Volvo Ocean Race

Eine Segellegende und ihr Makel

Von Sebastian Reuter, Lissabon
 - 12:43
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Diese Chance auf einen kleinen Gewinnertanz hat sich Bouwe Bekking nicht nehmen lassen. Als der Skipper des Brunel-Teams am Freitagnachmittag auf seiner Yacht wieder in den Hafen von Lissabon einfuhr, die Musik aus den Lautsprechern dröhnte und hunderte – dem strömenden Regen trotzende – Zuschauer ihm und seiner Crew zujubelten, tänzelte der 54 Jahre alte Niederländer für ein paar Sekunden laut lachend über die Planke seines Bootes. Bekking hatte allen Grund zur Freude, haben sich der Skipper und sein Team mit ihrem unter schwersten Bedingungen erkämpften Erfolg beim zweiten Hafenrennen des Volvo Ocean Race doch eindrucksvoll im Kampf um den Gesamtsieg bei der prestigeträchtigen Regatta zurückgemeldet.

„Für ein Hafenrennen war es ziemlich heftig“, sagte Bekking den pünktlich zu Beginn einsetzenden Gewittersturm, der die sieben teilnehmenden Yachten bei starkem Wind durch die aufgewühlte Bucht der portugiesischen Hauptstadt schießen ließ. „Unter solchen Bedingungen ist es ratsam, die Route so einfach wie möglich zu halten. Wir haben heute einen sehr guten Job gemacht, das motiviert uns für die nächste große Aufgabe“, analysierte der tropfnasse Skipper nach dem Zieleinlauf – bei dem die Brunel-Crew die virtuelle Linie nur wenige Sekunden vor dem spanischen Team Mapfre überquerte – im Hinblick auf die an diesem Sonntag (14.00 Uhr) in Richtung Kapstadt startende zweite Etappe des fast 80.000 Kilometer langen Ocean Race, das über elf Stationen hinweg einmal um die ganze Welt führt.

Dabei wurde bereits in Lissabon deutlich, wie gefährlich die Arbeit an Bord unter schwierigen Bedingungen mitunter werden kann: Der Spanier Neti Cuervas-Mons rutschte in der Hektik eines Manövers auf dem glitschigen Boden der Mapfre-Yacht aus, knallte auf das nasse Deck und zog sich eine schmerzhafte Schulterprellung zu. Glück hatte auch die Australierin Liz Wardley, deren Fuß sich in der Schlaufe eines Seils verfing. Das Crewmitglied von „Turn the Tide on Plastic“ wurde daraufhin beim Setzen des Segels fast über Bord geschleudert und erlitt eine tiefe Schnittwunde.

Zeit, sich zu erholen, bleibt kaum: Knapp drei Wochen werden die sieben Teams nun nonstop unterwegs sein, um die Strecke entlang der afrikanischen Küste bis zum Kap der Guten Hoffnung hinter sich zu bringen, dabei den Äquator zu überqueren und die bei vielen Hochseeseglern gefürchteten „Doldrums“, einem Gebiet über dem Atlantischen Ozean mit häufiger Windstille, so gut wie möglich zu meiden. Bekking können Wetterkapriolen wie Flauten, Stürme oder Hitze und Kälte dagegen nicht mehr schocken. Bereits zum achten Mal nimmt der braungebrannte Mann mit der Glatze an der 1973 erstmals gestarteten Regatta teil. Bekking ist eine Legende des Ocean Race. Rund um den Hafen von Lissabon wollen mehr Fans seine Hände schütteln oder ein Autogramm haben, als sich Menschen um ein Selfie mit Olympia- und America’s-Cup-Sieger Peter Burling bemühen, der in diesem Jahr auch der Brunel-Crew angehört.

Dabei haftet Bekking trotz seines Heldenstatus immer noch ein nicht unerheblicher Makel an: Noch nie konnte der Mann aus Deventer mit seiner Crew das Ocean Race gewinnen, bereits zweimal musste er sich knapp geschlagen mit dem zweiten Platz begnügen. Dass es auch bei dieser Auflage nicht einfacher für den Brunel-Skipper wird, sich endlich den langersehnten Traum vom Gesamtsieg zu erfüllen, bewies die erste Etappe, welche die Teilnehmer vom spanischen Alicante aus rund um die Insel Madeira bis nach Lissabon schickte. Bekking und seine Crew fielen dort schon früh weit zurück und mussten sich schließlich mit einem enttäuschenden vorletzten Platz begnügen. „Ja, wir hatten große Probleme mit unserem Setup und unserem Speed. Leider ist uns unterwegs keine Lösung eingefallen“, gibt Bekking zu. Zur Fehlersuche schickte der Skipper während einer Flaute gar eines seiner Crewmitglieder über Bord, um unter der Yacht nach einer möglichen Bremse zu schauen. Ohne Erfolg. „Aber unsere Lernkurve geht steil bergauf. Wir schauen nur auf uns und merken, dass wir mit jeder Stunde auf See besser und schneller werden. Jetzt geht es erst richtig los.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Reuter, Sebastian
Sebastian Reuter
Redakteur vom Dienst.
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