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Simeonis Wochenschau

Einfach anschauen, doppelt denken

Von Evi Simeoni
 - 18:44
Gregorij Rodtschenkow war einst Laborchef in Moskau. Bild: dpa, F.A.Z.

Chapeau: Bitte notieren: I – k – a – r – u – s. Wer sich für Sport interessiert, muss diesen Film gesehen haben. Eigentlich hatte der amerikanische Regisseur Bryan Fogel nur dokumentieren wollen, wie er im Selbstversuch das Dopingsystem im Radsport umging. Dabei geriet er an einen Berater namens Gregorij Rodtschenkow, Laborchef in Moskau. Und das war dann zufällig genau der Mann, der das russische Staatsdoping mit seiner Fachkunde und einiger krimineller Energie in die Tat umgesetzt hatte.

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Die beiden kommunizierten über Skype. Im Film sehen wir erschrocken, wie Rodtschenkow nach den ersten Enthüllungen des Westens um sein Leben zu fürchten beginnt. Wie er mit Fogels Hilfe in die Vereinigten Staaten ausreist und wie er, um sich selbst zu schützen, erst bei der „New York Times“ und dann bei den Behörden auspackt. Allein das Grauen in den Gesichtern der internationalen Athletensprecher, als sie das Ausmaß des Betrugs erstmals erkennen, ist es wert, die Dokumentation bei Netflix anzusehen. Da braucht es keine Worte mehr.

Attaque: Vielleicht ist das der Grund, warum Thomas Bach sich den Film nicht angesehen hat. Zumindest hat der Chef-Olympier, der eigentlich die Athleten vor Momenten des Grauens schützen soll, das letzte Woche gesagt. Vielleicht ist ihm ja einfach zu viel Wahrheit darin? Schließlich ist dokumentierte Wirklichkeit die größte Bedrohung des Pragmatikers. Da bietet sich ihm und der russischen Führung, die gerne ihre Betrugs-Truppe auch bei den nächsten Olympischen Spielen dabei hätte, doch eher die Technik des „Doppeldenk“ an: mit der korrigierten Erinnerung Politik machen.

Nichts zugeben und trotzdem von Verbesserungen des Systems schwadronieren. Im Namen der Gerechtigkeit ungerecht sein, im Namen der Fairness unfair. „Die Logik gegen die Logik ins Feld zu führen! Die Moral zu verwerfen, während man sie für sich in Anspruch nahm.“ Fürwahr, die Welt hat größere Sorgen als Sportbetrug durch die russische Führung und die opportunistische Milde Olympias. Aber auch hier bestätigen sich Prinzipien aus Orwells „1984“.

Quelle: F.A.Z.
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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