Handball-EM

Nur spielen, halten und gewinnen

Von Frank Heike, Hamburg
 - 15:33

Als die deutschen Handballspieler vor zwei Jahren den größten Erfolg der jüngeren Vergangenheit (nach mageren Jahren) feierten, saß Silvio Heinevetter zu Hause in Berlin. Keiner hatte damit gerechnet, dass ihn der damalige Bundestrainer Dagur Sigurdsson nicht berücksichtigen würde, denn Heinevetter war zuvor bei der Weltmeisterschaft 2015 in Qatar Stammkeeper der ersten Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) gewesen. Zusammen mit Carsten Lichtlein vom VfL Gummersbach bildete Heinevetter ein immer verlässliches, manchmal geniales Gespann.

Und nun? Es war kein Vorteil für ihn, dass sein Vereinstrainer auch sein Nationalmannschaftscoach war. Sigurdsson hatte in den Spielen, aber vor allem im Training genau hingeschaut – und Heinevetter gestrichen. Bei den Füchsen Berlin spielte er damals nicht schwach, aber auch nicht überragend. Seinen Posten als Nummer eins im Berliner Tor hatte Petr Stochl übernommen. Gemäß seiner Devise, dass jeder deutsche Bundesligaspieler auch Nationalspieler sein könne, lud Sigurdsson damals Andreas Wolff von der HSG Wetzlar ein – der Rest ist bekannt. Wolff wurde zum Helden im Tor, führte die Deutschen zum Titel, und niemand sprach von Silvio Heinevetter.

Handball-EM 2018: Spielplan, Ergebnisse, Termine

Es ist typisch für den im Sport extrovertierten, ansonsten eher hintergründigen Thüringer, dass er sich mit dem Titel von 2016 nicht mehr beschäftigen will – am liebsten würde er das ganze Thema ruhen lassen. „Es ist doch so, dass im Sport der Erfolg von gestern schon morgen völlig egal ist“, sagt Heinevetter. Die Denkzettel-Diskussion mochte und mag er nicht führen. Etwas kryptisch hatte Sigurdsson damals gesagt, Heinevetter sei „nicht so stabil“ wie Wolff und Lichtlein gewesen, werde aber aus der Nichtnominierung gestärkt hervorgehen.

Schon wahr – aber Heinevetter war schwer angefressen. Insider sagen, er habe die Ausbootung damals genutzt, um den Resetknopf zu drücken: zurück zu den Wurzeln, zurück zum Handball. Die langen Haare ließ er sich abschneiden, den Trainingseinsatz intensivierte er, Interviews gab er wenige und nur wortkarge, und schon bald passten auch die Leistungen wieder – was Sigurdsson zum Anlass nahm, ihn für die Olympischen Spiele 2016 in Rio einzuladen. Heinevetter war zurück im deutschen Tor, und zusammen mit Wolff durfte er sich über die Bronzemedaille freuen. Und auch bei der WM in Frankreich fünf Monate später gehörte er zur DHB-Auswahl.

Bei dem, was Heinevetter als Nationaltorwart zwischen Januar 2016 und Anfang 2018 erlebt hat, ist es naheliegend, das Filmzitat seiner Mailbox auf ihn bezogen zu verstehen: „Manchmal wird man vom Bären verspeist, manchmal verspeist man den Bären.“ Das ist eine Sequenz aus „The Big Lebowski“. Heinevetter guckt gern pfiffige Serien und kultige Filme. Aber den Bären-Spruch will er nicht zu hoch hängen, einfach ein nettes Filmzitat sei das. Er will sich und sein Leben als Handballprofi nicht überhöhen. Spielen, halten, gewinnen – und gut.

Natürlich ist da mehr. Weil er seit 2009 mit der Schauspielerin Simone Thomalla zusammen ist, weil er einer der besten deutschen Torhüter ist, weil er auf dem Feld tobt, wütet, schimpft – und auch mal auf den Gegner losgeht. Es sei doch alles weniger geworden, lässt Heinevetter diese Befunde abperlen. Auch er werde älter. Nur sehr dosiert betritt das Paar die roten Teppiche Berlins, das stimmt. Doch wer ihn beim letzten Bundesligaspiel des Jahres 2017 gegen den SC Magdeburg sah, als er Robert Webers Siebenmeter in der Schluss-Sekunde hielt und den Füchsen wenigstens einen Punkt sicherte, wäre nie auf den Gedanken gekommen, der 33-Jährige sei ruhiger geworden.

Den starken Paraden der Rückrunde im Vereinstrikot ließ Heinevetter vor einer Woche in Stuttgart eine famose Leistung folgen. 36:29 gewannen die Deutschen ihr Testspiel unter dem neuen Bundestrainer Christian Prokop gegen Island. Beim 30:21-Sieg im zweiten Aufeinandertreffen mit Island in Neu-Ulm nur zwei Tage später spielte Heinevetter eine Halbzeit lang und wurde dann von Wolff abgelöst. „Man braucht zwei gute Torhüter, um etwas zu erreichen“, sagt er, „und ich sehe von der Bank manches, was dem Kollegen helfen kann.“ Es ist ein professionelles Miteinander zwischen den beiden besten deutschen Torhütern. Mehr nicht.

Nicht wenige schieben den breit aufgestellten Deutschen die Favoritenrolle für die am gestrigen Freitag in Kroatien begonnene EM zu. Titelverteidiger, kaum Verletzte, ein frischer Wind durch den jungen, neuen Coach – Heinevetter hält das für „Quatsch“. Er sagt: „Wer jetzt schon daran denkt, wer Ende Januar im Finale steht, macht definitiv etwas falsch.“ So langweilig wie nachvollziehbar – immer schön von Spiel zu Spiel denken, was für Heinevetter und die Deutschen heißt: erst Montenegro am heutigen Samstag (17.15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM und im ZDF), dann Slowenien und Mazedonien. Für spektakuläre Paraden fühlt sich Heinevetter weiterhin zuständig. Für revolutionäre Aussagen nicht.

Quelle: F.A.Z.
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