DRB gegen DRL

Die Ringer liegen im Clinch

Von Daniel Meuren, Weingarten
 - 08:43

„Die können uns doch nicht sperren. Wir haben doch kein Doping genommen“, sagt William Harth. Der Satz des 30 Jahre alte Ringers klingt unbedarft, bringt es aber auf den Punkt. Harth ist in der Gewichtsklasse bis 98 Kilogramm einer der besten Freistil-Ringer des Landes. Die Bundesliga war immer seine große Bühne. Er zahlte für die Gunst der Fans mit großen Siegen zurück oder auch mal mit einer zumindest dramatischen Niederlage – wie an diesem Abend beim 3:18 seines SV Germania Weingarten gegen den VfK Schifferstadt aufgrund einer Aktion seines georgischen Gegners Mamuka Kordzaia in der Schlusssekunde. Besonders wohl fühle er sich nun seit vier Jahren in Weingarten, wo auch sein ein Jahr jüngerer und gut 20 Kilogramm leichterer Bruder Georg auf die Matte gehe, wo Ringer ordentlich bezahlt würden für entsprechende Leistungen. Deshalb stand für ihn immer außer Frage, dass er den Weg seines Klubs in die Deutsche Ringer-Liga (DRL) mitgehen werde. So wurde Harth ungewollt zum Revolutionär.

Die DRL ist entstanden aus der Abspaltung der erfolgreichsten Ringer-Vereine der vergangenen Jahre, die nach einem jahrelangen Streit um mehr Mitsprache bei Organisation und Vermarktung und eine mögliche Gründung eines Ligaverbands nach dem Vorbild von Eishockey oder Tischtennis nicht mehr mit dem Deutschen Ringer-Bund (DRB) zusammenarbeiten wollten. Die Gründung einer zweiten Eliteliga ist ein Politikum, da im internationalen Sport das Ein-Verbands-Prinzip gilt: Jeder Weltverband darf nur einen Sportverband pro Land akzeptieren. Entsprechend drohte der internationale Ringerverband (UWW) nicht nur den Vereinen, sondern auch Sportlern wie Harth mit Sanktionen, wenn sie in der DRL starten.

Das Schweizer Bezirksgerichts Vevey erkannte allerdings am Donnerstag die Einstweiligen Verfügungen der DRL an. Geschäftsführer Markus Scheu reagierte laut einer Mitteilung erleichtert und sagte: „Wir haben immer gesagt, dass die Sperrandrohungen gegen unsere Sportler keine Rechtsgrundlage haben. Die heutige Entscheidung zeigt, wie fundiert unsere Rechtsposition ist. Ab sofort können alle auf unseren Meldelisten vertretenen Ringer in der DRL starten, ohne Angst vor einer Sperre zu haben.“

Während in Weingarten der erste Kampfabend vor fast ausverkaufter Halle dennoch hervorragend organisiert über die Bühne ging, mit zehn teils hochklassigen Kämpfen, mussten in Eisleben beim Kampf gegen Ispringen zwei Duelle vertagt werden, da Ringer beider Teams kurzfristig Muffensausen bekommen hatten. Die deutschen Spitzenringer um Weltmeister Frank Stäbler sind schon vorab in die DRB-Liga gewechselt. Stäbler kritisierte den DRB indes, dass er den Streit auf dem Rücken der Athleten austrage. Er ließ sich deshalb das Hintertürchen offen, nach Bundesliga-Ende eventuell noch in den DRL-Finalkämpfen für Weingarten an den Start zu gehen.

Einige Sportler – wie der vom saarländischen Bundesligaklub Köllerbach nach Weingarten gewechselte Jan Fischer – haben sich hingegen bewusst für die DRL entschieden. „Ich war es satt“, sagt der 31 Jahre alte Griechisch-Römisch-Spezialist: „Ich mache das jetzt mit allen Konsequenzen, bin aber kein Märtyrer für die DRL. Ich denke in erster Linie an mich und meine sportlichen Ambitionen.“ In Köllerbach brachte seine Mannschaft im vergangenen Jahr gelegentlich nicht einmal zehn gesunde Ringer auf die Matte, von konkurrenzfähigen Sportlern will er gar nicht sprechen. „Da wurde nicht alles getan, damit wir Erfolg haben und fürs Ringen Werbung machen konnten. Das war demotivierend“, sagt Fischer. Die Nachlässigkeiten aus Köllerbach dienen als gutes Beispiel für die Krise der Bundesliga, wo viele Kämpfe wegen allzu großer Leistungsunterschiede zwischen internationalen Spitzenringern und dritt- bis viertklassigen Deutschen kaum als Duell bezeichnet werden können.

Daniel Wozniak ist im Wissen um die Krise der bei nur noch drei verbliebenen Klubs mit der zweiten Liga zusammengelegten Bundesliga bemüht, derzeit kein weiteres Öl ins Feuer zu gießen. Der DRB-Vizepräsident verweist lieber auf die Zwänge, in denen der im globalen Vergleich kleine und unbedeutende DRB sich wegen der Vorgaben des Weltverbandes befinde. Er betont auch, dass der Verband Gespräche mit den abtrünnigen Klubs pflegen wolle, den ein Fürther Gericht bei einem Termin im August beiden Seiten auferlegt hatte. „Die Ziele der DRL sind bekannt, und in einigem sind wir gar nicht weit voneinander entfernt. Aber bei der Umsetzung sind wir immer noch nicht weiter als im Januar 2016“, sagt Wozniak. Seither wirft der DRB den DRL-Klubs vor, kein tragfähiges Konzept entwickelt zu haben. Wozniak und dem DRB dürfte aber auch bewusst sein, dass sie die DRL-Klubs für ihren in Deutschland insgesamt schwach aufgestellten Sport genauso brauchen wie die DRL irgendwann auch wieder den DRB. Darin liegt vielleicht die Chance zur Versöhnung.

Dieser Weg ist für den Weingartener Vereinsvorsitzenden Ralph Oberacker indes weit. Er bereut selbst nach der 3:18-Auftaktniederlage nichts. Und das, obwohl Weingarten deutscher Meister ist. „Sicherlich wäre ein ,Weiter so‘ in der Bundesliga für uns der leichtere Weg zum nächsten Titel gewesen“, sagt Oberacker. „Trotzdem war es wichtig, die DRL an den Start zu bekommen allen Drohungen zum Trotz, mit denen die Verbände in den letzten Tagen Druck ausgeübt haben.“ Der Streit wird erst einmal weitergehen: Die DRL bereitet derzeit eine Klage gegen die Rechtmäßigkeit der UWW-Drohungen am Verbandssitz in der Schweiz vor. Die Klubs sehen sich dank des EU-Rechts auf Arbeitnehmerfreizügigkeit im Recht.

Quelle: F.A.Z.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Sportredakteur.
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