Beachvolleyball

Alles aus Liebe zur Arbeit

Von Achim Dreis, Münster
 - 17:54

Wer moderne Kommunikationsmittel richtig zu nutzen weiß, kann sich auch in einer fremden Stadt schnell heimisch fühlen. Karla Borger und Margareta Kozuch verwenden bei ihren Stationen auf der weltweiten Beachtour eine App, die ihnen anzeigt, wo vegetarische oder vegane Restaurants zu finden sind, denn die beiden Beachvolleyballerinnen legen großen Wert auf gesunde Ernährung und führen einen Teil ihres Erfolgs darauf zurück.

Weil es nun bei ihrer Ankunft vor dem Beachturnier in Münster regnete, sprichwörtlich für die Stadt in Westfalen, fuhren sie statt zum Beach erst mal ins „Peperoni“. Ein kleiner Laden ganz nach dem Geschmack der beiden, wie sich schnell herausstellte. Denn außer beim Buffet mit Salat, Gemüse, Reis und Obst konnte auch bei Trommeln und Gitarren zugegriffen werden. Die Stimmung ähnelte einem alternativen Musikfestival mehr als einer ernsthaften Sportmeisterschaft. „Crazy ist the new normal“, sagte Karla Borger und zitierte damit den aktuellen Slogan des Teams Borger/Kozuch. Und die Verrücktheit im Alltag hat offenbar keinen negativen Effekt auf die Leistung.

Beim Turnier in Münster belegten die beiden großen Blonden nach einem 2:1-Erfolg gegen die Slowakinnen Natalia Dubovcova/Andrea Strbova im kleinen Finale den dritten Platz. Dabei hatten sie keinen leichten Weg durchs Turnier. Im Halbfinale unterlagen sie im vorweggenommenen Endspiel den Weltranglistenzweiten Chantal Laboureur/Julia Sude in zwei Sätzen. Schon ihre Einstiegspartie gegen das aufstrebende Duo Sandra Ittlinger/Kim Behrens war hart, es ging erst nach langer Wartezeit am späten Samstagabend über die Bühne, sie gewannen knapp 2:1. Am Ende setzten sich beim mit 25.000 Euro dotierten Turnier überraschend die Münsteranerinnen Teresa Mersmann und Cinja Tillmann gegen Laboureur/Sude im Finale durch.

Aus der Halle an die frische Luft

„Man kommt weiter, wenn man positiv bleibt“, verrät Margareta Kozuch ihre Philosophie. Wer ein halbes Jahr gemeinsam über die Kontinente zieht, mal in China, mal in Rio spielt, manchmal in Moskau oder eben auch in Münster, der muss sich schon etwas ausdenken, um die Stimmung hoch zu halten. Denn es ist nur vermeintlich ein leichtes Leben. „Wir haben einen 24-Stunden-sieben-Tage-die-Woche-Job“, sagt die 31-Jährige über die Tücken ihres Lebensstil: „Wenn man jedoch etwas zum Beruf macht, das man liebt, hat man aufgehört zu arbeiten.“ Positiver Nebeneffekt: „Wir sind viel an der frischen Luft“, sagen beide lachend. „Aber ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal auf einer Party war“, fragt sich Kozuch.

Die fast 1,90 Meter große Blockerin spielt erst im zweiten Jahr auf der Beachtour. Vorher war die gebürtige Hamburgerin Kapitänin der deutschen Hallen-Nationalmannschaft. Doch nach 336 Länderspielen und dem Gewinn der Champions League mit ihrer italienischen Vereinsmannschaft suchte sie die sprichwörtliche neue Herausforderung – und fand sie im Duett mit der zwei Jahre jüngeren Karla Borger. Abwehrspezialistin Borger ist schon seit Jahren an den Sportstränden unterwegs, feierte 2013 ihren größten Erfolg als WM-Zweite und gewann 2016 EM-Bronze. Nach Olympia trat ihre langjährige Partnerin Britta Büthe zurück. Borger/Kozuch bildeten danach ein überraschendes, vielversprechendes und in der Szene sehr beachtetes Projekt, hatten allerdings mit unerwarteten Schwierigkeiten zu kämpfen. Der Deutsche Volleyball-Verband (DVV) verweigerte ihnen den Status als Nationalteam, weil sie nicht am Stützpunkt in Hamburg trainieren wollten, verwehrte ihnen auch bei wichtigen Turnieren die Spielberechtigung. Sie fuhren trotzdem hin. „Wir wollten zeigen, dass wir wollen“, erinnern sich beide: „Wir wollten den Anschluss nicht verlieren.“ Sie durften zwar nicht immer mitspielen, konnten aber immer trainieren, zumeist mit starken Teams, blieben somit dran am hohen Niveau. „Stupid positive“ lautete ihr damaliger Slogan, weil sie sich oft selbst fragten, warum sie das alles machen, und auch noch so gut gelaunt.

Die beiden toughen Blonden gehen ihre gemeinsame Beachkarriere als Lebensentwurf an. Sie versuchen, unterwegs mit Freunden und Bekannten in Kontakt zu bleiben, wenn sie schon die eigenen Familien nicht dabeihaben können. Die ewige Reiserei soll nicht zu Einsamkeit führen. Dank ihrer weltweit gepflegten Kontakte können sie manchmal privat wohnen, was sich wohltuend vom Hoteleinerlei abhebt. In China wurden sie schon mal zu einer Hochzeit eingeladen. Sie sammeln Geschichten auf ihrer Reise, die sie später erzählen können.

Und zu den Storys sollen selbstverständlich auch sportliche Erfolgsgeschichten gehören. „Natürlich wollen wir gewinnen, am liebsten jedes Spiel“, sagt Karla Borger. „Aber es ist extrem schwer, Medaillen als Ziel auszugeben.“ Sie könnten nur versuchen, stets hundert Prozent zu geben, und dann zu sehen, wozu es reicht.

Den Status Nationalteam dürfen sie immerhin mittlerweile tragen. Der Disput mit dem DVV hat sich gelegt, was mit viel Arbeit und Gesprächen verbunden war, und ihnen nun mehr Ruhe, mehr Kraft und bessere Planungssicherheit gibt. Bis zu den Olympischen Spielen in Tokio 2020 wollen die beiden ihre Möglichkeiten auf jeden Fall weiter ausreizen. Und auch danach wird ihnen etwas einfallen. „Future is female“ steht auf einem goldenen Armband, das Karla Borger trägt. „Wir haben noch viel Potential“, sagt sie.

Quelle: F.A.Z.
Achim Dreis
Sportredakteur.
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