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Tabea Alt bei Turn-EM

Neue Hoffnung auf Medaillen

Von Sandra Schmidt, Cluj-Napoca
© EPA, F.A.Z.

Doppelschraube, Doppelstreck und Dreierserie – das ist es, worauf sich Tabea Alt bei ihrem ersten Mehrkampffinale einer Turn-Europameisterschaft an diesem Freitag vor allem konzentrieren wird. Alles, was um sie herum geschieht, spielt keine Rolle. Tabea Alt sagt das so: „Ich bleib‘ mit meinem Kopf ganz bei mir.“ Das tat sie auch bei ihrem Qualifikationsdurchgang, den sie im Mehrkampf knapp vor der Russin Jelena Jerjomina und als Erstplazierte am Balken abschloss. „Sehr glücklich“ kommentierte sie ihren fehlerfreien Wettkampf.

Die Doppelschraube, ein Salto rückwärts mit zweifacher Längsachsendrehung nach dem Abdruck vom Sprungtisch, meisterte sie ebenso souverän, wie den Doppelstreck, einen Doppelsalto rückwärts in gestreckter Körperhaltung, ihren Abgang vom Stufenbarren. Und auch die Dreierserie auf dem Schwebebalken, wo die direkte Kombination von freiem Rad und zwei gespreizten Rückwärtssalti eine der schwierigsten akrobatischen Serien der Konkurrenz ist.

Die turnerische Vita von Tabea Alt liest sich wie die idealisierende Beschreibung aus einem sehr theoretischen Lehrbuch: Geboren im März 2000 in Ludwigsburg atmete sie mit vier, fünf Jahren in der Mutter-Kind-Gruppe im Heimatverein die erste Turnhallen-Luft, als Zehn-, Elf- und Zwölfjährige gewann sie den Mehrkampf ihrer Altersklasse in Baden-Württemberg, 2012, bei ihren ersten deutschen Jugendmeisterschaften, zwei Titel, 2013 schon vier, 2014 die erste internationale Medaille: Bronze bei der Jugendeuropameisterschaft am Balken.

2016, bei den Olympischen Spielen in Rio, trug sie entscheidende Punkte zum hervorragenden sechsten Rang mit dem Team bei – mit 16 Jahren, dem international geltenden Mindestalter. In diesem März gewann sie den Weltcup in Stuttgart, vor zwei Wochen jenen in London, und damit auch gleich den Gesamtweltcup 2017.

Tabea Alt hat eine sehr klare Vorstellung von dem, was sie will. Vor allem aber formuliert die nun Siebzehnjährige diese Vorstellung so präzise und überlegt, wie es anderen Turnerinnen in ihrer gesamten Karriere nie gelingen mag. „Jede Übung ist wichtig, bei jedem Wettkampf. Die Einstellung ist bei mir immer gleich, bei jeder Übung, in jedem Wettkampf,“ erklärt Alt ernst ihre Haltung.

Als sie ihren eigenen Durchgang im obligatorischen Podiumtraining rekapituliert, hört sich das an wie die schriftliche Analyse eines Trainers: „Am Balken war meine Dreierserie am Anfang ein bisschen unsicher. Das lag aber nicht daran, dass ich kein Gefühl hatte, sondern daran, dass ich zu vorsichtig war und zu genau arbeiten wollte. Ich habe das dann mehrmals nachgeschult, und es hat gut geklappt.“

Tabea Alt (zweite v.l.) trug bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro entscheidende Punkte zum hervorragenden sechsten Rang bei.
© dpa, F.A.Z.

Im Trainingsalltag klingelt der Wecker zu Hause in Ludwigsburg um 5.20 Uhr, es folgt eine Stunde Zugfahrt nach Stuttgart zum Frühtraining, Schulunterricht der zehnten Klasse im Wirtemberg-Gymnasium und die zweite Trainingseinheit, nach der zu Hause dann neben dem Abendessen auch Hausaufgaben warten. Ein klassisches deutsches Turnerinnen-Leben.

Alt weiß darum, dass sie ein anderes Leben hat als „normale Teenager“, und auch, dass sie „auf viel verzichtet“, aber was ihr im Gegenzug gegeben würde, das sei eben „etwas Einzigartiges“. Fragt man die Trainer nach Tabea Alt, wirkt es, als bemühten diese sich deutlich um Zurückhaltung, als gelte es, bloß keinen Druck aufzubauen, keine Erwartungen zu schüren. „Zweifelsohne ein Riesentalent,“ sagt ihr Heimtrainer Robert Mai ziemlich leise, und sie könne auch arbeiten, das sei der große Vorteil.

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Große Talente mit eher mäßigem Trainingseifer hat es schon viele gegeben, sie schaffen es selten in die Spitze oder verlieren schlicht irgendwann auf dem Weg dorthin die Lust. Mai sagt auch, bei Tabea Alt komme noch dazu, dass sie ständig Feedback gebe, das Training sei eine Zusammenarbeit, ein Miteinander – mit anderen Worten: die ideale Trainer-Athlet-Beziehung. Bundestrainerin Ulla Koch charakterisiert ihre Turnerin als „unheimlich überlegt und fokussiert“, ihre einzige Schwäche sei es, „manchmal zu selbstkritisch“ zu sein.

Im vergangenen Jahr in Rio hatte Tabea Alt Probleme mit ihren Wachstumsfugen, denn die Belastungen für Handgelenke, Füße und Rücken sind enorm. Danach verringerte sie ihr Trainingspensum. Ulla Koch sagt nun, man wolle sie erstmal wachsen lassen, an Barren und Boden zeige sie momentan nur ein reduziertes Programm. Mehr noch: „Ich kann nicht sagen, dass sie an irgendeinem Gerät an ihren Grenzen angekommen ist,“ deutet die Bundestrainerin ihr enormes Potential an und spricht bemerkenswerterweise im Futur weiter: „Sie kann eine sehr gute Mehrkämpferin werden.“ Nach ihrem ersten Auftritt bei dieser Europameisterschaft wird der ein oder andere allerdings denken, dass sie das schon jetzt ist.

Quelle: F.A.Z.
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