Unser täglich Buch (3)

Die aus der Kälte kommt

Von Thomas Klemm
 - 08:14

Seit geraumer Zeit herrscht im Tenniszirkus eine überraschende Offenherzigkeit. Reihenweise bekennen sich Profis, die auf dem Platz Stärke zeigen müssen, zu ihren Schwächen. Als es für Rafael Nadal nicht so gut lief in jüngster Vergangenheit, gestand der Spanier, wie stark seine Selbstzweifel sind. Der Australier Bernard Tomic, für seine oft lustlosen Auftritte berüchtigt, gab unlängst zu, dass er den Tennissport eigentlich gar nicht mag und nur spiele, weil es leicht verdientes Geld sei. Sein Landsmann Nick Kyrgios erklärte seine wechselhaften Ergebnisse damit, dass er hin- und hergerissen sei zwischen seinem Drang, erfolgreich zu spielen, und seinem Bedürfnis, ein ruhiges Familienleben abseits des Rampenlichts zu führen. Daneben geben auch andere Profis in letzter Zeit einiges von sich preis, nicht zuletzt in den sozialen Netzwerken, wo beispielsweise Serena Williams in Wort und Bild über ihr Dasein als junge Mutter twittert.

Vor diesem Hintergrund durfte man gespannt sein, wie freimütig sich die sonst auf freundliche Art zugeknöpfte Maria Scharapowa in ihrer Autobiographie „Unstoppable“ gibt. Im Vorwort des englischsprachigen Buches schürt die Russin die Spannung und wendet sich an ihre Leser: „Sie müssen diese verrückte Geschichte erfahren. Mit anderen Worten: Sie müssen alles erfahren.“

Was die Dreißigjährige allerdings auf rund 300 Seiten ausbreitet, ist nicht mehr als eine Satz für Satz kalkulierte Aufsteigergeschichte von einem sibirischen Mädchen, das sich aufmachte, den Traum seines Vaters zu erfüllen und die Nummer eins der Tenniswelt zu werden. Sie erzählt, wie in Russland ihr Talent entdeckt wurde, wie sie mit ihrem Vater in die Vereinigten Staaten auswanderte, mit nicht mehr als einer Handvoll Dollars in der Tasche, und in Florida mühevoll einen Platz zum Wohnen und zum Tennisspielen fand. Bei ihren Trainingseinheiten zu Sonnenaufgang musste sie sogar die alten Kleidchen des damals umschwärmten russischen Tennisstarlets Anna Kurnikowa auftragen.

Vieles, was in der Autobiographie steht, ist bekannt. Den Rest umgibt eine Aura der Distanziertheit, die Maria Scharapowa auch auf dem Platz zeigt: „Kein Gefühl. Keine Angst. Wie Eis. Ich will mich nicht mit den anderen Mädchen anfreunden, weil es mich weicher macht und ich dann leichter zu schlagen bin“, schreibt Scharapowa. Auf keinen Fall Schwäche zeigen und bloß nicht verlieren, das ist das Ziel, dem sie ihr ganzes Leben unterordnet. Der sportliche Erfolg gibt ihr recht. Nach ihrem sensationellen Wimbledon-Sieg 2004 als 17-Jährige wird sie zum Weltstar und bestverdienenden Sportlerin, vier weitere Grand-Slam-Titel hat sie gewonnen und 21 Wochen lang an der Spitze der Weltrangliste gestanden.

Scharapowas Lebensbericht, in dem von Selbstzweifeln keine Rede ist (nicht einmal in den Kapiteln über ihren Dopingfall), bleibt oberflächlich. Sogar selbstaufgeworfene Fragen, ob sie als junges Ausnahmetalent einsam und traurig gewesen sei, beantwortet die Russin lapidar. „Weiß nicht. Es ist halt mein Leben, ich habe kein anderes zum Vergleich.“ Mentaltraining? Ist Mumpitz, findet die Russin, die aus der Kälte kommt. Bevor sie 300 Dollar für ein Psycho-Gespräch ausgebe, kaufe sie lieber ein paar Schuhe, schrieb sie als Teenager in ihr Tagebuch.

Selbst ihre desaströse Bilanz gegen Serena Williams – 19 Niederlagen in 21 Spielen, der letzte Sieg liegt 13 Jahre zurück – kann Scharapowa keineswegs erschüttern. Stattdessen erklärt sie ihre Sicht, wie es zum angespannten Verhältnis zur Erzrivalin kam: Dass sie nach dem Wimbledon-Sieg 2004 ihre Finalgegnerin in der Kabine habe weinen sehen, habe ihr die Amerikanerin nie verziehen. „Dafür hasst sie mich.“ Sogar „kleines Miststück“ habe Williams sie hinterrücks genannt.

Andre Agassi hat mit seiner 2011 erschienenen Autobiographie „Open“ dazu beigetragen, dass Tennisprofis heute freimütiger über ihr Innerstes sprechen. Maria Scharapowa verschließt sich diesem Trend – und damit auch dem Leser.

Maria Scharapowa: „Unstoppable, My life so far.“ Sarah Crichton Books, 304 Seiten, etwa 19 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Klemm, Thomas
Thomas Klemm
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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