Non-Stop-Regatta Vendée Globe

Höhle des Löwen

Von Walter Wille
 - 11:36
zur Bildergalerie

Weit ist der Weg rund um die Welt. Zirka 25.000 Seemeilen sind zurückzulegen, wenn man die Route nimmt, die das Reglement der Vendée Globe vorgibt. Diese Wettfahrt führt von Les Sables d’Olonne an der französischen Atlantikküste nach Les Sables d’Olonne. Dazwischen liegen der Atlantische Ozean von oben bis unten, der Indische, der Pazifische Ozean und schließlich wieder der ganze Atlantik, diesmal lang hoch. Die Wegbeschreibung ist simpel: so schnell wie möglich zum Kap der Guten Hoffnung gebrettert, links abbiegen, einmal ostwärts um die Antarktis herum, dabei Kap Leeuwin, den südwestlichsten Punkt Australiens, passieren, Kap Hoorn anpeilen, dahinter Kurs Nord und ab nach Hause.

Das alles allein und nonstop. Ein Großteil der Strecke führt durchs stürmische Südpolarmeer. Es ist das Maximum an Strapaze, das für eine Investition von vielen Millionen Euro zu haben ist. Möglicherweise das beschwerlichste Abenteuer, das man in Angriff nehmen kann. Alle vier Jahre findet es statt. Noch nie hat ein Deutscher teilgenommen. Gewonnen haben bisher immer nur Franzosen. Die Bestzeit liegt bei gut 74 Tagen.

Weit ist der Weg auch an die Startlinie. Die Vendée Globe mag schwierig sein, vielleicht noch schwieriger ist es, überhaupt einen Startplatz zu ergattern. Abgesehen davon, dass man für solch ein Abenteuer eine besondere Sorte Mensch sein muss, wird die Fähigkeit benötigt, Klinken zu putzen, Helfer um sich zu scharen, Gönner zu überreden, ihre Schatulle zu öffnen, die Neugier von Unternehmen und Sponsoren zu wecken. Daran ist schon manch einer gescheitert.

Auf einem vielversprechenden Weg befindet sich Boris Herrmann. Seit vielen Jahren arbeitet der Hamburger Segelprofi an seinem großen Wunsch, als erster Deutscher bei der Vendée Globe anzutreten, die immer größer wird, um die herum sich ein Hype entwickelt. Mit der Ankündigung einer Unterstützung durch den BMW-Konzern scheint das tatsächlich konkret zu werden. Das gleiche Ziel verfolgt Jörg Riechers, ebenfalls aus Hamburg. Der Neunundvierzigjährige gehört dem „Offshore Team Germany“ an und arbeitet am Zustandekommen einer Kampagne. Vielleicht werden beide gleichzeitig die ersten Deutschen sein, die eine Teilnahme auf den Weg bringen. Schön wäre es, sicher ist das keineswegs. Geplant ist es für das nächste Rennen 2020/21. Der Startschuss fällt am 8. November 2020, einem Sonntag, in der Höhle des Löwen. Dann wird Les Sables wieder einmal kopfstehen.

Nicht nur ehrgeizig, sondern auch smart

Die Regatta wird mit Booten der Klasse Imoca Open 60 bestritten. Dabei handelt es sich um gut 18 Meter lange Einrümpfer mit zum Teil engen Konstruktionsvorgaben. Masten und Neigekiele müssen baugleich sein. Die Open 60 der neuesten Generation sind mit Foils ausgestattet, seitlich ausfahrbaren Tragflächen, mit denen sich die Boote etwas aus dem Wasser heben und somit einen deutlichen Geschwindigkeitsvorteil erzielen können. Riechers will ein Open 60 der älteren Generation, 2011 hergestellt, auf Foils umrüsten. Für Herrmann wurde mit Hilfe eines Finanziers die 2015 gebaute ehemalige „Edmond de Rothschild“ des französischen Gitana-Teams angeschafft und in „Malizia“ umgetauft.

Mit diesem Boot war der Franzose Sébastien Josse beim vorigen Rennen 2016/17 unterwegs gewesen, aber auf halber Strecke wegen einiger banaler, letztlich jedoch entscheidender technischer Pannen ausgeschieden. Boris Herrmann hat sich nach eigenen Angaben mit Bedacht für ein Gebrauchtboot und gegen einen Neubau entschieden, um nicht in Zeitnot zu geraten, sondern ausgiebig Erprobungen und Verbesserungen vornehmen zu können. „Es wird vielleicht schnellere Neubauten geben“, sagt der Deutsche, „aber mir ist es wichtiger, ein vertrautes, zuverlässiges Boot zu haben.“

Bis dahin sind noch zahlreiche Prüfungen geplant

Der Sechsundreißigjährige ist nicht nur ein ehrgeiziger, sondern auch ein smarter Typ, eloquent, geradezu charismatisch und auch noch gutaussehend, ausgestattet mit Erfahrung aus zahlreichen Regatten, Rekordversuchen und drei Weltumsegelungen. Im BMW-Konzern, der sich seit 2002 mehrmals im America’s Cup engagiert hat (und diesen mit dem amerikanischen Oracle-Team gewann), hat manch einer das Gefühl, mit Boris Herrmann jetzt einen Goldfisch an der Angel zu haben. Nicht allein aus sportlicher Sicht. Die Freundschaft des Deutschen zu seinem Segelkumpel Pierre Casiraghi beschert dem Projekt zusätzlich eine Portion Glamour, denn der 30 Jahre alte Casiraghi, Vizepräsident des Yacht-Clubs von Monaco und einer der Unterstützer Herrmanns, ist der Sohn von Prinzessin Caroline. Plötzlich interessiert sich sogar die „Bunte“ fürs Rennsegeln.

Herrmann und Casiraghi, ebenfalls ein versierter, engagierter Segler, trafen vor Jahren auf Giovanni Soldinis „Maserati“ während eines Rekordversuchs auf der Strecke Kapstadt–Rio zusammen. Seitdem bestreiten sie immer wieder gemeinsam Regatten. Boris Herrmanns Open 60 soll 2020/21 im Namen des von Casiraghi gegründeten Rennstalls „Malizia“ für den Yacht Club de Monaco segeln. Bis dahin sind noch zahlreiche Prüfungen geplant, darunter kommenden Juli das Atlantic Anniversary Race von Bermuda nach Hamburg, die Route du Rhum (Guadeloupe–Saint-Malo) im November, gefolgt im Jahr 2019 von Veranstaltungen wie der Deutschland-Tour, dem Fastnet-Rennen oder dem Transat Jacques Vabre.

Vor allem soll bis zur Vendée Globe 2020/21 Herrmanns „Malizia“ weiter optimiert werden. BMW will dabei Erfahrungen im Kohlefaser-Leichtbau einbringen und an der Aerodynamik feilen. Wegen der hohen Geschwindigkeiten, die mit den Open 60 mittlerweile erreicht würden, werde es immer wichtiger, den Windwiderstand zu verringern und Turbulenzen zu eliminieren, sagt der BMW-Ingenieur Thomas Hahn, Technik-Veteran diverser America’s-Cup-Kampagnen.

Wer hat Chancen zu gewinnen?

Art und Umfang des BMW-Engagements sind offenbar noch nicht genau bestimmt. Sicher ist allerdings, dass sich die Fachleute die Stromversorgung an Bord vornehmen werden. Energie wird für die Elektronik und Kommunikationsanlagen benötigt, für Pumpen, den Schwenkkiel und den Autopiloten. Beabsichtigt ist es, den gewöhnlichen 28-kW-Dieselgenerator, mitsamt 250 Liter Treibstoffvorrat 380 Kilogramm schwer, durch einen 20-kW-Elektromotor und ein Lithium-Batteriemodul zu ersetzen, wie es auch im BMW i3 gebräuchlich ist. Das soll unterwegs über Hydrogeneratoren geladen werden. Für den zusätzlichen, vom Reglement geforderten kleinen Notgenerator sollen lediglich zehn Liter Diesel mitgeführt werden. Dies reicht für einen in den Klassenvorschriften geforderten Betrieb von fünf Stunden Fahrt mit fünf Knoten Geschwindigkeit – zum Beispiel für eine Rettungsaktion in entlegenen Seegebieten, wenn also ein Segler einem anderen zu Hilfe eilen muss.

Das System wird BMW in Zusammenarbeit mit dem Starnberger Unternehmen Torqeedo, nach eigenen Angaben Weltmarktführer für elektrische Bootsantriebe, entwickeln. Herrmann hofft, dass es in der Saison 2019 einsatzbereit sein wird. Abgesehen vom werbenden Effekt einer „emissionsfreien Weltumsegelung“ verspricht sich der Skipper auch handfeste Vorteile – durch eine Gewichtsersparnis von 100 bis 150 Kilo nämlich. Dieser Effekt wäre höchst willkommen, denn die geplante Umrüstung des Boots auf die nächste Generation Tragflächen dürfte mit einer Gewichtszunahme verbunden sein. Der Trend geht zu deutlich längeren und somit schwereren Foils aus Massivkarbon. Herrmann vermutet, dass sie nicht mehr rund zwei, sondern eher drei Meter seitlich aus dem Rumpf herausragen werden. Vom Fortschritt der Foils wiederum hängt die künftige Entwicklung der Segel ab: Höheres Tempo erfordert flacher geschnittene Tücher.

Das sind die Dinge, die Zeit und Geld verschlingen werden. Abgesehen vom Kaufpreis eines konkurrenzfähigen Open 60 von bis zu sechs Millionen Euro sind laut Herrmann für den laufenden Betrieb zwei bis 3,5 Millionen Euro im Jahr nötig. Die „Hälfte des Zielbudgets“ sei gesichert, sagt er, bis 2019 soll der Rest gestemmt sein.

Derweil ist BMW gerade dabei, dem Skipper einen ultraleichten maßgeschneiderten Karbon-Sitz für den Navigationsplatz in der pottschwarzen Rumpfhöhle zu entwerfen. Was nach einer Nebensache klingt, ist gar nicht mal so läppisch, weil ein Vendée-Skipper viel Zeit auf seinem Sitz verbringt – zum Arbeiten, Ausruhen, zum Schlafen in kleinen Portionen.

Es sei längst fällig, dass mal jemand anderes gewinnt als ein Franzose, sagen viele. Herrmann vielleicht? Riechers gar? Das wäre der Aufstieg in den Adelsstand des Segelns.

Quelle: F.A.S.
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenVendée GlobeBMWHamburgLöwen