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Radsport-Kommentar

Rund um Ullrich

Von Anno Hecker
© dpa, F.A.Z.

Echte Freundschaften sind viel wert. Vor allem, wenn sie auf die Probe gestellt werden. Es ist schön zu sehen, dass der frühere Radprofi Jan Ullrich trotz seiner intensiven Doping-Vergangenheit und mancher Eskapade Menschen um sich weiß, die ihm zur Seite stehen. Artur Tabat, Chef-Organisator des Radrennens „Rund um Köln“, gehört offenbar zu den Unterstützern. Zu einem vermutlich recht großen Kreis von Ullrich-Fans, die zehn Jahre nach dessen Abstieg vom Rennrad mit wachsender Ungeduld einen Wiederaufstieg ihres Heroen anstreben, die Rückversetzung nach einer Dekade auf den Olymp. Schließlich war Ullrich der erste deutsche Tour-de-France-Sieger und Galionsfigur eines Radsport-Booms. Irgendwann muss man doch mal einen Schlussstrich ziehen, nicht wahr?

Tabat hat die Sache in die Hand genommen und Ullrich am Dienstag öffentlich zum Sportlichen Leiter von „Rund um Köln“ berufen. „Ich möchte ihm diese Chance geben“, wird Tabat zitiert, „er gehört nach oben.“ Da hört man den Schmerz heraus, den der Fall Ullrichs unter den Liebhabern des Profi-Radsports ausgelöst hat. An Ullrich haben viele geglaubt, obwohl sie als Insider wissen oder als Zuschauer nach den vielen Andeutungen und Beschreibungen in Zeitungen über das massenhafte Doping im Peloton zumindest ahnen mussten, wie vollgepumpt mit Pharmaka nicht nur die Besten dieser Sportart ihre Runden drehten.

Es war ein offenes Geheimnis, es stand damals in Deutschland nicht unter Strafe, und der Sport tat wenig, seine proklamierte Anti-Doping-Haltung durchzusetzen. Im Gegenteil. Er schützte seine Stars so gut es ging vor der Enthüllung der Manipulation. Ullrich hat damals nicht nur behauptet, „mit diesen Sachen nichts zu tun“ zu haben. Er sah sich als Opfer.

Ullrich hat die Chance verstreichen lassen

Davon hätte man gerne mehr erfahren. Von seiner Rolle, wie er als einer der begabtesten Radsportler Deutschlands in die Doping-Szene hineinfuhr oder von Trainern, Teamchefs und Doktoren hineingefahren wurde. Warum er sich Medikamente mit unkalkulierbaren Nebenwirkungen verabreichen ließ, wie er sich fühlte so an der Nadel beim Bluttransfer vor der nächsten Bergetappe, bei dem ganzen Versteckspiel und der Lügerei.

Ullrich hat kaum etwas dazu gesagt, er hat die Chance verstreichen lassen, mit der ungeschminkten Wahrheit eines berühmten Zeitzeugen auf Veränderungen zu drängen, junge Radrennfahrer vor dem falschen Weg zu warnen. Statt dessen präsentiert Tabat nun einen Sportlichen Leiter, von dem man nur weiß, dass er sich nie entschieden von der Doping-Geschichte losgesagt hat: „Ich habe keinen betrogen“, hatte Ullrich nach seinem Rückzug mit Blick auf den Manipulations-Alltag im Profiradsport behauptet und sein Doping als Mittel für „Chancengleichheit“ verteidigt. Diese Haltung mag teilweise wahr sein. Aber sie ist eine fatale Botschaft für alle Nachfolger.

Quelle: F.A.Z.
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Jan Ullrich | Köln