Windsurfer

Der Draufgänger und der Buchhalter

Von Frank Heike, Westerland
 - 17:21

Die wilden Tricks der Stars erscheinen Klaas Voget manchmal wie Stunts aus einer anderen Windsurf-Welt. „Die Weltspitze ist so stark und ausgeglichen geworden, dass ich staune, was alles möglich ist“, sagt der 35 Jahre alte Surf-Profi. Er meint Sprünge wie traumhaft sicher gestandene Doppel-Loops, die Weltklasseathleten wie Philip Köster gern zum Triple-Loop ausbauen würden. Von jenem kühnen Dreifachsalto in 15 Metern Höhe ist Köster, der deutsche Doppelweltmeister, nicht weit entfernt. Im Training hat er ihn schon gestanden. Voget, der zweitbeste Deutsche der Rangliste, vermeidet solche Kunststücke in schwindelerregenden Höhen. Er hat andere Qualitäten: ein stets abrufbares Basiskönnen, das er in seinen bald 15 Jahren im Weltcup-Zirkus immer weiter verfeinert hat. Er sagt: „Mit dem, was ich heute kann, wäre ich vor 15 Jahren Weltmeister geworden.“

In den Tagen von Sylt bewegt sich der Hamburger so sicher über die aufgepeitschte Nordsee, klettert so unbeeindruckt aus der Gischt des Weißwassers, wenn die Welle ihn überrollt hat, dass man seine Erfahrung in jedem Rennen spürt. Voget surft seit einiger Zeit ohne Verletzung und erlebt die beste Saison seines Lebens. Er ist flexibel, fährt passabel und besser bei jeder Bedingung. Sein Rezept ist simpel. „Bei mir kommt auf dem Wasser erst einmal die Sicherheit. Dann kann ich Loops wagen. Zwei Sprünge, bei denen ich jeweils sechs Punkte bekomme, sind mit lieber als zwei hochriskante, von denen ich einen verpatze und nur einen Punkt kriege.“ Neben dem Abreiten der Wellen im Kampf Mann gegen Mann werden in der Königsdisziplin „Wave“ auch Sprünge von den Schiedsrichtern an Land bewertet.

Beim Sylter Weltcup zog es die begeisterten Fans gleich am ersten Wettkampftag in dicken Daunenjacken an den Brandenburger Strand, denn der Wind frischte auf und erreichte die nötige Stärke. Es ist die vierte Station der Weltserie, und Voget steht nach zwei fünften Rängen auf Gran Canaria und Teneriffa und einem neunten Platz zuletzt im dänischen Klitmöller auf Position fünf des Weltcups – nur wenige Punkte vom deutschen Champion Köster entfernt.

Klaas Voget ist einer von drei Deutschen, die vom Windsurfen leben können. Neben dem aktuellen Weltranglistenzweiten Köster ist das noch Leon Jamaer aus Kiel. Die beiden trennen in Sachen Popularität und Einkommen Welten vom „German Wunderkind“. Der erst 20 Jahre alte Köster profitiert bis heute von den perfekten Trainingsmöglichkeiten auf Gran Canaria. Dorthin wanderten seine Eltern schon vor seiner Geburt aus.

Klaas Voget schlug einen anderen Weg ein

Klaas Voget, aus Aurich stammend, schlug einen anderen Weg ein. Er hat 2005 seinen Magister in Sportwissenschaften gemacht; in der Examensarbeit maß er die Herz-Kreislauf-Belastung von Spitzensurfern. Während Köster ein Draufgänger auf dem Wasser ist, gibt Voget eher den Buchhalter. „Ich muss die Wellen richtig lesen und dann meine Moves richtig machen. Die Teilnehmerfelder sind klein und ausgeglichen, da gibt es sofort starke Gegner, und ich muss von Anfang an topfit und hellwach sein“, erklärt er. Die jungen Wilden aus Südamerika agieren hochmotiviert und oft schmerzfrei auf dem Wasser. Voget bleibt kühl und kalkuliert. Auch so kann man ein Kandidat auf den Weltmeistertitel werden. In der Szene gilt Voget als sehr ernsthafter Sportler. „Klaas macht das seit Jahren alles wirklich professionell. Seine Erfahrung auf allen Revieren hilft ihm ungemein“, sagt Bernd Flessner, der 2013 zurückgetretene erfolgreichste deutsche Surfer. Wenn die junge Konkurrenz noch das Sylter Partyvolk aufmischt, liegt Klaas Voget längst im Bett: „Die Jungen verkraften solche Feiern besser“, sagt er mit einem Schmunzeln, „die Veranstaltung hier dauert zehn Tage, da kann ich nicht jeden Abend feiern. Deshalb jogge ich viel, halte mich fit und gehe mit Freunden höchstens mal einen Kaffee trinken.“

Ähnlich wie Philip Köster macht sich Voget Gedanken um die darbende Tour. Mehr als das – Voget engagiert sich aktiv. Seit Jahren sucht die Professional Windsurfers Association (PWA) einen Titelsponsor, immer wieder stehen Wettbewerbe auf der Kippe. Zuletzt in Klitmöller sammelten lokale Unternehmer 100 000 Euro ein, um die Veranstaltung vor der Absage zu retten. Voget sitzt im Athletenausschuss der PWA. Er kennt die Probleme seit Jahren: „Es geht immer um die Fernsehzeiten. Wir sind abhängig von Wind und Wetter und können nie etwas lange vorher garantieren.“

Sylt 2013, das bedeutete auch für ihn: Zuschauen. Der Wind reichte nicht fürs Wellenreiten. Für Philip Köster hieß das, seinen Titel nicht verteidigen zu können. Einen Monat später auf Maui verlor er ihn dann an den Brasilianer Marcilio Browne. „Wir hatten sehr wenig Tourstopps letztes Jahr“, sagt Köster, „da war es schon schwierig, in Form zu bleiben.“ Seinem fünften Platz beim Heimweltcup auf Gran Canaria folgte der Sieg auf Teneriffa, dann, an der dänischen Westküste, wieder Rang fünf. Köster muss sich vor Westerland ranhalten, um in den darauffolgenden Wettkämpfen in La Torche und zum Abschluss in Maui nicht schon zu weit zurückzuliegen. Doch zum einen gibt es ein Streichergebnis, zum anderen hat Köster bei sich eine Entwicklung ausgemacht: „Ich bin erfahrener und gelassener geworden. In meinen Augen liege ich voll auf WM-Kurs. Ich zeige oft Bestes bei schwierigen Bedingungen. Was am Ende herausspringt, muss man sehen. Ich nehme die Dinge, wie sie sind.“ Schon erstaunlich, wenn das ein 20-Jähriger von sich behauptet.

„Sprünge bleiben meine Leidenschaft“

Seinem Status als bekanntestem und vermögendstem deutschen Surfer würde es ohnehin wenig anhaben, sollte Philip Köster den Titeln von 2011 und 2012 vorerst keinen weiteren hinzufügen. Er ist gern Weltmeister, so ist das nicht. Aber in dieser Sportart der Individualisten zählt etwas anderes mindestens ebenso viel wie Ranglisten. „Sprünge bleiben meine Leidenschaft“, sagt Köster, „da kann ich mein Niveau weiter pushen.“ Zu Hause am Strand von Vargas probiert er seinen Traumsprung, den Triple-Loop. Auch wenn seine Mutter sich dann immer um den Filius sorgt. Den doppelten, den landet Köster inzwischen so trocken, dass nicht einmal seine Haare nass werden.

Ein Tag ohne Wind und Wellen ist und bleibt ein verlorener Tag für ihn – deshalb beginnt die Station Sylt ganz nach seinem Geschmack. Gleich in seinem ersten Lauf muss Köster an seine Grenzen gehen, liegt zurück und gewinnt ihn erst durch einen perfekten Wellenritt acht Sekunden vor dem Ende. Er ballt die Faust. Auch Voget kämpft sich später durch. Zwei Deutsche auf dem Weg zur Weltmeisterschaft. Jeder auf seine Weise.

Quelle: F.A.S.
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