Video: F.A.Z. / Sebastian Reuter

Höllentrip über das Mittelmeer

Von SEBASTIAN REUTER
Video: F.A.Z. / Sebastian Reuter

10.08.2017 · Nach dem America’s Cup ist die GC32 Racing Tour die zweitschnellste Regatta der Welt. In der Bucht von Palma de Mallorca fliegen die Katamarane über das Wasser – und sind dabei nur schwer zu bändigen. Das spürt auch eine deutsche Segel-Hoffnung.

D ie Zukunft des Segelns liegt nicht im Wasser – sondern fliegt mehr als einen Meter darüber hinweg: Angespannt bis in den letzten Muskel ihrer durchtrainierten Körper, lehnen sich Erik Heil und seine vier Teamkollegen rücklings über einen der beiden Rümpfe ihres GC32-Katamarans. Sich nur an dünnen Seilen festhaltend und die Füße gegen das rutschige Carbon gestemmt, rast die Crew des „Armin Strom Sailing Team“ über das tiefblaue Mittelmeer in der Bucht von Palma de Mallorca. Unter ihnen schneiden lediglich die vier „Foils“ genannten schwertscharfen Kufen schnell durch das Wasser. Der Rest ihrer fast zehn Meter langen Yacht hat längst den Kontakt zum eigentlichen Untergrund eines Segelbootes verloren.

Schneller Wechsel: Je nach Windrichtung müssen die Segler auf dem Katamaran von einem Rumpf zum anderen wechseln. Foto: Sebastian Reuter
Das Messgerät immer im Blick: Taktiker Flavio Marazzi checkt Kompass, Stoppuhr und GPS-Gerät. Foto: Sebastian Reuter
Wie mit einem Kleinflugzeug über einen Wasserfall: So laut war Segeln selten. Foto: Sebastian Reuter

Die bis zu sechzehn Meter hohen Segel fangen den heißen Wind der Balearen ein, der den Katamaran mit einer Geschwindigkeit von bis zu 40 Knoten (74 Kilometer in der Stunde) vor sich hertreibt, an ihm reißt und ihn fast gänzlich in die Lüfte zu ziehen scheint. Es klingt so, als fliege ein Kleinflugzeug über einen Wasserfall hinweg. Selten war Segeln so schnell und so laut.

Nach dem America’s Cup gilt die „GC32 Racing Tour“ als zweitschnellste Regatta der Welt. Neben den Rennen in Palma sind die Boote unter anderem auch auf dem Gardasee, vor Sardinien und im Hafen von Marseille zu sehen. Vor der Kulisse einiger der schönsten Segelreviere Europas will sich die Tour als kostengünstigere Alternative zum berühmtesten und ältesten Segelrennen der Welt etablieren. Ein ähnliches Ziel verfolgt die „Extreme Sailing Series“, die vom 10. bis 13. August an im Hamburger Hafen gastiert.

Video: F.A.Z. / Sebastian Reuter

Auch Erik Heil ist begeistert von den „foilenden“ – also sich ab einer bestimmten Geschwindigkeit aus dem Wasser hebenden – Katamaranen: „Der Speed übertrifft alles, was ich bislang beim Segeln erlebt habe“, sagt der 27 Jahre alte Berliner, der das für eine halbe Million Euro in Oman gefertigte Boot erstmals im Mai auf dem Gardasee in einem Wettbewerb steuerte – und dort direkt einen Geschwindigkeitsrekord von 41,5 Knoten aufstellte.


„Der Speed übertrifft alles, was ich bislang beim Segeln erlebt habe“
ERIK HEIL

Ein „unfassbarer Höllentrip“ sei das gewesen, sagt Heil, der im Team des Schweizers Flavio Marazzi als Steuermann arbeitet: „Mein Job ist es, so schnell wie möglich durch den Kurs zu steuern – und dabei den Input unseres Taktikers und der Jungs, die die Segel bedienen, aufs Wasser zu bringen“, sagt Heil. Die Aufgabe liegt ihm, der junge Mann mit den langen blonden Haaren ist niemand, der gerne selbst die Kommandos gibt. Auf dem Katamaran blickt er bei voller Fahrt meist schweigend durch seine dunkle Sonnenbrille auf das Wasser, immer auf der Suche nach Windfeldern. „Es dauert länger, die Manöver durchzuführen, doch die Zeit, sie zu planen, ist viel kürzer, als auf anderen Booten. Das ist manchmal echt heftig“, sagt Heil. Allein deswegen muss jeder Handgriff sitzen, jede Ansage eindeutig sein. Für die Rennen ist nicht nur absolute körperliche Fitness notwendig, auch der Kopf muss jederzeit blitzschnell reagieren können.

  • Im Tiefflug über das Meer: Die GC32 Racing Tour ist die zweitschnellste Segelregatta der Welt. Foto: Jesus Renedo/GC32 RACING TOUR
  • Vor der Kathedrale von Palma de Mallorca: das „Armin Strom Sailing Team“ bei einem Manöver. Foto: Jesus Renedo/GC32 RACING TOUR
  • Rasend schnell über das Wasser: Bei perfekten Bedingungen kann der GC32-Katamaran mehr als 40 Knoten – also etwa 74 Kilometer in der Stunde - erreichen. Foto: Jesus Renedo/GC32 RACING TOUR
  • Auf schwertscharfen Kufen: Sind „foilende“ Katamarane die Zukunft des Segelns? Foto: Jesus Renedo/GC32 RACING TOUR

Bei Erik Heil sind beide Voraussetzungen erfüllt. Neben Boris Herrmann, der als erster Deutscher 2020 an der Vendée Globe – einer Non-Stop-Regatta um den Erdball – teilnehmen will und ebenfalls in Palma mit dem Team des Yachtklubs aus Monaco am Start ist, gilt er als große deutsche Segel-Hoffnung: Nach der Bronzemedaille bei Olympia in Rio vor einem Jahr in der 49er-Klasse ist es Heils erklärtes Ziel, bei den Spielen in Tokio ganz oben auf dem Siegerpodest zu stehen. Auch die Teilnahme am nächsten America’s Cup steht ganz oben auf der Liste. „Ich bin fest davon überzeugt, dass ihm beides gelingt. Erik ist das Beste, was wir im Segeln in Deutschland derzeit zu bieten haben“, sagt Frithjof Kleen, der Trainer des „Armin Strom Sailing Team“ und der persönliche Betreuer von Heil.


„Was wir hier machen, ist sozusagen Schach auf dem Wasser. Nur mit mehr Action“
FLAVIO MARAZZI

Dabei verlief die am vergangenen Samstag nach vier Tagen zu Ende gegangene Regatta auf Mallorca für das Schweizer Team mit seinem deutschen Steuermann alles andere als gut: Schon am Tag vor dem ersten Rennen brach ihrem Boot urplötzlich der Bugspriet, eine Fahrt bei vollem Tempo wird dadurch unmöglich. Nur eine durchgearbeitete Nacht ließ den Start am nächsten Morgen zu. Doch auch dann lief nur wenig nach Plan: In drei von zwölf Rennen leisteten sich Heil und seine Crew Fehlstarts, die zeitintensive Strafmanöver zur Folge hatten. Außerdem kassierten sie zwei zusätzliche Strafpunkte für zu aggressive Manöver. Am Ende der Regatta steht nun ein ernüchternder neunter Rang. Vorletzter. „Klar wollen wir in jedem Rennen unter die Top drei segeln. Aber primär geht es darum, uns weiterzuentwickeln, damit wir nächstes Jahr siegfähig sind“, sagt Flavio Marazzi.

Kurze Pause: Steuermann Heil, Taktiker Marazzi und Trimmer Sign (v.l.n.r.) atmen kurz durch. Foto: Sebastian Reuter
Rausgelehnt bei voller Fahrt: Ein Segeltörn auf dem GC32-Katamaran verlangt vollen Körpereinsatz. Foto: Sebastian Reuter
Kurbeln, was das Zeug hält: Alan Sign trimmt die Segel. Foto: Sebastian Reuter

Trotzdem bringen den Schweizer solche Flüchtigkeitsfehler ab und an zum Beben. Vier Mal hat er an Olympischen Spielen teilgenommen und im Jahr 2014 die „GC32 Racing Tour“ mit ins Leben gerufen. Er ist Besitzer, Kapitän und Taktiker des „Armin Strom Sailing Team“ – und gleichzeitig der Vulkan auf seinem Katamaran. Als bei einem Rennen der Wind durch ein zu früh gesetztes Manöver plötzlich abriss, wurde es für den Bruchteil einer Sekunde still auf dem GC32.

Dann tauchten die beiden Rümpfe krachend ins Wasser ein, beendeten abrupt den rasanten Tiefflug über das Mittelmeer – und lösten bei der Crew große Hektik aus. Kommandos wurden wild durcheinandergerufen, Positionen gewechselt, an Seilen gezogen, die Segel neu positioniert. Allein, es brachte nichts. Die Konkurrenz zog vorbei, es dauerte fast eine Minute, bis der Katamaran wieder Fahrt aufnahmFlavio Marazzi schlug sich wütend auf die Schenkel, suchte Augenkontakt mit dem hundert Meter entfernt auf einem Motorboot sitzenden Trainer und zuckte verzweifelt mit den Schultern. Segeln ist eben auch ein Nervenspiel. Wer trifft die Startlinie auf die Sekunde genau? Wer wagt das erste riskante Manöver? Und wer behält auch bei ewig scheinendem Warten auf die Startfreigabe durch die Rennleitung in sengender Hitze auf dem offenen Meer einen kühlen Kopf? „Was wir hier machen, ist sozusagen Schach auf dem Wasser. Nur mit mehr Action“, sagt Flavio Marazzi. Und, dass nur die wenigsten Schachspieler am liebsten über ihr Spielfeld schweben.

10.08.2017
Quelle: F.A.Z.