Rugby-Förderer Hans-Peter Wild

„Es ist tiefstes Amateurtum“

Von Rainer Seele
 - 11:55
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Der Milliardär Hans-Peter Wild hat zwar nie Rugby gespielt, doch der 76 Jahre alte Unternehmer („Capri-Sun“) ist ein Liebhaber dieses Sports. Im vergangenen Jahr kaufte Wild den Pariser Traditionsklub Stade Francais, und auch das deutsche Rugby profitierte in hohem Maß von seinem Engagement. Doch nun wendet sich Wild, der in Zug in der Schweiz lebt, von Rugby-Deutschland ab – mit harscher Kritik.

Warum haben Sie in Deutschland eine Randsportart wie Rugby alimentiert und nicht in größerem Stil den Fußball, was Ihnen vermutlich wesentlich mehr Aufmerksamkeit und auch Rendite gebracht hätte?

Was die Rendite betrifft, könnte ich ja den Dietmar (Hopp) fragen, wie es bei ihm in Hoffenheim aussieht. Ich glaube nicht, dass man diese Sachen aus Renditegesichtspunkten betrachten kann. Das Investment, das ich gemacht habe, etwas mehr als 20 Millionen Euro über zehn Jahre, ist natürlich gering im Vergleich zu dem, was im Fußball läuft. Die Frage ist: Warum unterstütze ich überhaupt Rugby? Seit 1823 ist das Ziel des Rugbysports, den Charakter der Sportler zu bilden, vor allem für junge Menschen in der Entwicklungsphase zwischen elf und 19 Jahren. Auf der Basis von Fairplay, Teamwork, Respekt, harter Arbeit. Darauf lege ich sehr großen Wert. Solche Werte werden im Rugby auch wirklich gelebt. Das hat eine lange Tradition. So etwas gibt es in anderen Sportarten in dieser Form nicht. Das sieht man auch bei den Rugbyspielern untereinander, das ist eine andere Community als Fußball-Community. Da gibt es zum Beispiel keine Hooligans, das ist ein anderes Umfeld. Das ist positiv, das gefällt mir.

Sie haben also keinen großen Bezug zum Fußball?

Doch, ich kenne mich gut aus. Ich unterstütze natürlich den ASV Eppelheim, dem haben wir gerade den Platz neu gebaut. Da haben sehr viele von unserer Firma gespielt.

Sie könnten doch etwa den SV Sandhausen nach oben bringen.

Das haben sie versucht, vor 20 Jahren. Aber ich habe mit denen nie was zu tun gehabt. Ich würde dem Dietmar auch keine Konkurrenz machen. Der macht genug für den Fußball in der Region, das ist super. Und 1899 Hoffenheim ist den anderen Bundesligaklubs um drei Jahre voraus in der Organisation. Die haben jetzt eine Sport-Software entwickelt, wo die gesamte Bandbreite dessen, was Spieler, Organisation oder Ticketing betrifft, abgebildet wird. Wir sind jetzt bei Stade Francais die ersten, die das auf das Rugby übertragen.

Sie sind seit vergangenem Jahr Eigentümer von Stade Francais und seit langem der größte Rugby-Mäzen in Deutschland, nicht zuletzt mit der 2007 gegründeten Wild Rugby Academy (WRA), bei der Spieler und Trainer angestellt sind, die zumeist aus dem Ausland geholt wurden. Warum soll nun plötzlich Schluss damit sein?

Die WRA wird aufgelöst, die wird liquidiert. Wir beenden unser Engagement. Wir kommen noch unseren Verpflichtungen nach, wir zahlen den Spielern großzügige Abfindungen. Das ist mir ein Bedürfnis, denn es sind alles ordentliche Kerle. Aber wir hören auf. Es macht keinen Sinn, und es macht keinen Spaß, das in Deutschland weiterzuentwickeln. Wir haben erreicht, was machbar war in diesem Umfeld, mehr konnten wir nicht machen. Wir hatten Fußballstadien für Rugby-Länderspiele gemietet und 50 000 Euro gezahlt, dass das Fernsehen überhaupt gekommen ist. Jedes Länderspiel hat uns 150 000 Euro gekostet. Und trotzdem haben wir es gemacht. Was wir jetzt noch ausgeben würden, wäre rausgeschmissenes Geld.

Die WRA-Spieler, die teilweise aus Australien oder Südafrika stammen, waren ausnahmslos für den Heidelberger Ruderklub (HRK) aktiv, der dadurch zum deutschen Serienmeister wurde und sich kürzlich sogar für den Challenge Cup qualifizierte, den zweitwichtigsten Wettbewerb im europäischen Vereinsrugby. Hat Ihr Ausstieg auch damit zu tun, dass die Vereinigung „European Professional Club Rugby“ (EPCR) den HRK gleich wieder ausschloss – weil auch Stade Francais am Challenge Cup teilnimmt und ein Interessenskonflikt befürchtet wird?

Das war nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Können Sie den EPCR-Entschluss nachvollziehen?

Er ist unverständlich und rechtlich angreifbar. Ich habe zum Beispiel überhaupt keine Funktion beim HRK. Und auch keine Kontrolle.

Welche Rolle spielt der Streit zwischen der WRA und dem Deutschen Rugbyverband (DRV), der im vergangenen Jahr zum Ende einer Kooperation geführt hatte?

Es ist alles chaotisch im DRV. Und was ist denn „das deutsche Rugby“? Das kannst du vergessen. In Ländern wie Georgien, Italien oder Russland wird professionelles Rugby von den Regierungen unterstützt. Wir haben keinen beim DRV, der es den Ministerien mit fünf Sätzen vernünftig erklären kann. Bei uns ist nichts. Es ist weder der Wille da, noch die Fähigkeit, noch das Geld. Es macht überhaupt keinen Sinn, wenn das einer alleine macht, so wie ich, als Einzelkämpfer. Und es ist noch nicht lange her, dass ich für den DRV bürgen musste, weil er pleite war. Jetzt ist er wieder kurz davor. Ich hatte damals mehr als 50 Prozent der notwendigen Summe, etwa 80 000 Euro, gegeben, damit er weitermachen konnte. Es ist tiefstes Amateurtum.

Angeblich hatte sich auch der Rugby-Weltverband eingeschaltet, um WRA und DRV wieder zusammenzubringen.

Wir hatten uns an den Weltverband gewandt, ich habe die in Paris getroffen. Wir waren uns einig: Es geht in Deutschland nur mit professionellen Strukturen. Der nächste Schritt ist ein Profischritt. Offensichtlich ist das Ergebnis der Gespräche zwischen dem Weltverband und dem DRV aber gewesen: Der DRV ist beratungsresistent. Punkt. Da passiert nichts.

Wird damit auch aus dem Rugby-Leistungszentrum nichts, das Sie in Heidelberg für schätzungsweise zehn Millionen Euro errichten wollten?

Es ist gestorben, bevor ich damit angefangen habe. Das tut mir leid.

Die WRA-Spieler, die auch Nationalspieler sind, waren zuletzt wegen des Zwists mit dem Verband nicht mehr für Deutschland angetreten – mit der Folge, dass das deutsche Team krachende Niederlagen erlitt. Warum sind sie am kommenden Samstag in Heidelberg beim Qualifikationsspiel zur Weltmeisterschaft 2019 gegen Portugal, das für die Deutschen am „grünen Tisch“ zustande kam, wieder dabei?

Deutschland hat ohne die WRA jedes Spiel mit 50 oder 60 Punkten Differenz verloren. Aber am Samstag haben wir eine Chance, die wir uns über zehn Jahre erarbeitet haben. Und die wollen wir nicht einfach weggeben. Außerdem hatte uns der Verband darum gebeten, dass wir dieses Spiel noch bestreiten. Ich bin überzeugt: Wir gewinnen das Ding. Die Spieler sind hochmotiviert und wollen die Sache mit einem „Bang“ beenden.

Bei einem Sieg gegen Portugal ginge es gegen Samoa um die direkte WM-Teilnahme – dann ohne WRA-Beteiligung?

Die Spieler, die noch bis zum Jahresende von uns bezahlt werden, und das sind die meisten, können spielen, wenn sie lustig sind. Da halten wir uns raus.

Schlagen Sie selbst die Tür endgültig zu?

Ich habe angeboten, in einer neuen Konstellation, mit einem Verband, der bereit ist, sich zu professionalisieren, jährlich über einen Zeitraum von fünf Jahren zwei Millionen Euro zu geben, um das deutsche Rugby auf das nächste Niveau zu heben – wenn wir noch zwei, drei weitere große deutsche Unternehmen finden, die mitmachen, in einem deutschen Pool. Das gilt nach wie vor.

Das Nationalteam hat, so lange die Academy-Spieler dabei waren, zwar unter anderem Rumänien geschlagen. In der Bundesliga ist durch die Kombination WRA/HRK und die Dominanz des Ruderklubs aber die große Langeweile ausgebrochen. Das war wohl kaum so geplant.

Wir wollten unsere Spieler, die den Deutschen das Rugby beigebracht haben, auf verschiedene Klubs in Heidelberg, Pforzheim, Frankfurt oder Hannover verteilen. Interesse: null. So ist der HRK den anderen inzwischen um Schaltjahre voraus.

Sie werden sich also künftig ganz auf Stade Francais konzentrieren.

Das ist der Stand zur Zeit. Die sind froh in Paris, dass sie mich haben. Das ist ein Superklub, der durch den gescheiterten Fusionsversuch mit dem Rugbyklub Racing 92 in seinen Grundfesten erschüttert war. Spätestens 2021 sind wir aber wieder französischer Meister. Dieses Jahr waren wir Zwölfter und mussten uns noch anstrengen, dass wir nicht absteigen aus der ersten Liga, der Top 14. Kein einziger der besten Spieler aus Deutschland könnte jedoch für Stade Francais spielen, sie sind nicht gut genug. In Bezug auf Rugby sind wir in Deutschland bestenfalls Kreisklasse.

Rugby wird, global, als schnell wachsender Sport bezeichnet. Das Geschäft mit dem „Ei“ scheint zu florieren, nicht zuletzt durch mythisch verklärte Teams wie die „All Blacks“ aus Neuseeland. Wie beurteilen Sie die Strahlkraft dieses Sports?

Das Problem im Rugby ist, dass keine „asset values“ kreiert werden wie im Fußball, also Vereine wie Manchester United, Bayern München oder Real Madrid. Die haben einen großen Wert. Im Rugby gibt es das nicht. Und trotzdem werden ordentliche Gehälter gezahlt. In Frankreich haben sie Glück, dass sie immer wieder ein paar Privatunternehmer oder große Firmen finden, die die Verluste tragen. Auch Stade Francais macht Verluste. Rugby ist nichts zum Geldverdienen.

Sie hatten früher auch Geld in den Profi-Radsport gesteckt, in das Team Capri-Sonne. Es heißt, Sie hätten sich wegen der Doping-Problematik wieder zurückgezogen.

Das war in den Achtzigerjahren. Damals haben sie immer gesagt: Im Koffer vom Doktor darfst du die erste Lage sehen, die zweite vielleicht, die dritte nie... Wir hatten den Großen Preis von Zürich gewonnen, das war ein Australier, danach hat er ganz stolz Capri-Sonne getrunken – und dann war er positiv. Da habe ich gesagt: Jetzt ist Schluss.

Sie ließen einst sogar die Box-Ikone Muhammad Ali für Ihr Unternehmen werben. Hatte er Ihren Saft jemals auch probiert?

Und wie. Das war für den das Allerwichtigste. Der hat seine Lieferung lange bekommen.

Quelle: F.A.Z.
Rainer Seele
Sportredakteur.
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