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WM in Montreal

„Eine Rock-Show des Turnens“

Von Sandra Schmidt, Montreal
 - 12:32
„King Kohei“ – der Seriensieger im Mehrkampf der vergangenen Jahre ist am Boden zerstört. Bild: Imago, F.A.Z.

Als Kohei Uchimura nach dem Wettkampf vor die riesige Ansammlung japanischer Journalisten trat, blickte er so ernst wie immer nach einem Qualifikationstag. „King Kohei“ – wie er seit Jahren genannt wird – hatte immer viel auszusetzen an seinen eigenen Darbietungen. Nie waren sie so perfekt, wie er es sich vorgenommen hatte, selbst dann nicht, wenn die Turnwelt sie als perfekt bezeichnet hatte. Am Montagabend war alles anders: Kohei Uchimura musste den Wettkampf bei der Turn-Weltmeisterschaft in Montreal nach dem dritten Gerät verletzt abbrechen.

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Der Japaner hat seit 2009 jeden Mehrkampf bei Weltmeisterschaften gewonnen und wurde 2012 und 2016 Olympiasieger – eine Serie, die im Turnen zuvor niemand für möglich gehalten hätte. Seit den Spielen in Rio de Janeiro kommt die jüngere Konkurrenz dem mittlerweile 28-Jährigen näher. Der Ukrainer Oleg Vernjajew musste sich dort mit weniger als einem Zehntelpunkt Abstand geschlagen geben und hatte gesagt: „Ich turne hier gegen eine Legende. Ich will nicht, dass Kohei aufhört, damit es noch viele solche Wettkämpfe gibt.“ Angesichts der im Vorfeld der WM gezeigten Leistungen sah es ganz so aus, als dürfe man sich auf einen abermaligen Zweikampf freuen. Vernjajew wurde im Frühjahr Europameister, Uchimura zum zehnten Mal in Folge japanischer Meister.

Kohei Uchimura beginnt seinen Wettkampf an den Ringen, souverän wie eh und je. Dann zeigt er den zweitschwierigsten Sprung der Konkurrenz, Rondat mit halber Längsachsendrehung auf den Sprungtisch und zweieinhalb Drehungen in der zweiten Flugphase. Die Landung ist ein wenig tief, aber keineswegs besorgniserregend. Er tut einen Schritt von der Matte und fasst sich gleich an den linken Unterschenkel, humpelt kurz und steigt dann vom Podium. Die folgende Stunde ist eine einzige Qual für Kohei Uchimura und auch für all jene Zuschauer, die von diesem Moment an nur noch Augen für ihn haben.

Beim Riegenwechsel reiht er sich zwischen seine Teamkameraden ein und geht, scheinbar problemlos, zum nächsten Gerät, dem Barren. Bevor er dort die kurze Zeit nutzt, die jedem Turner für das sogenannte kleine Einturnen zur Verfügung steht, springt er in der Ecke der riesigen Halle einige Male aus dem Stand auf beide Füße: Mal steht er danach sicher auf beiden Füßen, mal zieht er vor Schmerzen den linken Fuß sofort vom Boden weg und hüpft auf dem rechten ein, zwei Schrittchen. Die gleiche Prozedur bei den langsamen Versuchen, normale Schritte zu machen. Eins, zwei, drei – und wieder knickt das linke Bein, offenbar unter enormen Schmerzen, einfach ein. Doch der Japaner geht ans Gerät, zeigt seine Übung samt Doppelsalto rückwärts gebückt zum Abgang, den er irgendwie auf den Füßen landet, und humpelt dann vom Podium.

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Diese Weltmeisterschaft soll, so hatte es OK-Chef Richard Crépin bei der Eröffnungs-Pressekonferenz etwas großspurig angekündigt, „eine riesige Show“ werden: „Wir haben uns für einen Event-Style entschieden, eine Rock-Show des Turnens!“ Der neue Weltverbandspräsident Morinari Watanabe nickte zustimmend. Mit dieser Entscheidung ging offenbar einher, dass die drei Moderatoren in der Halle nur über das Schöne und das Gute des Turnens sprechen sollen. So als der Rumäne Andrei Ioan Groza nach einem üblen Sturz vom Reck rund fünfzehn Minuten auf der Matte behandelt und mit Verdacht auf eine schwere Wirbelsäulenverletzung weggebracht werden muss. So bei den zwei weiteren Turnern, die verletzt von der Fläche getragen werden. Das Publikum wird zum Applaudieren angepeitscht, die Hintergrundmusik ist konstant laut. Einfach so tun, als wäre nichts, eine tolle Show eben. Auch zum offensichtlich verletzten Kohei Uchimura fällt kein einziges Wort.

Der humpelt weiter zum nächsten Gerät und wirkt, als begreife er nicht recht, was los ist. Wieder macht er etliche kleine Hüpf- und Gehversuche. Eins, zwei, drei – und wieder hält das linke Bein nicht stand. Er spricht mit seinem Trainer, ein medizinischer Betreuer des japanischen Teams holt eine Taperolle aus dem Koffer, drückt an dem Unterschenkel rum. Dann steht Uchimura auf, geht zum Einturnen auf das Podium des Recks, beginnt seine Riemchen zu richten. Er lässt sich ans Reck heben, schwingt einige Riesenfelgen, ein paar halbe Drehungen und landet dann rücklings abrollend auf der Matte. Beim Aufstehen gibt das linke Bein wieder nach. Dann, endlich, sieht man seinen Trainer zum Hauptkampfgericht gehen und ihn vom Wettkampf abmelden.

Ganz gleich, ob Kohei Uchimura in dieser Situation glaubte, ein Held sein zu wollen oder einer sein zu müssen, oder ob er nur dachte, dass es nicht so enden möge, eine Werbung für die Sportart war diese Darbietung des Schmerzes nicht. Am Donnerstag wird es einen neuen Weltmeister geben. Dabei ist auch der Deutsche Philipp Herder, allerdings ohne Aussichten auf eine vordere Plazierung. Andreas Bretschneider stürzte in der Qualifikation bei seinem Element am Reck, Marcel Nguyen zog als Siebtplazierter ins Barrenfinale am Samstag ein. Nach Abschluss der Qualifikation liegt Vernjajew auf Rang fünf, es führt der kubanische Weltmeisterschaftszweite von 2015 Manrique Larduet. Die Mehrkampfentscheidung wird spannend werden, wenn auch nicht in dem Sinne, den man sich gewünscht hätte.

Quelle: F.A.Z.
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