Roger Federer in Schanghai

Tanz mit der Maus

Von Doris Henkel, Schanghai
 - 15:56
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Im öffentlichen Verkehrsnetz fremder Städte nicht die Übersicht zu verlieren ist bisweilen keine Kleinigkeit. Schanghai ist in dieser Sache allerdings ein guter Platz zum Üben. Die richtige Fahrkarte zu erwischen ist leichter als in München mit seinen Tarifzonen, die Durchsagen klingen verständlicher als in Stuttgart oder Berlin – zumindest deren englischer Teil –, und die Stationen sind so gut gekennzeichnet, dass man sich vergleichsweise mühelos zurechtfinden kann. Das findet Roger Federer auch. Um Promotion für das Mastersturnier in der chinesischen Metropole zu machen, begab er sich dieser Tage in den Untergrund, fuhr für drei Yuan – umgerechnet knapp 40 Cent – eine Station weit mit der Linie, die nach Qi Zhong zum Stadion führt, und plauderte dabei mit sichtlich überraschten Chinesen.

Die Fahrt mit der Metro war Federers letzter Auftritt in einer Reihe bunter Aktionen, zu der auch ein Tanz mit einer chinesischen Mickey Maus gehörte, bevor der Ernst des Turnierlebens mit dem Spiel gegen den Argentinier Diego Schwartzman begann, das er mit ein wenig Mühe in zwei Sätzen 7:6, 6:4 für sich entschied. Wobei, in gewisser Weise gehörte auch ein gemeinsames Abendessen mit seinen Leuten aus Prag noch zum entspannten Programm. Die in der Woche des Laver Cups Ende September entstandene Verbindung zu den Spielern seiner Mannschaft – Rafael Nadal, Alexander Zverev, Dominic Thiem, Marin Cilic, Tomas Berdych und Kapitän Björn Borg – sei wirklich speziell, sagt Federer. Unter dem Titel „Team Europe“ richteten sie einen Gruppenchat ein, in dem Fotos und Videos von der Prager Premiere geteilt wurden, aber die Gruppe war auch aktiv, als Nadal vor ein paar Tagen das Turnier in Peking gewann. Alle gratulierten. Als Federer hörte, dass Borg auch in Schanghai sein würde, trommelte er die Truppe zum Abendessen zusammen. Es sei wirklich schön zu sehen, sagt er, wie da unter allen eine gewisse Freundschaft entstanden sei.

Bereit für einen starken Endspurt

Nun ist Federer fast schon eine Woche in Schanghai, fühlt sich wie immer fast zu Hause in der Stadt und freut sich in frischer Form auf die letzten Herausforderungen der irren Saison, die für ihn Mitte November bei den ATP Finals in London enden wird. Er kann sich sehr gut daran erinnern, wie es ihm als jungem Spieler in den letzten Turnierwochen eines Jahres ging, wie mühselig vieles war. „Ich weiß noch, als ich 19 war und im Herbst in Stockholm spielen musste, und da war es dunkel um vier, da warst du einfach müde im Kopf.“ Im fortgeschrittenen Alter von 36 Jahren geht es ihm auch deshalb viel besser, weil er sich in der Sandplatzsaison eine ausgedehnte Pause gönnte und weil er grundsätzlich mit einem weniger hektischen Rhythmus lebt.

„Ich hab die Geschwindigkeit viel besser im Griff. Früher hab ich vielleicht fünf Turniere am Schluss gespielt, das ist heute anders. Deshalb habe ich auch immer Energie. Und die Pause in der Sandplatzsaison – so was kommt irgendwann zu dir zurück und zahlt sich aus.“

In einer anderen Rechnung wird sich in diesem Jahr vermutlich nichts mehr machen lassen. Nach dem Sieg in Wimbledon hatte es so ausgesehen, als habe er eine realistische Chance, an die Spitze der Weltrangliste zurückzukehren, doch die Rückenverletzung vom Turnier in Montreal blockierte diese Aussicht; auch deshalb, weil Nadal einfach zu erfolgreich war. Nach dem Triumph bei den US Open und dem am vergangenen Sonntag in Peking gewonnenen Titel stehen für den Spanier im Moment 2370 Punkte Vorsprung zu Buche.

„Ich müsste schon hier in Schanghai, bei den Tour Finals, in Paris und in Basel gewinnen, und damit wird die Sache immer unwahrscheinlicher“, sagt Federer. „Aber das ist auch völlig in Ordnung, weil ich nie mit dem Ziel in die Saison gegangen bin, wieder die Nummer eins zu sein. Ich will jetzt einfach nur gut spielen und einen starken Endspurt hinlegen.“ Als einer meinte, die Sache sähe sicher anders aus, hätte Nadal auf den Start bei den Turnieren in Asien verzichtet, meinte der Schweizer, das sei schon richtig. „Aber es wäre nicht dasselbe ohne ihn.“ Auch diese freundliche Botschaft hätte sich im Gruppenchat von Team Europe gut gemacht. Nadal nahm die Vorlage auf und gewann sein Erstrundenspiel gegen den Amerikaner Jared Donaldson problemlos mit 6:2, 6:1.

Quelle: F.A.Z.
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