Skandal im Boxverband

Grüße von Wu, IOC EB-Member

Von Evi Simeoni
 - 11:41

Das Schreiben wurde am 29. September von zwei Exekutivmitgliedern des Box-Weltverbands (Aiba) persönlich abgegeben. Ein Hilferuf ans Internationale Olympische Komitee (IOC), so könnte man die Aktion wohl nennen. Das Führungsgremium der Faustkämpfer wollte nichts unversucht lassen, um den Verband vor dem seiner Meinung nach bevorstehenden Untergang zu bewahren. Das Schreiben enthielt eine genaue Beschreibung der Problemlage der Aiba, die sie auf die Amtsführung ihres Präsidenten Dr. Wu Ching Kuo aus Taiwan zurückführen: Überschuldung, drohende Insolvenz, keine Transparenz, totaler Vertrauensverlust des Präsidenten in der Exekutive. „Der Brief enthält eine Auflistung der Missstände mit Nachweisen“, sagt Jürgen Kyas, Präsident des Deutschen Boxsport-Verbandes und selbst Exekutivmitglied der Aiba. Die Exekutive bat das IOC um eine Untersuchung des Finanz-Status der Aiba. „Leider Gottes sind wir sehr harsch abgefertigt worden, was mich bis heute erbost“, sagt Kyas. Die Antwort des IOC: „Es handelt sich hier um einen internen Disput innerhalb der Aiba.“

Am Dienstag hat die Wu-Opposition das Problem dann nach mehreren harten Runden anders gelöst: Die Disziplinarkommission des Weltverbandes suspendierte Wu, der sich nun vor Gericht wehren will. Das IOC aber hält sich weiter aus der Sache heraus und zieht es vor, sich zu wiederholen: „Dies ist eindeutig ein Teil des laufenden internen Disputs innerhalb der Aiba. ... Bevor wir nicht mehr Details haben, werden wir keine weiteren Kommentare abgeben.“

Offensichtlich spielt es für das IOC keine Rolle, dass die Aiba ein olympischer Verband ist und im November vergangenen Jahres aus den olympischen Fernsehgeldern mehr als 17 Millionen Dollar erhielt. Ein Schuldenberg des Weltverbandes – Kyas spricht von 39,1 Millionen Dollar – müsste für das IOC in diesem Zusammenhang eigentlich interessant sein. Auch die Tatsache, dass Wu seit 1988 Mitglied des IOC ist und seit 2012 einen Sitz in dessen Exekutive hat und dass er dort die Vereinigung der Olympischen Sommersportverbände vertritt, war offenbar kein Grund, sich mit den Missständen in seinem Verband zu befassen.

Nicht nur in diesem Fall beruft sich das IOC auf seine eigene, offenbar lähmende Struktur, die es nicht zulasse, aktiv zu werden. Keinesfalls wolle man sich von der einen oder anderen Seite vereinnahmen lassen. Aus diesem Grund hatte IOC-Präsident Thomas Bach auch seinen Besuch bei den Weltmeisterschaften Ende August in Hamburg abgesagt. Die Bitte um ein Gespräch, die Kyas vor drei Wochen an ihn richtete, beantwortete Bach nicht einmal.

Ein gelebter Interessenkonflikt

Im Rausch der Neutralität hat das IOC aber wohl vergessen, dass Wu als Mitglied seines eigenen Spitzengremiums sich selbst vereinnahmen könnte. In einem Brief, ebenfalls mit Datum 29. September, adressiert an die Präsidenten der Nationalen Olympischen Komitees, teilte Wu mit, dass alle Probleme der Aiba nun gelöst seien. Ein Schweizer Gericht hatte in einem Urteil, das inzwischen durch die Entwicklung überholt wurde, die Absicht seiner Exekutive, ihn abzusetzen, für nicht rechtens erklärt. Wu dankte den „vielen, die mir ihre Unterstützung ausgesprochen haben“. Im Briefkopf links in der Ecke prangen die fünf olympischen Ringe, und darunter steht „International Olympic Committee“. Rechts oben das Aiba-Logo. Er unterschrieb mit „Ching-Kuo Wu, IOC EB-Member, AIBA President“. Neutralität nach Art des Dr. Wu. Ein gelebter Interessenkonflikt. Das IOC wollte diesen Vorgang nicht kommentieren.

Später machte sich Wu, zwar mit Hilfe einer kühnen Interpretation, aber dennoch unwidersprochen, die Unterstützung des IOC vollends zu eigen. In seiner Antwort auf den Hilferuf der Wu-Opposition verwies IOC-Direktor Howard Stupp auch auf die für Wu positive Entscheidung des Schweizer Gerichts. Diese habe das IOC zur Kenntnis genommen. Wu nahm dies zum Anlass, sich in einer Erklärung vom 6. Oktober auf der Aiba-Homepage zu bedanken: „Ich bin sehr glücklich, vom IOC diesen Akt der Solidarität für die aktuelle Führung der Aiba zu empfangen.“ Und weiter: „Dies ist ein wichtiges Statement des IOC, da wir versuchen, diese Episode endlich hinter uns zu lassen.“

Episode – auf dem offiziellen Papier der Aiba-Disziplinarkommission lesen sich die Vorwürfe an Wu geradezu niederschmetternd. Er habe wichtige kommerzielle Vereinbarungen und Schlüsselentscheidungen getroffen ohne Genehmigung der Exekutive. Er habe ohne deren Wissen mit seiner Unterschrift mehrere Darlehen aufgenommen. Er habe die Aiba an den Rand der Insolvenz geführt. Er habe der Exekutive keinen Einblick in die Finanzen gegeben. Er habe versucht, Exekutivmitglieder zu entlassen und zu suspendieren, um deren satzungsgemäße Rechte zu blockieren. Wu bestreitet das.

Seit Mittwoch hat der erste Vizepräsident Franco Falcinelli die Geschäfte am Aiba-Sitz in Lausanne übernommen. So bald wie möglich soll ein Außerordentlicher Kongress die Suspendierung des Präsidenten bestätigen. Kyas ist optimistisch, dass die Nationalverbände mehrheitlich dahinterstehen. Beim Kongress im November 2018 soll ein neuer Präsident gewählt werden. Für Wu ist dann endgültig Schluss, weil seine drei möglichen Amtszeiten erfüllt sind.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Simeoni, Evi
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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