Traditionsturnier in Balve

Geballte Energie führt zum Sieg

Von Evi Simeoni, Balve
 - 19:08

Kaum hatte Sönke Rothenberger den Grand Prix Special beendet, schlug er die Hand an die Stirn. Das sollte wohl ausdrücken: Wie konnte ich nur einen so dummen Fehler machen? Sein Wallach Cosmo hatte alles richtig gemacht. „Mein Pferd war voll da“, sagte Rothenberger. „Ich als Reiter leider nicht.“ Zwischendurch hatte er sich schlicht im Programm geirrt. Statt geradeaus weiter zu traben, wendete er nach links auf die Diagonale und parierte zum Schritt durch. Tadelnd klingelte der Chefrichter mit dem Glöckchen, Rothenberger besann sich und setzte sein Programm nun wieder in korrekter Reihenfolge fort. „Ich war so vertieft in die Aufgabe, dass ich plötzlich nicht mehr wusste, ob geradeaus, links oder rechts“, sagte der 23 Jahre alte Student aus Bad Homburg hinterher zerknirscht. „Ich bin aber froh, dass ich danach so weiter reiten konnte und nicht komplett die Fassung verloren habe.“

Die Folgen hielten sich in Grenzen. Rothenberger wurde trotz eines weiteren winzigen Fehltrittes mit 83,706 Prozentpunkten deutscher Meister der Dressurreiter im Grand Prix Special, und einen Tag später setzte er in der Kür (88,425) gleich den nächsten Sieg drauf. Es sind seine beiden ersten deutschen Meistertitel in einer Disziplin, die in letzter Zeit eigentlich von einer anderen beherrscht wird: von Isabell Werth, der erfolgreichsten Reiterin der Welt. Zweimal hat Rothenberger sie in Balve auf ihrem Olympiapferd Weihegold geschlagen, in der Qualifikation am Freitag und im Special am Samstag. Zur Kür am Sonntag trat sie nicht an. Es war das erste Mal, dass Rothenberger sich mit Cosmo an Werth und Weihegold vorbeischob.

Bei den Europameisterschaften im vergangenen Jahr in Göteborg hatte er das Spitzenpaar zwar mächtig unter Druck gesetzt, der Überholversuch war aber knapp gescheitert. Ob Balve eine Ablösung bedeutet, bleibt aber offen. Das Duell dürfte im Juli beim CHIO in Aachen in die nächste Runde gehen und möglicherweise im September bei der Weltmeisterschaft in Tryon (North Carolina). Falls Isabell Werth dort wirklich Weihegold aufbieten wird und nicht den elfjährigen Westfalen Emilio, ihren neuen Star. Im vergangenen Jahr hatte dieser Wallach Cosmo bei den deutschen Meisterschaften noch voll im Griff gehabt.

Weihegold war nicht in Bestform

Cosmo aber, der nicht sehr freundliche, aber hochbegabte Braune aus niederländischer Zucht, zeigte sich nach langer Winterpause weiter verbessert und gereift: Der starke Trab gelang wie eh und je mit imponierendem Schwung. Und die Piaffen, bis dato mit sichtlicher Vorwärtstendenz, zelebrierte er jetzt nahezu am Platz. Womöglich wäre der Grand-Prix-Special als Cosmos bisher bester in die Geschichte eingegangen, wäre seinem Reiter nicht besagter Lapsus passiert. In der Kür gaben beide eine herausragende Vorstellung. Ausgeruht, wie Cosmo war, strahlte er geballte Energie aus, ein Pferd im Vollbesitz seiner Kräfte – ganz im Gegensatz zu Weihegold, die sich nicht gerade in Bestform befand.

Eigentlich war sie nur für die Qualifikationsprüfung vorgesehen gewesen, um wieder in die Turniersituation zurückzufinden, nachdem sie aus Zucht-Gründen aus dem Sport genommen worden war. „Letzte Woche hat sie noch ausgesehen wie eine schwangere Auster“, sagte Isabell Werth. Weil aber Weihegolds Stallkollege Emilio sich kurz vor der Abfahrt eine kleine Verletzung zuzog und ausfiel, musste die Stute zusätzlich im Grand-Prix-Special für ihn einspringen, auch aus Rücksicht auf den Veranstalter, der noch weitere hochkarätige Abmeldungen hatte verkraften müssen.

In den legendären Kampfmodus wollte Isabell Werth ihre stets leistungswillige Stute aber nicht versetzen. Dieses eine Mal hob sie den Fehdehandschuh eines Herausforderers nicht auf. Für Höchstleistungen hat Weihegold jüngst zu viel Substanz verloren. Weihegolds Besitzer, von denen Isabell Werths Mäzenin das Pferd geleast hat, bestehen darauf, jedes Jahr zwei Embryonen zu gewinnen, die von Leihmüttern ausgetragen werden. Inzwischen hat Weihegold, mit der Isabell Werth seit 2016 Mannschafts-Olympiasiegerin, dreifache Europameisterin und zweimalige Weltcupsiegerin geworden ist, neben der Sport-Karriere schon sieben oder acht Nachkommen produziert.

Jedes Mal musste sie die körperliche und mentale Belastung einer solchen Aktion verkraften. „Ich glaube nicht, dass man ahnt, was das für eine Strapaze ist“, sagte Bundestrainerin Monica Theodorescu in Balve. „Solch eine Doppelbelastung ist leider nicht so glücklich.“ Allerdings erhole sich Weihegold jedes Mal erstaunlich gut. „Sie legt einen Schalter um und zündet wieder.“ Obwohl diesmal die Vermehrungsaktion, die nach dem gewonnenen Weltcup-Finale im April in Paris begonnen und vor zwei Wochen beendet wurde, nicht zum Erfolg führte, bleiben Weihegold zumindest für dieses Jahr weitere Versuche erspart. Und auch die deutsche Meisterschafts-Kür am Sonntag wurde ihr nicht mehr zugemutet.

Ihre Aufgaben erledigte Weihegold mit der gewohnten Klasse, aber es schlichen sich Fehler ein, am teuersten ein Schnitzer in den Einer-Wechseln. Dass sie trotzdem als jeweils Zweite in der Qualifikation nur einen Zehntel-Prozentpunkt und im Special nur einen Prozentpunkt unter Rothenbergers Sieger-Note blieb, zeigt ihre grundsätzlichen Qualitäten. „Ich bin mit Weihegold sehr zufrieden“, sagte Isabell Werth, zumal am Rande des Vierecks ein prominenter Beobachter das Geschehen verfolgt hatte: Manuel Neuer. Der National-Keeper begleitete seine Frau Nina, die in Balve mit dem wunderbaren Hengst Don Darius in einer Dressur-Nachwuchsserie startete. Zur Abwechslung einmal Viereck statt Kasten für den Fußball-Weltmeister.

Stevens gewinnt beim Springreiten

Beim Turnier der Springreiter schwächelten die Altmeister in der letzten Runde der deutschen Meisterschaft ebenfalls ein wenig und machten Platz für einen Kollegen aus der zweiten Reihe: Der 35 Jahre alte Mario Stevens aus Molbergen gewann am Sonntag seinen ersten nationalen Titel auf dem französischen Wallach Talisman de Mazure.

Als Vierter war er in den letzten von vier Umläufen gestartet, als Sieger ging er daraus hervor. Der bis Sonntagnachmittag Führende, der hochdekorierte Favorit Marcus Ehning aus Borken, Mannschafts-Olympiasieger von 2000 in Sydney und dreimaliger Weltcupsieger, gab mit der Stute Cristy nach zwei Abwürfen auf. Auch Carsten-Otto Nagel mit Chairman und Markus Beerbaum mit Cool Hand Luke, zwei Nationenpreisreiter mit jahrzehntelanger Erfahrung, mussten Stevens in der Schlussrunde den Vortritt lassen. „Die Kollegen haben mitgemacht“, sagte Stevens.

Der Sohn von Delikatessenhändlern aus Niedersachsen war der einzige Teilnehmer des Traditionsturniers im Sauerland, der ohne jeden Hindernisfehler geblieben war. In drei von vier Runden überschritt er die erlaubte Zeit, bekam je einen Strafpunkt angekreidet, was am Ende aber für den Titel reichte. Er und sein Pferd hätten sich vor Balve kaum gekannt, sagte Stevens. Talisman gehört ihm erst seit vier Wochen. Im Sommer 2017 hatte die britische Legende John Whitaker den Wallach auf Turnieren vorgestellt. Stevens kaufte ihn über Umwege von Prinzessin Haya von Jordanien, der ehemaligen Präsidentin des Weltverbandes und Ehefrau des Regenten von Dubai. Vor sechs Wochen hatte sich Stevens einer Magenoperation unterziehen müssen, seit zweieinhalb Wochen reitet er wieder. Nun hofft Stevens auf größere Einsätze, zumal Bundestrainer Otto Becker dabei ist, eine neue Championats-Mannschaft aufzubauen. Deutsche Meisterin der Springreiterinnen wurde im antiquierten, aber beliebten Parallel-Wettbewerb nur für Frauen die 26 Jahre alte Angelique Rüsen auf Reavnir.

Quelle: F.A.Z.
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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