NFL-Playoffs

Streit im Football-Paradies

Von Jürgen Kalwa, New York
 - 14:03

Die Zeit war schon weit fortgeschritten an diesem ganz bestimmten Sonntag im Frühjahr 2000. Und die Spieler mit den besseren Entwicklungsprognosen längst vergeben, als Bill Belichick mit dem 199. Pick bei der Nachwuchsdraft der größte Glücksgriff seines Lebens gelang. Es kam zur Verpflichtung eines jungen Footballspielers, den niemand anderer in der National Football League (NFL) haben wollte: Tom Brady.

Anders als seine Kollegen sah der Trainer der New England Patriots in diesem Quarterback jede Menge Potential. Auch wenn Brady mit seinem blassen, nackten Oberkörper und einer schlabbrigen langen Unterhose beim Fototermin während der offiziellen Musterung aller Kandidaten so gewirkt hatte, als interessiere er sich nicht im Geringsten für seine berufliche Zukunft.

Belichicks Riecher ist einer der Gründe dafür, weshalb der Trainer heute als Football-Genie gilt. Denn aus dem Hänfling wurde einer der bis heute besten Spielmacher der NFL. Und zusammen gewannen sie fünfmal den Super Bowl. Die Achse zwischen beiden war das stabilste Element in einem gutgetakteten Getriebe aus ständig wechselnden Zahnrädern. Brady war nicht nur lernfähig und belastbar, sondern entwickelte sich zu einem der fittesten Spieler der Liga, der selbst im Alter von 40 Jahren noch in der Knochenmühle körperlich mithält. Obendrein stellte der Mann mit der Nummer zwölf nie die Autorität des Patriarchen Belichick in Frage. „Er ist ein unglaublicher Entscheider und weiß, wie man Spielern erklärt, was genau man von ihnen will“, lautete seine Haltung. „Alle fügen sich in sein System. Er passt das System nicht an die Spieler an.“

Doch im Dezember konnte man nach einem Patzer von Brady im Spiel gegen die Buffalo Bills in einer kurzen giftigen Auseinandersetzung an der Seitenlinie erkennen, dass es mit der Harmonie nicht mehr gut bestellt ist. Zwar bellte der Quarterback nur Belichicks wichtigsten Assistenten an, aber schon das kam in New England einem Akt der Gehorsamsverweigerung gleich. Für den Missmut gab es handfeste Gründe. Denn zur selben Zeit hatte Belichick einen der wichtigsten Gefährten seines Starspielers in die Schranken verwiesen: Fitnesstrainer Alex Guerrero darf nicht mehr im Mannschaftsflieger mitreisen und nicht mehr bei Spielen an der Seitenlinie stehen, um sich in die Behandlung von Patriots-Spielern einzumischen. Keine gute Nachricht für den Gesundheits-Guru, der mit Brady unter dem Markennamen „TB12“ ein kommerzielles Fitnessprogramm mit Tausenden von Kunden auf die Beine gestellt hat.

Für den auf Erfolg ausgerichteten Trainer waren die Nebengeräusche so lange kein Reizthema, wie sie nicht seine Arbeit beeinträchtigten. Das Verhältnis zu Brady spitzte sich zu, als er vor ein paar Monaten unter Druck geriet, einen hochtalentierten Quarterback-Ersatz abzugeben. Für Jimmy Garoppolo hätte die Sache nicht besser ausgehen können. Denn der landete im Rahmen eines Spielertausches bei den San Francisco 49ers, wo er für den rasanten Formanstieg der Mannschaft sorgte: Für das innere Gefüge bei den New England Patriots war die Rochade allerdings eher abträglich. Tom Brady hatte sich zuvor an Klubbesitzer Robert Kraft gewandt, weil er keine Konkurrenz im Team haben wollte, die seinen Plan durchkreuzen könnte, bis Mitte 40 weiterzuspielen. Belichick, ein von Resultaten besessener Mann ohne jede sentimentale Anwandlungen, muss nun sehen, wie er mit einem alten Quarterback zurechtkommt, der zunehmend an Schulter- und Achillessehnenproblemen leidet, seltener beim Training dabei ist und im Spiel so wirkt, als er sei er nicht mehr ganz so schnell unterwegs wie früher. Der Coach reagierte dem Vernehmen nach wütend und demoralisiert auf die Anordnung von oben.

Als die Details vor ein paar Tagen in einem Bericht auf der Website des Fernsehsenders ESPN ans Tageslicht kamen, demonstrierten Belichick, Brady und Kraft in einer offiziellen Stellungnahme allerdings einen Schulterschluss. Alle Theorien über etwaige Zerwürfnisse und Spannungen seien „unbegründet, deutlich übertrieben oder schlichtweg ungenau“. Das nächste Spiel in der zweiten Runde der Playoffs in der Nacht von diesem Samstag auf Sonntag (2.15 Uhr MEZ bei ProSieben und DAZN, siehe Infokasten) gegen die Tennessee Titans bietet sich allerdings nicht als Testfall an, um den Stand der Beziehungen zwischen den Hauptfiguren zu ermitteln. Die Patriots sind mindestens eine Klasse besser als das Team aus Nashville und selbstverständlich weiterhin Favorit auf den Gewinn der Meisterschaft, die in vier Wochen beim Super Bowl entschieden wird. Doch die Herausforderung wird mit jedem Spiel schwerer. Und schon eine einzige Verletzung des Quarterbacks kann alle guten Absichten über den Haufen werfen. Einen brauchbaren Ersatz hat Belichick nicht.

Die Divisional-Round im Überblick

Samstag, 13. Januar 2018

Atlanta Falcons – Philadelphia Eagles (22.35 Uhr MEZ bei ProSieben und DAZN)

Sonntag, 14. Januar 2018

Tennessee Titans – New England Patriots (2.15 Uhr MEZ bei ProSieben und DAZN)

Jacksonville Jaguars – Pittsburgh Steelers (19.05 Uhr MEZ bei ProSieben MAXX und DAZN)

New Orleans Saints – Minnesota Vikings (22.40 Uhr MEZ bei ProSieben und DAZN)

Quelle: jaeh./F.A.Z.
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