New England holt Titel

Das größte Comeback der Super-Bowl-Geschichte

Von Heiko Oldörp, Houston
 - 05:23
© AP, reuters

Der Weg in die Geschichtsbücher der National Football League war für Bill Belichick und Tom Brady ein äußerst steiniger – und sah zwischenzeitlich gar unpassierbar aus. Doch mit dem größten Comeback der Liga-Geschichte drehten die New England Patriots am Sonntag im Super Bowl von Houston gegen die Atlanta Falcons noch ein fast schon verlorenes Finale und holten sich durch einen 34:28-Sieg nach Verlängerung den fünften Titel.

Quarterback Brady ist nun endgültig da, wo ihn viele ohnehin schon seit einiger Zeit sehen – ganz oben in der Liste der besten Spielmacher. Durch seinen fünften Super Bowl-Sieg hat er jetzt einen Titel mehr als sein Idol, Joe Montana, sowie Terry Bradshaw. Auch Trainer Belichick ist mit fünf Meisterschaften im Ranking der Trainer ganz alleine an der Spitze.

„Wir lagen 3:28 hinten, aber wir haben nie zurück geschaut. Wir haben großartige Spieler, die machen einfach weiter. Die spielen 60 Minuten oder sogar länger”, sagte ein von diversen Flüssigkeiten völlig durchnässter Belichick bei der Siegerehrung. Anschließend hielt Brady die Vince-Lombardy-Trophe in den Händen. „Wir haben hierfür das ganze Jahr gearbeitet und wir bringen das Ding hier jetzt nach Hause”, schrie er unter dem Jubel der zig tausenden Patriots-Fans ins Stadion-Mikrofon. Als die Patriots am Montag vor ihrem Stadion in Foxborough, etwas außerhalb von Boston, von ihren Anhängern Richtung Texas verabschiedet wurden, hatte Brady noch hervorgehoben, dass das Endspiel „die größte Herausforderung der Saison” werde. Er sollte Recht behalten.

Atlanta hatte zwar in den vorangegangenen Playoff-Spielen daheim die Seattle Seahawks (36:20) und Green Bay Packers (44:21) klar besiegt und die punktbeste Offensive der Saison. Dennoch war der Verein aus der Hauptstadt von Georgia im Duell gegen die stabilste Verteidigung der Liga leichter Außenseiter. Dem jungen Team von Trainer Dan Quinn fehlte es vor allem an Erfahrung – und das war vielleicht letztlich der entscheidende Faktor. „Was soll ich groß sagen? Das ist eine schwere Niederlage, wir sind alle enttäuscht, waren so nah dran”, ärgerte sich Quarterback Matt Ryan.

Zu Beginn war jedoch bei den Falcons nichts von Lampenfieber oder Nervosität zu spüren. Obwohl dies für das Gros des Teams das erste Finale war, spielte Atlanta stark. Die Defensive ließ die von Brady dirigierte Offensive der Patriots nicht in Schwung kommen. Und die eigenen Angriffe inszenierte Matt Ryan mit viel Übersicht und Klasse. Am Vorabend war der 31-Jährige zum „wertvollsten Spieler” (MVP) der NFL-Vorrunde gekürt worden. Im Super Bowl zeigte Ryan, dass er nicht nur von Anfang September bis Ende Dezember grandios dirigieren kann, sondern auch, wenn mehr als 100 Millionen Landsleute zuschauen, der Druck am größten ist und jeder auch noch so kleine Fehler bestraft wird.

Atlanta führte durch zwei Touchdowns von Runningback Devonta Freeman und Tight End Austin Hooper 14:0. Als New England anschließend in der 28. Minute erstmals tief in die Falcons-Hälfte kam, fing Cornerback Robert Alford einen Brady-Pass ab, lief über das gesamte Spielfeld und stoppte erst, als er nach 82 Yards in New Englands Endzone angekommen war – 21:0. Kicker Stephen Gostkowski sorgte unmittelbar vor der Halbzeit mit einem Field Goal für die ersten Patriots-Punkte. Der 3:21-Rückstand erschien dennoch aussichtslos. Wollten sie noch Meister werden, brauchten die Patrioten das größte Comeback der Super Bowl-Geschichte. Die gezeigten Leistungen beider Teams in den ersten 30 Minuten ließen das jedoch nicht vermuten.

In der Halbzeitpause sang Popikone Lady Gaga unter anderem ihren Klassiker „Pokerface”. Vielleicht hatten die Patriots ja im ersten Durchgang nur geblufft und würden nach Wiederbeginn ihr wahres Gesicht zeigen? Doch es deutete nichts darauf hin. Ryan arbeitete weiterhin mit der Präzision eines Chirungen, lieferte millimetergenaue Anspiele auf seine Angreifer. Und die Patriots-Offensive fand weiterhin keine entscheidenden Lücken in der gegnerischen Verteidigung. Spätestens mit dem Touchdown-Lauf von Tevin Coleman zum 28:3 musste die Partie einfach entschieden sein. Was sollte hier noch passieren? Selbst als James White in der 43. Minute auf 9:28 verkürzte, ahnten die 70.807 Zuschauer nicht, was sie im Schlussviertel noch zu sehen bekommen würden.

Natürlich waren noch 15 Minuten zu spielen, aber die Falcons mussten den Vorsprung einfach nur verwalten, um auf den Football-Thron zu fliegen. Doch statt der Krönung gab es für sie einen steilen Absturz. Kicker Gostkowski gelang das 12:28, sechs Minuten vor Ende verkürzte Danny Amendola auf 18:28. Der anschließende Zwei-Punkte-Versuch war erfolgreich, so dass New England nur noch 20:28 hinten lag. Im Stadion kam erstmals Spannung auf.

Atlantas Offensive war kaum noch effektiv. Die Patriots-Verteidiger wühlten sich entschlossener und erfolgreicher zu Ryan durch oder waren so nah an den Wide Receivern dran, dass diese die Bälle nicht mehr ungestört fangen konnten. Als noch dreieinhalb Minuten zu spielen war, hatte Brady den Football. Er ging voran, sah seine Mitspieler, warf diese so genau an, dass sie trotz engster Deckung die Pässe fangen und festhalten konnten. Innerhalb von 2:30 Minuten hatte Brady sein Team einmal über das Feld geführt und White den Ball zum 26:28 in die Endzone gebracht. „Jetzt kommt der wichtigste Zwei-Punkte-Versuch in der Geschichte der Patriots”, hieß es bei den Kommentatoren des NFL Networks.

Und die Patriots behielten die Nerven. Brady passte seitlich auf Amendola, der besorgte den Rest. So musste erstmals ein Super Bowl in der Verlängerung entschieden werden. New England bekam den Ball und New England nutzte diese Chance zum Sieg. Brady brachte seine Patrioten abermals souverän bis kurz vor den Falcons-Endzone. Und in der vierten Minute der Extra-Schicht beendete James White mit einem Zwei-Yard-Lauf ein unvergessliches Spiel, das seinen festen Platz in Nordamerikas Sportgeschichte einnehmen wird.

Quelle: FAZ.NET
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