Olympia-Kommentar

Mixed-Wahn auf dem Wasser

Von Michael Reinsch
 - 12:41

Einem Paar aus Frau und Mann bietet die Welt Herausforderungen, von denen Singles nicht einmal träumen und auch Teams von Frauen oder Männern nicht. Eine der größten von ihnen soll bei den Sommerspielen von Tokio 2020 den olympischen Ritterschlag erhalten. Der Mixed-Wahn, der die Olympier befallen hat, wird auch in Japan Blüten treiben. Als in Rio 2016 Frauen im Boxen, Stabhochsprung und Gewichtheben reüssierten, da blieb, kein Mensch weiß, warum, der Canadier männlichen Athleten vorbehalten.

Knien im Boot und es mit dem Stechpaddel vorantreiben, das war bei Olympia seit 1924 Männersache. Deshalb bekamen Kanutinnen in vielen Ländern nie ein Stechpaddel in die Hand – nur Gold-Perspektive zählt. In zwei Jahren werden erstmals auch Frauen im Canadier an Olympia teilnehmen dürfen. Das traditionsreiche Boot scheint endlich angekommen in der Gegenwart. Neben dem verkürzten Sechstagerennen Madison, Judo-Wettbewerben und sogar einer Vier-mal-400-Meter-Staffel soll es auch einen Mixed-Wettbewerb im Canadier geben. Die Sportlerin und der Sportler werden in ein und demselben Boot sitzen.

Da spielen Weltverband und Olympisches Komitee mit dem Feuer. Jeder Kanute weiß, dass Freundschaften und Ehen gefährdet sind, wenn Paare erstmals gemeinsam in einem Canadier sitzen. Klassischerweise sitzt er hinten und staunt, wie unvorhersehbar sich ein so langes, stabil wirkendes Boot auf dem Wasser bewegt, ob er das Paddel durchs Wasser zieht oder nicht. Genauso klassischerweise sitzt sie im Bug, ebenfalls mit Paddel, doch erstaunlicherweise ohne Kontrolle über die erratischen Richtungswechsel und stets zwei, drei Meter näher an der drohenden Kollision als der verzweifelte Steuermann.

Auf olympischem Niveau entwickeln Zweier-Canadier ein ballethaftes Zusammenspiel, im kombinierten Vortrieb des handbreiten Rennbootes über 1000 Meter und vor allem im Tanz mit den Wellen beim Slalom. Damit soll es nun, weil männlich, vorbei sein. Ausgerechnet die Sportart, die Millionenausgaben für den Wildwasserkanal erforderlich macht, sieht sich gezwungen, den Männer-Zweier zu opfern, um Platz für Frauen im Programm zu schaffen. Eine Petition zur Rettung des C2 bei Olympia mit weltweiter Resonanz macht deutlich, dass niemand die Athleten gefragt hat. Das Argument der limitierten Startplätze macht deutlich, dass nur noch 330 Kanuten (bei 500 Ruderern) zu den Spielen dürfen, 110 weniger als noch in Barcelona 1992. Als säßen sie zum ersten Mal im Boot: Die Steuerleute des Weltverbandes sind mächtig angeeckt.

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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