Rad-Team Bora-hansgrohe

Reihe zwei macht Druck auf die Stars

Von Tom Mustroph
 - 14:11

Nächste Grand Tour, nächster Schritt – so sieht die Entwicklung beim Team Bora-hansgrohe aus. Der Rennstall mit Sitz in Oberbayern war mit drei Etappensiegen durch den Iren Sam Bennett und gleich zwei Plätzen unter den Top 10 des Gesamtklassements einer der erfolgreichsten beim Giro d’Italia. Ähnliche Bilanzen erhofft sich Rennstallchef Ralph Denk nun auch bei der „Großen Schleife“ in Frankreich. „Es wäre schön, wenn wir einfach copy & paste machen könnten“, sagt er. Denk erhofft sich auch bei der Tour de France Etappenerfolge und einen einstelligen Rang im Klassement. „Hinzu kommt natürlich das Grüne Trikot, das wir mit Peter Sagan anstreben.“

Der Name Sagan deutet es schon an: Das Personal, das die Siege holen soll, ist ein anderes als beim Giro. Bennett tritt wieder zurück ins zweite Glied und lässt dem Weltmeister Sagan den Vortritt bei den Massensprints in Frankreich. Bennett konnte zwar beim Giro auftrumpfen und seine Palmarès gehörig veredeln. Er schlug im direkten Duell in Rom am Sonntag auch den vierfachen Etappensieger Elia Viviani. Außer Viviani und Bennett selbst war aber kein weiterer Top-Sprinter beim Giro zugegen – aber natürlich muss man auch in dieser Konstellation seine Klasse zeigen.

Bennett setzte sich durch. Und er rief erstmals auf der Grand-Tour-Bühne stabil seine hohe Endgeschwindigkeit ab. Aber der Mangel an Konkurrenz – kein Marcel Kittel, kein André Greipel, kein Mark Cavendish, kein Fernando Gaviria etwa – relativiert die Siegesserie dann doch. Höher einzuschätzen als Bennetts Darbietungen waren bei diesem extrem umkämpften und daher auch sehr kraftraubenden Giro die Auftritte des Österreichers Patrick Konrad, der Siebter wurde, des Italieners Davide Formolo, der letztlich an Position zehn geführt wurde. Besonders Konrad, 26 Jahre alt, überzeugte durch Stärke in den Bergen und Tempohärte im Flachen. Er schaltete sich sogar immer wieder in die Sprintvorbereitung für Bennett ein. Formolo, ein Jahr jünger als Konrad, ist ein reiner Kletterer. „Er hat eine noch bessere Plazierung durch seinen Sturz am Ätna verpasst. Das war der einzige negative Aspekt für uns“, sagt Denk.

Bei der Tour gehören aber weder Formolo noch Konrad zum Aufgebot. „Wir wollen Luft ranlassen und unsere jungen Leute nicht überpacen“, sagt Denk. Kapitän fürs Klassement wird wie im letzten Jahr Rafal Majka sein. Der Pole, zweifacher Bergkönig der Tour und Olympiadritter von Rio, brachte sich bei der Kalifornien-Rundfahrt in Form. Er musste sich dort aber unter anderem dem Kolumbianer Egan Bernal vom Team Sky, und auch Adam Yates, dem Zwillingsbruder des den Giro lange dominierenden Simon Yates, geschlagen geben. Auch für Sagan verlief der Trip nach Übersee mit zwei dritten und zwei vierten Plätzen nicht ganz nach Wunsch.

Die Giro-Performance des zweiten „Anzugs“ von Bora-hansgrohe setzt nun die Stars auch etwas unter Druck. „Es gibt schon einen teaminternen Wettbewerb unter den einzelnen sportlichen Gruppen und auch unter den sportlichen Leitern, wer welche Erfolge einfährt. Die stacheln sich gegenseitig an“, sagt Denk. Seine Equipe ist mittlerweile so gut besetzt, dass es sogar einen dritten Kader für die dritte große Rundfahrt gibt. Der frühere deutsche Meister Emanuel Buchmann ist als Anführer für das Team bei der Vuelta gesetzt. An der Tour nimmt er nicht teil. Statt Helferaufgaben für Majka in Frankreich zu verrichten, soll Buchmann einen Monat später in Spanien erstmals mit dem Druck eines Leaders bei einer großen Rundfahrt umgehen lernen.

Was wie eine Degradierung klingt, Vuelta statt Tour, ist eher eine Maßnahme, die seine Karriere fördern soll. Auf den einen oder anderen Mitstreiter aus Boras Garde beim Giro kann Buchmann laut Denk dann auch bauen. Der Termin im Frühherbst passt auch gut zum letzten Höhepunkt der Radsport-Saison, zur Straßen-Weltmeisterschaft in Innsbruck. Sie ist auf Rennfahrer zugeschnitten, die im alpinen Gelände bestens zurechtkommen. „Buchmann ist als Kapitän der deutschen Mannschaft vorgesehen“, sagt Denk. Die Übergabe des Regenbogentrikots von Sagan an Buchmann wäre der Gipfel des Glücks für das bayerische Team.

Einer, der einst als das deutsche Rundfahrttalent schlechthin gepriesen wurde, Silvio Herklotz, hat Denks Radsportgruppe inzwischen verlassen. Der gebürtige Berliner wechselte zum zweitklassigen spanischen Team BH Burgos. „Er muss sein Talent jetzt dort erst einmal bestätigen“, sagt Denk. Auf dem Weg nach oben im Profiradsport bleibt der eine oder andere offenbar doch zurück. Das Team Bora-hansgrohe scheint das leicht kompensieren zu können.

Quelle: F.A.Z.
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