstreichen. Doch wirklich wertvoll machen einen solchen Erfolg die Werbe- und Startgelder, die folgen.

„Hasen“ sind schnell, aber sie sollen nicht gewinnen - und bekommen deswegen besondere Trikots
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Ronoh, der seinen schnellsten Marathon im vergangenen Jahr in 2:07:07 Stunden in Hamburg lief, würde mit einer Zeit von unter 2:06 Stunden in eine neue Dimension vorstoßen, in eine Welt des Langlaufs, in der es Zehntausende Dollar Startgeld gibt. „Man muss abwägen“, sagt er deshalb, „ob ich hier um eine ,personal best’ laufe, obwohl ich keine Prämien gewinnen kann ...“ Milde ist damit nicht einverstanden: „Ich will nicht, dass ein Tempomacher im Hinterkopf hat, zu finishen. Er soll sich nicht dafür schonen, sondern seinen Job erledigen und bis zum Ausscheiden am Anschlag laufen.“

Milde verteidigt das Monopol, das Berlin auf Marathon-Weltrekorde hat. 1998 verbesserte der Brasilianer Ronaldo da Costa auf dem flachen, von Geraden und von weiten Kurven geprägten Kurs die Jahrzehnte alte Bestzeit auf 2:06:05 Stunden. Paul Tergat holte die Bestzeit 2003 von dem Amerikaner Khalid Khannouchi zurück, der ihn zweimal verbessert hatte (2:04:55). Seitdem ist sie nur in Berlin unterboten worden: 2007 und 2008 von Haile Gebrselassie, dem äthiopischen König der Langstrecke, (2:04:26 und 2:03:59), seitdem dreimal von seinen kenianischen Nachfolgern; 2011 von Patrick Makau (2:03:38), 2013 von Wilson Kipsang (2:03:23) und 2014 von Dennis Kimetto (2:02:57).

Ihnen allen stellten die Veranstalter Tempomacher zur Verfügung, einigen von ihnen bis zu sechs. „Ich erwarte nicht, dass sich die Spirale immer weiterdreht“, sagt Milde. „Aber wenn Topläufer ihre Limits ausprobieren wollen, führt kein Weg an Berlin vorbei.“

In der Konkurrenz um den Rekord der Männer können nicht einmal die großen amerikanischen Läufe mit ihren enormen Startgeldern und ebenso hohem Preisgeld mithalten. Deshalb haben sie „die Tyrannei der Zeit abgeworfen“, wie es ein amerikanischer Kommentator beschrieb. Chicago beschäftigt in diesem Jahr erstmals, wie es in Boston schon immer der Fall war und beim New-York-Marathon seit 2007 Usus ist, keinerlei Tempomacher. „Die Läufer haben sich zu sehr auf das Tempo vorn verlassen“, klagt Race Director Carey Pinkowski, der das Tempomachen in Chicago 1990 eingeführt hatte. „Ohne Hasen brauchen die Spitzenläufer mehr Konzentration. Wir werden mehr taktisch geprägte Rennen sehen, Strategie und Wettbewerb das gesamte Rennen hindurch.“ Seine Hoffnung: „Großartiger Wettbewerb schafft großartige Leistungen.“

Das ist selbstverständlich in Berlin nicht anders. Vor fünfzehn Jahren zog der als Tempomacher verpflichtete Simon Biwott durch und siegte. Als sich im Jahr darauf, 2001, Joseph Ngolepus am Vorabend des Rennens bei der Läuferin Tegla Loroupe darüber beklagte, dass er statt einer Startnummer ein „Pace“-

Im Schatten der „Hasen“: in Berlin soll der Weltrekord fallen
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Schild bekommen habe, erzählte diese ihm die Geschichte vom falschen Hasen - und Ngolepus rannte bis ins Ziel, als Erster. Und als 2003 ein gewisser Sammy Korir bis Kilometer dreißig Weltrekordtempo für den großen Paul Tergat gemacht hatte, stoppte er ab und fragte seinen Manager, ob es okay sei, wenn er durchlaufe. Ja, erwiderte dieser. Korir forderte Tergat zu einem packenden Spurt ins Ziel und wurde, knapp geschlagen, zweitschnellster Marathonläufer der Welt, 42 Sekunden unter dem alten Weltrekord von Khannouchi.

Inzwischen haben sich die sechs Veranstalter der Jahreswertung World Marathon Majors darauf geeinigt, nicht mehr als drei Tempomacher an der Spitze einzusetzen. Doch in Berlin, der Welthauptstadt des schnellen Marathons, reichen drei Tempomacher ganz und gar nicht. Zwei weitere werden auf 2:07 Stunden abzielen, zwei auf 2:09, und drei werden die Gruppe anführen, in der die schnellsten deutschen Läufer 2:12:15 Stunden erreichen wollen. Und dann sind da noch die Frauen. Das Stichwort heißt: Olympiaqualifikation.

In Berlin schneller als anderswo

Nicht nur die Schnellsten der Welt, sondern jeder ambitionierte Marathonläufer rennt in Berlin schneller als anderswo. Die Veranstalter sind stolz darauf, dass fünf irische Läufer am Sonntag praktisch ihre Trials in Berlin austragen werden, dass sie eine polnische Gruppe unterstützen können, die 2:09 zu erreichen versucht. „Im Vorjahr der Olympischen Spiele hat sich das Interesse von Elite und Subelite mehr als verdoppelt“, konstatiert Milde. „Das freut uns, denn wir haben kein Interesse, dass an der Spitze Riesenlücken zwischen den Siegern und den anderen Läufern entstehen.“

Simon Stützel schließt eine dieser Lücken. Mit 2:17 Stunden Bestzeit und dem Sieg im Karlsruhe-Marathon am vergangenen Wochenende auf seiner Seite, macht er auf der ersten Hälfte des Berlin-Marathons Tempo für seinen Vereinskameraden Julian Flügel, der sich für Olympia in Rio qualifizieren will. „Wir nehmen Marathon absolut als Teamsport“, sagt er über seinen Beitrag in Training und Wettkampf. So wichtig ist der Beistand - Anwesenheit und Zuspruch mehr als Windschatten und Flasche -, dass manche Läuferin ihm schon mit Brief und Pralinenschachtel fürs Tempomachen dankte.

Auftraggeber Tergat (vorne) profitierte bei seinem Weltrekord 2003 vom „Hasen“ Korir
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„Im Wettkampf gehen Tempomacher und Läufer einen emotionalen Bund ein.“ Eigentlich sei es totaler Quatsch, ein Rennen stoisch in einem Tempo zu laufen, sagt Stützel. Doch das Anstrengende am Marathon sei die Konzentration. Mit dem richtigen Tempomacher könnte sich ein Läufer oder eine Läuferin mental schlafen legen, verbrauche kaum Energie und gehe frisch in die zweite Hälfte des Rennens - immer noch gut 21 Kilometer.

Das deckt sich mit der Beobachtung von Shalane Flanagan. Im vergangenen Jahr versuchte die Amerikanerin, ihren Landesrekord zu brechen: in Berlin und zum ersten Mal mit der Hilfe von Tempomachern. „Ich musste nicht nachdenken. Ich musste mein Hirn nicht gebrauchen“, erzählt sie. Rennen ohne Tempomacher, sagt sie, seien spannender, „wie ein Boxkampf. Du musst rangehen, du brauchst eine Strategie. Es ist anstrengender. Insgesamt kommen dabei unterhaltsamere Rennen heraus.“ Mag sein. „Aber wenn man keine Tempomacher mehr hat, gibt es auch keine Weltrekorde“, sagt Hermann Achmüller. Er ist schon einen mitgelaufen.

„Die Kunst des Tempomachers ist die Ruhe“

Das war 2001, als Naoko Takahashi in Berlin als erste Frau unter 2:20 Stunden lief. Achmüller, ein ambitionierter Hobbyläufer aus Südtirol, stieß damals im Rennen zufällig auf die Japanerin und blieb länger an ihrer Seite als die Tempomacher. Seitdem, scherzt er, liefen ihm die Frauen nach. Für Irina Mikitenko, Sabrina Mockenhaupt und viele andere war er im Rennen der Mann an ihrer Seite. Inzwischen 44 Jahre alt wird er am Sonntag versuchen, Anna Hahner zu einer Bestzeit zu verhelfen - obwohl er vor zwei Wochen noch an der 100-Kilometer-WM teilnahm und fürchtet, dass die Beine sich noch nicht recht erholt haben. Sein Job: „Die Frauen vor denen zu schützen, die sich ins Fernsehbild drängen.“ Tempomachen versteht er als anspruchsvolle Aufgabe: „Die Kunst des Tempomachers ist Ruhe.“

Da ist er ganz bei den Profis aus Kenia. „Schnell rennen zu können reicht nicht, um ein guter Tempomacher zu sein“, sagt David Kogei, einer der drei Spitzen-Tempomacher mit einer Halbmarathon-Bestzeit unter sechzig Minuten. „Wir kontrollieren die Spitze, wir kontrollieren das Rennen.“ Manchmal sei es entmutigend, räumt er ein, vorn zu laufen, aber nicht ans Ziel zu kommen. Doch für ihn, da gibt es keine Zweifel, gilt der Kontrakt des Hasen. Seine Zeit soll im November kommen, wenn er beim Ljubljana-Marathon startet. „Jeder will Finisher sein“, sagt Kogei, „ich kann es kaum erwarten.“

Quelle: F.A.Z.
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