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Vettels Pechsträhne

Probleme mit der Herz-Lungen-Maschine

Von Hermann Renner, Suzuka
 - 19:37
Sebastian Vettel beim Grand Prix in Suzuka Bild: AFP, F.A.Z.

Ferrari steht mit dem Rücken zur Wand. Dabei könnte alles so positiv aussehen für die Titel-Mission von Sebastian Vettel. In drei der vergangenen vier Rennen hatte Ferrari das schnellste Auto im Feld. Nur beim Heimspiel in Monza lahmte der rote Renner. Konträres Bild bei WM-Rivale Mercedes: In Spa, Singapur und Malaysia verzweifelten Ingenieure und Fahrer an den Launen ihres Silberpfeils.

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Trotzdem hat Lewis Hamilton in den zurückliegenden vier Rennen 93 von 100 möglichen Punkten gehamstert. Vettel nur 53. Trotzdem sagt der Deutsche vor dem Großen Preis von Japan an diesem Sonntag (Start 7 Uhr MESZ): „Bei mir überwiegt die Zuversicht, ich bin keiner, der zurückschaut. Das hätte ich auch nicht getan, wenn wir die letzten drei Rennen gewonnen hätten.“ Und weiter: „Das Paket ist da, hoffentlich läuft das eine oder andere noch für uns.“

In Monza verzockte sich Ferrari mit der Fahrzeugabstimmung und einer Fahrwerksentwicklung. In Singapur war das Rennen für Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen schon nach 200 Metern beendet. Eine Startkollision riss beide aus dem Rennen. In Malaysia streikte die Technik. Ausgerechnet der bei den Italienern so heilige Motor stellte seinen Dienst ein. Pardon, es muss politisch korrekt Antriebseinheit heißen. Die Bezeichnung Motor wäre eine Untertreibung.

Schwierigkeiten mit der Leistungselektronik

Diese Wunderwerke der Technik bestehen gefühlt aus einer Million Teilen und juristisch aus sechs Komponenten: dem Verbrennungsmotor, dem Turbolader, den beiden Elektromaschinen MGU-K und MGU-H, einer Batterie und diversen Steuereinheiten, die unter dem Begriff Leistungselektronik zusammengefasst werden. Jeder Fahrer hat für die zwanzig Grands Prix dieser Saison jeweils vier dieser Antriebskomponenten zur Verfügung.

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Ferrari kam abgesehen von einer kleinen Turbolader-Malaise zu Saisonbeginn ganz gut über die Runden. Vettel zum Beispiel lebte seit dem fünften Rennen mit nur noch drei Turboladern und dem zugehörigen Elektromotor MGU-H. Eine Einheit davon war nur noch für die Freitagstrainings zu gebrauchen. Die beiden anderen wurden von Rennen zu Rennen hin und her getauscht. Das bedeutet bei den hochkomplexen Hybrid-Antrieben eine vierstündige Arbeit.

Wenn in dieser Herz-Lungen-Maschine das Geringste kaputtgeht, dann erkennt man zwar schnell die Symptome, aber nur sehr langsam den Fehler. Das ist Ferrari in Malaysia gleich drei Mal innerhalb von 24 Stunden passiert. Vettels dritter Motor wurde von Fehlzündungen geschüttelt. Möglicherweise war nur ein Kabel nicht richtig eingesteckt, oder ein Sensor spielte verrückt.

Zu wenig Zeit für eine ausgiebige Fehlersuche

Doch wenn die Mechaniker nur zwei Stunden Zeit haben, um den gesamten Antrieb zu tauschen, dann kann nicht lange nach Fehlerquellen gefahndet werden. Die Ersatzpakete stehen komplett zum Einbau in der Garage bereit. Müssten die einzelnen Elemente erst zusammengeführt werden, würde die Operation acht Stunden dauern.

Vettels Ersatzmotor hielt exakt sieben Kilometer, dann brach der Ladedruck zusammen. Einen Tag später passierte das Gleiche bei Räikkönen, allerdings mit einem Motor, der schon mehr als 3000 Kilometer auf der Uhr hatte.

Die Wurzel allen Übels, das Vettel in die letzte Startreihe verbannte und Räikkönens Ausfall noch vor dem Start besiegelte, war ein simpler Schlauch aus Karbon, der den Turbolader mit dem Motor verbindet. Er hatte einem Riss. Vermutlich ein Fabrikationsfehler, der Ferrari teuer zu stehen kam. Er könnte die WM kosten.

„Endlich mal eine gute Nachricht“

Die Rettungsaktion vor dem Rennen in Japan war teuer genug. Sämtliche im Verdacht stehenden Karbonschächte wurden am Sonntagabend in Kuala Lumpur auf ein Flugzeug Richtung Europa geschickt. Das Nachlaminieren der Kohlefaserteile geht nur in der Fabrik. Am Donnerstagmorgen traf die Fracht mit den reparierten Teilen wieder in Suzuka ein.

Vettels Getriebe machte die gleiche Reise. Nach der Kollision mit Lance Stroll in der Auslaufrunde des Großen Preises von Malaysia musste die Kraftübertragung auf Schäden hin untersucht werden. Auch das verlangt nach Spezialwerkzeug im Werk. Eigentlich sollte die Regel, dass ein Getriebe sechs Rennen lang halten muss, Geld sparen. Doch weil eine Verletzung dieser Regel fünf Startplätze kostet, tauscht keiner ein Getriebe ohne Not. Da nimmt man lieber Transportkosten in fünfstelliger Höhe in Kauf.

Vettel konnte aufatmen. Für die Motormisere gab es eine Lösung, und das Getriebe hatte nach dem ersten Augenschein nichts abgekriegt. „Endlich mal eine gute Nachricht nach lauter schlechten“, sagte Rennleiter Maurizio Arrivabene. Für ihn ist ein guter Ausgang des Titelkampfes so wichtig wie für seinen Fahrer. Italienische Zeitungen berichten, dass Arrivabene sonst auf dem Schleudersitz Platz nehmen kann.

Quelle: F.A.Z.
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