Kommentar

Ein neuer Stil für die Fußballfrauen

Von Daniel Meuren
 - 18:00

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Und nach dem Olympiasieg ist vor dem Kampf gegen Defizite im deutschen Frauenfußball. Deutlicher als mit ihrem ersten öffentlichen Auftritt als Bundestrainerin des deutschen Frauenfußball-Nationalteams hätte Steffi Jones nicht klarmachen können, wie sie den mit Goldmedaillen belohnten letzten Erfolg ihrer nun mit allen international möglichen Titeln dekorierten Vorgängerin Silvia Neid bewertet.

Deutschland hat ein vom Gesamtniveau her schwaches Turnier gewonnen, aber viel zu tun, wenn es den Platz an der Weltspitze gegen in Brasilien schwächelnde, aber insgesamt fortschrittlichere Gegnerinnen aus den Vereinigten Staaten oder Frankreich verteidigen will. Steffi Jones erwähnte die Worte Olympia oder Olympiasieg erst gar nicht, ohne Nachfrage wäre sie auch nicht auf den Erfolg im Finale gegen Schweden zu sprechen gekommen.

Es wirkte am Mittwoch in Frankfurt so, als sei der Erfolg von Rio nicht vier Tage, sondern eine ganze Olympiade von vier Jahren her. Stattdessen wies die 43 Jahre alte ehemalige Nationalspielerin mit bemerkenswerter Schärfe darauf hin, welche Arbeit zu leisten ist: taktische Flexibilität schaffen statt der oft starren Systeme der vergangenen elf Jahre. Spielerische Lösungen im Angriffsdrittel statt zuletzt nur defensiv starker Leistungen. Förderung individueller Talente einer nach Ansicht des neuen Trainerteams goldenen Generation junger deutscher Spielerinnen statt Unterordnung des Individuums ins Kollektiv.

Lust am Wagemut wecken statt Angst schüren vor dem Fehler. Steffi Jones war mit gutem Gespür dafür ausgestattet, wen sie sich zur Seite holt. Beim Nationalteam regiert fortan ein Team, das Konfliktparteien zusammenführt: Die Assistenten Markus Högner, bislang Bundesligatrainer in Essen, und Verena Hagedorn, als Verbandssportlehrerin mit der Talentschulung befasst, holen jene mit ins Boot, die sich von Silvia Neid oftmals übergangen fühlten.

Frauenfußball
Steffi Jones will als Bundestrainerin den EM-Titel
© dpa, reuters

Steffi Jones, deren allzu frühe Kür zur Neid-Nachfolgerin im vergangenen Jahr großen Argwohn geweckt hatte wegen des Mangels an Trainererfahrung, scheint sich als kommunikationsbegabte und authentische Erste unter Gleichen zu verstehen und auf eine Teamleistung in der Mannschaftsführung zu setzen. Sie scheint sich ihrer Begabung als Sympathieträgerin und vor allem ihrer Schwächen bewusst.

Sie will versöhnlicher führen als ihre oft strenge Vorgängerin. Sie will, wie sie vielsagend verriet, deshalb nicht gleich in scharfer Abgrenzung zu Neid im Trainingsanzug auftreten. Der Hosenanzug der stets eleganten Neid soll es aber auch nicht sein. Steffi Jones will sportlich schick am Spielfeldrand stehen. Das darf durchaus als Ansage verstanden werden: Die Nationalmannschaft soll künftig mit neuem Stil geführt werden.

Quelle: F.A.Z.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Sportredakteur.
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