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Wrestler Tim Wiese

„Wenn ich komme, bricht ein Tornado aus“

Von Sebastian Eder, Essen
© Edgar Schoepal, F.A.S.

Ein grauer Nachmittag in Essen. Tim Wiese fährt in seinem Mercedes durch ein Wohngebiet, biegt in eine Sackgasse ein und parkt auf dem Bürgersteig. Der ehemalige Fußball-Nationaltorhüter ist ein Autofanatiker, er besitzt einen Lamborghini für 450.000 Euro, einen Camaro mit mehr als 1000 PS und fuhr lange einen AMG-Mercedes mit 600 PS, eine Sonderedition für Nationalspieler. Ob das der Wagen ist, in dem er jetzt durch Essen fährt? „Nein, das ist die Sonderedition Tim Wiese, 800 PS.“

Wiese steigt aus und läuft durch einen Hof in eine kleine Halle, die hinter einer Art Garagentor liegt. In einem Regal stapeln sich Leitz-Ordner, gegenüber liegen Kisten. Der Rest des Raums ist fast komplett mit einem Wrestling-Ring ausgefüllt, nur zwei Hantelbänke finden daneben noch Platz. Wiese begrüßt den Trainer, klettert in den Ring, wärmt sich auf, macht ein paar Liegestütze. Dann rast der 120-Kilo-Mann durch den Ring, schmeißt sich in die Seile, wird Richtung Ringmitte katapultiert, reißt dort einen Sparringspartner zu Boden, springt auf und schreit in eine Kamera. „Wenn ich komme, bricht ein Tornado aus“, sagt er.

Früher hätte man über solche Sprüche gelacht, jetzt gehören sie zu Wieses Beruf: Der 34 Jahre alte Bremer ist seit vergangener Woche offiziell Wrestler. Der größte Wrestling-Veranstalter der Welt, die WWE, gab bekannt, dass Wiese am 3. November in „einem Six-Man-Tag-Team-Match“ in der Münchner Olympiahalle zu seinem ersten Kampf antreten wird. Um sich darauf vorzubereiten, hat Wiese zwei Wochen im „WWE Performance Center“ in Orlando die Wrestling-Grundlagen gelernt, danach quartierte er sich in Essen ein. Jeden Tag trainiert er dort in der „Wrestling Academy“ vier Stunden, morgens eine Einheit, nachmittags und abends noch mal. „So geht das jetzt weiter bis November“, sagt er. „Aber ich wäre auch jetzt schon bereit. Ich bin heiß drauf.“

Tatsächlich beherrscht er es schon recht gut, geräuschvoll und scheinbar schwer getroffen zu Boden zu gehen, wenn sein Sparringspartner ihn attackiert, auch die Angriffe sehen einigermaßen authentisch aus. Nach dem Training gibt Wiese Interviews, die WWE hat eigens ihren Pressesprecher aus Amerika eingeflogen, der allerdings übermüdet in der Ecke der kleinen Halle sitzt. Er spricht kein Deutsch.

© Edgar Schoepal, F.A.Z.

Wieses Vergangenheit als Fußballer scheint lange zurückzuliegen, tatsächlich ist sein Vertrag bei der TSG Hoffenheim erst in diesem Juni ausgelaufen. Vier Jahre lang wurde Wiese zuvor „fürs Urlaubmachen bezahlt“, wie er es nennt. Nach 269 Bundesligaeinsätzen und sechs Länderspielen verbannte ihn Hoffenheim 2013 in die „Trainingsgruppe 2“. Kurz vorher war er noch Kapitän gewesen, mit 3,5 Millionen Euro Jahresgehalt Spitzenverdiener, dann kassierte er in neun Spielen 27 Tore und wurde aussortiert. Was macht man, wenn man 31 Jahre alt ist, DFB-Pokalsieger war, Nationalspieler, Bundesligazweiter mit Werder Bremen und von einem auf den anderen Tag plötzlich nicht mehr spielen darf?

Wiese machte das, was er am besten konnte: Er trainierte. Allerdings nicht auf dem Fußballplatz, wo ihn keiner mehr sehen wollte, sondern im Fitnessstudio, wo er bald schon für seine Muskelberge bewundert wurde. Seine Ernährung stellte er radikal um: „Wenn man so viel trainiert, dann hat man keinen Hunger mehr. Ich mache das mit Flüssignahrung, Shakes, der Rest ist Training und Schlafen“, sagt er. Von Doping ist nicht die Rede. Während ihm Hoffenheim weiter Millionen überwies, nahm er innerhalb von einem Jahr 30 Kilogramm zu. Als 2014 die ersten Bilder vom neuen Tim Wiese erschienen, war klar: Einen Weg zurück ins Tor würde es nicht geben. Mit dieser Figur würde er keinen Ball mehr halten.

Wieses neue Welt: 2014 wurde er von den Wrestling-Veranstaltern schon einmal eingeladen.
© dpa, F.A.S.

Aber was macht man sonst mit so einem Körper? Es waren die Vermarkter der WWE, die auf eine Idee kamen. Während sie in Amerika mit ihren Schaukämpfen Millionen Menschen erreichen, fristet Wrestling in Deutschland ein Schattendasein. Und wer könnte das besser ändern als ein ehemaliger Fußballstar? Die WWE machte Wiese ein Angebot und lud ihn im November 2014 als Gast zu einer Veranstaltung in die Frankfurter Festhalle ein. Wiese kletterte in den Ring, präsentierte den Fans seine Muskeln und ließ sich mit den Siegern feiern. Für die WWE war es ein Erfolg: Endlich interessierten sich nicht nur Wrestling-Freaks für ihre Veranstaltungen.

Es gab aber ein Problem: Wiese war immer noch bei Hoffenheim unter Vertrag, er durfte noch nicht offiziell als Kämpfer auftreten, wenn er auf das viele Geld des Fußballvereins nicht verzichten wollte. Der Vertrag mit Hoffenheim lief Ende Juni 2016 aus, fortan war er frei und konnte loslegen. Im August veröffentlichte sein Personal-Trainer auf Youtube das Video „Road to WWE“: Am Anfang des Films sitzt Wiese am Steuer des 1000-PS-Camaros, dann zieht er sich eine Phantom-Maske über und joggt eine Landstraße entlang, während sein Trainer im Camaro neben ihm her rollt. Bei Wrestlern kam das Video nicht gut an, der deutsche Altstar „Herman The German“ sagte: „Mit solchen Videos zeigt er, dass er keinen Respekt vor den echten Wrestlern hat. Es gehört mehr dazu, als sich drei Kilo Gel in die Haare zu schmieren, eine Batman-Maske aufzusetzen und cool mit seiner Protzkarre übers Dorf zu fahren.“

„Im Wrestling kann ich mich geben, wie ich bin“

Persönliche Attacken gehören zum Wrestling-Geschäft, viele Hardcore-Fans sind von Wieses proletenhaftem Auftreten und seinem ansatzlosen Aufstieg in die erste Liga des Sports aber tatsächlich nicht begeistert. Wiese sagt dazu: „Es gibt immer Leute, die einem das nicht gönnen, und damit muss man klarkommen.“ Ob er es vermissen wird, Teil einer Mannschaft zu sein? „Als Torwart warst du auch Einzelkämpfer“, sagt er. „Wenn du einen Fehler machst, bist du der Arsch.“ Bis heute verbinden viele Werder-Fans mit dem Namen Wiese das Champions League-Achtelfinale 2006 gegen Juventus Turin: Wiese ließ damals kurz vor Schluss einen Ball fallen, die Italiener schossen ein Tor, die Bremer schieden aus. Beim Wrestling braucht Wiese solche Überraschungen nicht zu fürchten. Der Sieger steht schon vor dem Match fest, nur Teile des Kampfes werden improvisiert. Und die WWE wird wohl kaum ihren neuen Star ständig als Verlierer aus dem Ring gehen lassen.

Aber hat das dann überhaupt noch etwas mit Sport zu tun? „Wrestling ist eine riesige körperliche Anstrengung“, sagt Wiese. „Jeder, der sagt, das wäre nur Show, soll sich mal in den Ring stellen und eine halbe Stunde das Training mitmachen.“ Als Fußballer habe er meist nur einmal am Tag trainiert. „Als Torwart wurde ich selbst bei Spielen nicht so sehr gefordert. Jetzt trainiere ich viel härter“, sagt er. Ob ihm nicht der Wettkampfgedanke fehlen wird, das Gefühl, auf den Platz zu gehen, alles zu geben, und am Ende gewinnt der Bessere? „Im Ring will jeder zeigen, was er draufhat, und am Ende wird entschieden“, sagt Wiese. Er hat den Ehrenkodex der Wrestler schon verinnerlicht: Niemals darf darüber geredet werden, dass alles abgesprochen ist, obwohl es jeder weiß.

Im Ring durfte er sich schon einmal den Fans zeigen.
© dpa, F.A.S.

Auch im Ring ist Wiese auf einem guten Weg. Sein Sparringspartner in Essen, der 21 Jahre alte Francis Rohr, sagt: „Ich war ehrlich gesagt erstaunt, wie gut er schon ist. Man merkt, dass er Leistungssportler war und nicht bei null anfängt.“ Es geht am Ende beim Wrestling ja nicht um Sport, sondern um Geschichten, die erzählt werden können, Marken, die man verkaufen kann. Wiese würde im Ring gerne den Bösen spielen, gesellschaftlich hat er sich schon lange auf eine Rolle festgelegt, mit der auch die Geissens, Daniela Katzenberger und Dieter Bohlen erfolgreich sind: die des Proleten.

Im vergangenen Sommer trug er mit einem ARD-Reporter im offenen Hemd, mit Sonnenbrille und Solariumbräune den „alten Tim Wiese“ in Form eines Herings zu Grabe. Er wollte Platz für den neuen Wiese machen. Zu dem Termin war er in seinem Lamborghini gekommen, die Lokalzeitung machte ein Foto, wie er vor dem Wagen im blauen Mantel und mit einem Zylinder auf dem Kopf steht. Wieses Wrestling-Trainer Hahn sagt: „Er ist nicht introvertiert, er bringt die körperliche Größe und den sportlichen Background mit, das passt alles sehr gut.“ Wiese ist für „Storylines“ der WWE, bei denen Gut gegen Böse kämpft, wie gemacht. „Im Fußball von heute gibt es nur noch die lieben Jungs“, sagt Wiese. Er sei deshalb öfter angeeckt. „Aber im Wrestling kann ich mich geben, wie ich bin.“ Man könnte auch sagen: Wiese ist dort angekommen, wo er hingehört. Im Showgeschäft.

Quelle: F.A.S.
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