Windsurfer Philip Köster

Der Weltmeister als Botschafter

Von Frank Heike
 - 19:20
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Vier Fragen werden ihm praktisch immer gestellt, man merkt das, wann man Philip Köster schon etwas länger begleitet. Die erste dreht sich um das olympische Surfen. Die zweite um sein Lieblingsgericht. Die dritte um seine Art zu trainieren. Die vierte um den Triple Loop. Wenn eine dieser Fragen kommt, lehnt sich Köster zurück. Da droht keine Gefahr. Er kann sie im Schlaf beantworten. Er grinst, und er legt los. Autopilot.

Es ist eine beeindruckende Leichtigkeit, mit der Philip Köster das Unveränderliche hinnimmt. Von heute auf morgen hatte die Professional Windsurfers Association (PWA) dem Weltcup auf Sylt Anfang Oktober einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht und einfach einen weiteren Tour-Stopp eingefügt. Vom diesem Donnerstag an treffen sich die weltbesten Wellenreiter nun auch auf Maui, Hawaii. Köster konnte seinen Titel deshalb nicht auf Sylt verteidigen - sondern kann dies erst am kommenden Wochenende im Pazifik tun. Für die Sylter Veranstalter war das unangenehm; hinter vorgehaltener Hand waren sie stocksauer darüber, dass ihnen der Weltverband die Krönung des deutschen Surf-Lieblings wegnahm. Philip Köster indes lächelte das Ärgernis einfach weg. „Auf Maui gibt es weniger Sprünge, dafür mehr Wellenritte“, sagt der Weltmeister fröhlich, „das liegt mir nicht so. Aber ich werde es ausprobieren und mein Bestes geben.“ Als spiele es nun wirklich keine Rolle, wo der Weltmeister gekürt werde.

Manchmal ist die PWA unberechenbar wie der Wind. Nur fünf Stationen waren für diese Saison geplant; auf Teneriffa gewann Köster, vor vier Wochen im unwirtlichen dänischen Klitmøller, in der Szene nur „cold Hawaii“ genannt, landete er überraschend auf Rang zwei hinter dem Brasilianer Marcillio Browne. „Es war nicht schön, zu verlieren“, sagt der Sieggewohnte. Aus Kösters Umfeld heißt es: Die Konkurrenz müsse sich jetzt noch wärmer anziehen. Niederlagen signalisieren Köster, noch härter zu arbeiten. Denn hinter dem freundlichen Kerl steckt ein gnadenloser Siegertyp, der keine Angriffe auf seine Regentschaft duldet. Der Weltcup auf Gran Canaria fiel aus, und auch vor Westerland konnte wegen fehlender Winde nicht gesurft werden, nun steht Hawaii an.

Anfang Dezember soll in Chile die Saison beendet werden. Der PWA fehlt das Geld für mehr. Bis Anfang des Jahrtausends, als die Surf-Industrie viele Bretter und Segel verkaufte, gab es zwölf Weltcup-Stopps, natürlich auch in Asien (Japan). Alles war größer, bunter, mit mehr Preisgeld. „Es wäre toll, wenn wir mehr Stopps hätten“, sagt Köster, „dann hätte wir mehr Wettkämpfe und mehr Chancen, uns den Leuten zu zeigen. Und ich könnte mich verbessern.“ Noch besser werden? Robby Naish, der beim Heimweltcup auf Maui mit 50 Jahren sein Comeback gibt, preist den Weltmeister: „Er ist sehr stark, weil er in einem so schwierigen Umfeld wie Gran Canaria aufgewachsen ist. Er ist ein schneller Lerner, ein guter Wettkämpfer, und er hat keine Angst. Diese Mischung lässt ihn besser dastehen als alle anderen.“

„Sie wollen zwei Stunden Sendung mit mir machen“

Zu der Mischung, wie Naish sie beschreibt, kommt die notwendige Lockerheit. Das Leben als Berühmtheit der schnell rotierenden Sportwelt kann Philip Köster täglich aufs Neue befremden. „Sie wollen zwei Stunden Sendung mit mir machen, nur mit mir!“, sagt Köster und lacht laut. Er ist nun wirklich niemand, der gern lange, viel und gehaltreich erzählt. Er ist in dieser Disziplin besser geworden, das schon. Vor zwei Jahren fiel es dem deutschen Surf-Wunderkind noch schwer, die Neugierde der Medien zu befriedigen.

Köster wirkte wie gefangen, die kostbare freie Zeit in fensterlosen Kammern mit Reportern zu verbringen - und nicht draußen auf der Welle zu stehen. Doch aus dem bestaunten Neuling ist der lässige Doppelweltmeister geworden. Damit einhergegangen ist ein routinierter Umgang mit den Medien. Also setzt sich Philip Köster zwei Stunden lang ins Fernsehstudio von „Servus TV“, dem Sender, der zum Imperium von Red Bull gehört. Das österreichische Unternehmen sponsert schließlich auch ihn. Nach Sylt schaute Köster auch noch beim „Sportclub“ im NDR-Fernsehen vorbei und warb für seinen Sport.

Der 19 Jahre alte Philip Köster ist zum Surf-Botschafter aufgestiegen. Er war beim Laureus-Award, bei der Ehrung zum Sportler des Jahres. Er sagt: „Ich habe viele Medien- und Sponsorentermine. Ich weiß, was ich machen muss.“ Auf eine niedrige sechsstellige Summe werden seine Einnahmen geschätzt; auf der Kleidung trägt er „VW“ und „Red Bull“; im Fernsehen war er als Pudding-Fan zu sehen. Eine kalorienreiche Erfahrung: „Ich mag Pudding“, sagt Köster lachend, „aber beim Werbedreh musste alles 80, 90 Mal wiederholt werden. Nach so vielen Löffeln Pudding mochte ich ihn nicht mehr.“ Preisgelder machen im darbenden Surf-Markt den geringsten Teil aus. Die erste Jahreshälfte hat das „wonderkid“ genutzt, um Bretter und Segel zu testen, sich mit dem neuen Material ablichten zu lassen und Werbeauftritte wahrzunehmen. Dass er neben den Fidschi-Inseln und Australien auch vor Maui surfte, dürfte ihm jetzt helfen.

Köster ist der einzige deutsche Surfer mit diesen vergleichsweise hohen Einnahmen. Die Verträge handelt seine Mutter Linda aus, Philip sitzt mit in den Gesprächen: „Ich bin nicht gierig, aber ich weiß, was ich verlangen kann“, sagt er selbstbewusst. Sein Vater Rolf ist Trainer und war Begleiter auf langen Reisen. Inzwischen reist Köster allein. Die Abnabelung von der Familie hat begonnen.

Köster macht eine beeindruckende Verwandlung durch

Als Achtjähriger begann Philip Köster am Playa de Vargas auf Gran Canaria mit dem Surfen; dorthin waren seine Eltern von Hamburg ausgewandert. Und dort fühlt er sich immer noch am wohlsten. Eins mit den Elementen der rauhen See. „Meine Stärke ist, dass ich jeden Tag fünf Stunden lang bei guten Bedingungen trainieren kann“, sagt Köster und kichert dabei, wie immer, wenn er etwas von sich preisgibt. Sein wuchtiger Körper hilft ihm, lange bei harten Bedingungen auf dem Wasser auszuhalten. Köster macht eine beeindruckende Verwandlung durch, wenn er die Klamotten wechselt: vom rundgesichtigen Teenie mit Baseball-Cap zum Allwetter-Souverän in Neopren. Kein anderer meistert halsbrecherische Stunts auf dem Wasser so wie er. Gerade bei den Kleinen kommt das gut an: Seit seinem Auftritt im „Kinderkanal“, als er seine Flugkünste bescheiden beschrieb, kommt fast täglich Fanpost.

Köster beantwortet sie selbst: „Vielleicht surfen die Kinder auch irgendwann mal.“ Er hat keine Agentur, keinen, der an seinem Image feilt. Keinen Berater von außen. Als Star fühlt er sich auch kurz vor seinem dritten Titel nicht. Aber alles geht ihm leichter von der Hand: der Aufsager fürs lokale Radio, das Handy-Foto mit weiblichen Fans, die Signatur in seinem gerade erschienenen Buch „Der Überflieger“. Mit 19 schon Held einer Biographie sei ganz schön früh, oder? „Ich wurde gefragt, und dann habe ich es gemacht“, sagt Philip Köster. Er hat begriffen, dass er das Zugpferd einer darbenden Branche ist. Er sagt: „Wir müssen etwas machen, Indoor-Surfen zum Beispiel. Dann sieht man unseren Sport auch mal wieder im Fernsehen.“ Philip Köster will vor allem surfen. Aber er spürt, dass sein Wort Gewicht bekommt, dass man ihm zuhört.

Nachzureichen wären die vier Antworten auf die Fragen. Philip Köster findet das olympische Surfen, Kursrennen, langweilig: „Das ist nicht meine Kategorie“, sagt er, „ich würde mitmachen, wenn es extremer wäre.“ Seine Leib-und-Magen-Speise ist und bleibt Pizza Salami. Hanteln hat er noch nie angefasst: „Ich will mich nicht quälen. Ich trainiere auf dem Wasser. Nicht im Studio.“ Philip Köster beantwortet die Fragen so freundlich, als hörte er sie gerade zum ersten Mal. Der Triple Loop? Der Dreifach-Salto 15 Meter über dem Meer? „Hoch springen ist cool. Aber es kann wehtun, wenn man landet“, sagt Philip Köster.

Quelle: F.A.S.
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