Freispruch für Sagan

Mit Haken und Ösen

Von Rainer Seele
 - 18:25

Der Internationale Radsportverband (UCI) hat sich eine Menge Zeit gelassen in der Causa Peter Sagan, aber seit Dienstag hat es der Slowake schwarz auf weiß: Er ist rehabilitiert, sozusagen freigesprochen vom Vorwurf, seinen Rivalen Mark Cavendish bei der Tour de France im vergangenen Juli absichtlich zu Boden gerammt zu haben. Damit ist auch eine Anhörung vor dem Internationalen Sportgerichtshof um die Rechtmäßigkeit der Disqualifikation Sagans hinfällig. Die UCI lenkte damit in einer brisanten Angelegenheit ein.

Sagan war nach der vierten Etappe der Tour 2017 wegen eines vermeintlichen Ellbogenchecks gegen den Briten Cavendish, der stürzte, sich eine schwere Schulterverletzung zuzog und das Rennen beenden musste, vom prestigeträchtigsten Spektakel des Radsport ausgeschlossen und nach Hause geschickt worden. Sagan und sein deutscher Rennstall, das Team Bora-hansgrohe, hielten die Entscheidung für überzogen und protestierten heftig.

Tatsächlich hatte es Zweifel gegeben, ob der dreimalige Straßen-Weltmeister, der zudem bereits fünfmal das Grüne Trikot als bester Sprinter bei der Tour gewonnen hat, wirklich für den großen Crash zur Verantwortung gezogen werden konnte. Oder ob er im Eifer des Gefechts, im Duell mit dem ebenfalls nicht gerade zimperlichen Cavendish, seinen Arm „nur“ ein bisschen zu arg zur Seite gestreckt hatte. Solche Szenen kommen häufiger vor im Radsport, vor allem bei der Tour, bei der Jagd ihrer Protagonisten nach dem kleineren oder größeren Glück – ohne dass von der Jury bei Karambolagen im Endspurt immer so hart wie im Fall Sagan durchgegriffen wird.

Damals war auch bemerkenswert, dass andere Rennfahrer wie André Greipel, die zunächst noch über Sagan gezetert hatten, sich wenig später fast solidarisch mit dem Slowaken zeigten. Sie behaupteten, dass die Sache doch nicht eindeutig zu bewerten sei. Wohl auch in dem Bewusstsein, selbst nicht immer Kinder von Traurigkeit zu sein in einem Massensprint, der nicht selten in ein Hauen und Stechen ausartet. Wobei die rasende Meute von Veranstaltern wie der Amaury Sport Organisation, die unter anderem die Tour organisiert, mit riskanten Streckenführungen bewusst in waghalsige Manöver getrieben wird, speziell bei Zielankünften.

Der Streit zwischen der UCI, die nun von einem „unglücklichen Rennunfall“ spricht, und Sagan ist also beigelegt; der Slowake sieht seinen Ruf wiederhergestellt und will ebenso wie seine Equipe keine Regressansprüche stellen. Immerhin wird der Vorfall von Vittel aber nicht einfach zu den Akten gelegt. Der neue UCI-Präsident David Lappartient aus Frankreich kündigte als Konsequenz aus dieser Affäre den Einsatz eines Videoexperten bei strittigen Vorkommnissen an. Sagan hat dem Radsport damit sogar einen Dienst erwiesen. Allerdings hätte die UCI ohne weiteres schon wesentlich früher ein solches Überprüfungssystem installieren können. Mit ihm lässt sich in jedem Fall für mehr Klarheit sorgen bei heiklen Situationen wie in Vittel. Das Wesen des Radsports wird es aber nicht ändern: Profis wie Sagan oder Cavendish werden weiter mit Haken und Ösen und in hohem Tempo um Siege und um Ruhm kämpfen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Seele, Rainer (rse.)
Rainer Seele
Sportredakteur.
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