Eishockey-Bundestrainer Sturm

Der Bandenchef

Von Marc Heinrich, Gangneung
 - 12:28
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Es gab viel zu tun in dieser Woche. Und Marco Sturm hat es auf seine Art angepackt. Den Spielern gewährte er, wann immer es möglich war, eine Auszeit. Vier Spiele binnen fünf Tagen, alle erst gegen Mitternacht fertig, gingen an die Substanz. Die Trainingseinheiten beschränkte der Bundestrainer aufs Nötigste. Stattdessen durften die Profis auch mal einen Strandspaziergang machen oder in ihren Appartements die Füße hochlegen, so dass jeder, wie er wollte, Kraft tanken konnte.

Er selbst gewährte sich kaum Pausen, sondern zog sich in den Momenten, in denen kein Puck im Spiel war, oft mit seinen engsten Mitarbeitern zum Studium der Videoaufzeichnungen zurück: Eigene Fehler analysieren, die des Gegners erkennen und dafür die passenden Lösungsansätze finden. Er hat es mit Bravour gelöst. Sturm führte die deutsche Auswahl gleich bei seinem Olympia-Debüt als Trainer mit dem sensationellen 4:3-Sieg über die favorisierten Kanadier ins Finale gegen die „Olympischen Athleten aus Russland“ an diesem Sonntag (5.10 Uhr MEZ im F.A.Z. Liveticker zu Olympia und im ZDF sowie bei Eurosport). Es ist eine Sensation, ein Wunder auf Eis. Doch Sturm, der Bandenchef dieses Unternehmens, bewältigte den Stresstest mit beispielhafter Coolness.

Olympische Winterspiele 2018

Am Donnerstag, als die Sonne hinter dem Berg verschwand, verließ auch er zum Durchatmen kurz das Olympische Dorf. Er traf dabei auf einem Parkplatz auf eine Gruppe internationaler Journalisten. Der Wind blies ungemütlich um die Ohren, aber der Bundestrainer zog die Mütze zurecht, den Reißverschluss der Jacke hoch und beantwortete vor den Kameras alle Fragen, als plötzlich die Alarmanlage eines abgestellten Autos zu heulen begann. Sturm zuckte nicht mit der Wimper, sondern parlierte weiter in fließendem Englisch über seinen „Masterplan“. Kernbestandteil des Konzepts: „In der Ruhe liegt die Kraft.“ Bei den zwei Dutzend unterschiedlichen Typen, die die Eishockey-Nationalmannschaft bilden, fand er mit dieser Botschaft vom ersten Tag an Gehör.

„Marco Sturm hat die Lust zurückgebracht“

Sturm übernahm die Aufgabe vor drei Jahren. Die Ausgangslage war kompliziert. Unter seinen beiden Vorgängern, dem Schweizer Jakob Kölliker und dem Italo-Kanadier Pat Cortina, ging es abwärts. Es gab zweistellige Niederlagen, die Qualifikation für Olympia in Sotschi wurde verpasst, und im Frühling 2015 war die Stimmung so schlecht, dass mehr als zwanzig Spieler ihre Nominierung für die WM in Prag ausschlugen.

Sensation gegen KanadaWahnsinn on Ice! Deutschland im Olympia-Finale

Als Sturm übernahm, sagte er, das sei Geschichte: „Ich habe noch nie gerne zurückgeschaut, was gewesen ist, sondern immer nach vorne, denn nur das lässt sich beeinflussen.“ Christian Ehrhoff, Verteidiger bei den Kölner Haien und deutscher Fahnenträger bei der Schlussfeier, sagte in Gangneung: „Marco Sturm hat die Lust zurückgebracht.“

Sein Wechsel auf den Posten des Chefs an der Bande war in der Lebensplanung ursprünglich nicht vorgesehen. Der 39 Jahre alte Bayer beherrschte sein Metier als Aktiver derart gut, dass er sich über Jahre im Wettstreit mit den besten Konkurrenten der Welt durchsetzte. Ein Vierjahresvertrag mit der „German Rocket“, wie sie ihn wegen seines Tempos auf Schlittschuhen nannten, war den Boston Bruins 14 Millionen Dollar wert. In Übersee wurde Sturm sesshaft.

Der Sohn brachte ihn zur Trainerkarriere

Nach mehr als anderthalb Jahrzehnten und Engagements, die ihn außerdem nach San José, Los Angeles, Washington, Vancouver sowie Fort Lauderdale führten und finanziell unabhängig machten, dachte er eigentlich daran, sich ein zweites Standbein in der Immobilienbranche an der amerikanischen Ostküste aufzubauen. Doch sein Sohn Mason Joseph trug seinen Teil dazu bei, dass es ganz anders kam. Sturm wollte „mehr Zeit mit der Familie verbringen, weil ich zuvor durch meine Reisen viel zu selten zu Hause war“. Dabei begleitete er seinen Spross zum Eishockeytraining bei den Junior Panthers in Florida, wo es nicht lange dauerte, ehe die anderen Eltern ihn baten, als Betreuer mitzuhelfen: „Das hat Riesenspaß gemacht, und mir war klar, dass ich diesen Weg weitergehen möchte.“

Sturm erwarb die Trainerlizenz. Kurz darauf ereilte ihn der Anruf Franz Reindls. Der Verbandspräsident suchte einen neuen Chefcoach, eine Identifikationsfigur wie ehedem Uwe Krupp, die den Funken der Begeisterung wieder entfachen sollte. „Wir gehen so ziemlich denselben Weg“, stellte Sturm fest: „Uwe hat damals in Atlanta seinen Sohn Björn trainiert. Dann ist er Nationaltrainer geworden.“ Mittlerweile ist Krupp senior Trainer der Eisbären Berlin, und der 26 Jahre alte Björn eine Größe im Aufgebot der Nationalmannschaft.

Sturm feierte beim Deutschland-Cup 2015 in Augsburg sein Debüt, bei den Weltmeisterschaften in St. Petersburg und Köln stieß die Mannschaft danach ins Viertelfinale vor. „Was die Mannschaft leistet, wie Marco Sturm die Fäden zusammenhält – das ist überragend“, sagte Reindl in dieser Woche im Deutschen Haus in Pyeongchang. Auch die Spieler sind voll des Lobs: „Er kann motivieren und begeistern. Man merkt seinen Ehrgeiz. Genau so etwas brauchen wir“, sagte Patrick Reimer. Die Leistungssteigerung bei Olympia gelang dem Nationalteam ohne Unterstützung aus Nordamerika.

Die NHL weigerte sich erstmals seit 1994, die Saison zu unterbrechen. Sturm rekrutierte so eine eingespielte Truppe ausschließlich mit Protagonisten aus der Deutschen Eishockey Liga. „Es sind einige dabei, die mit ihm noch gespielt haben. Ich glaube, dass er die Spieler besser kennt und weiß, wie er mit ihnen umgehen muss“, sagte Torwart Danny aus den Birken. Ehrhoff ergänzte, dass die Arbeitsatmosphäre in der Kabine besonders förderlich sei: „Wir begegnen Marco Sturm mit großem Respekt. Und genauso tritt auch er uns allen gegenüber.“

Sturm hat in Südkorea drei Mobiltelefone im Einsatz: eines für Anrufe auf seine alte Nummer in Übersee, das andere für die Kontakte in Deutschland und ein weiteres für die Kommunikation in Südkorea. Nach dem 4:3-Halbfinalsieg über Kanada klingelte jedes einzelne permanent. Nur einmal ging er sofort in der Kabine ran, als sich sein Sohn Mason meldete, der gerade bei einem Lehrgang mit der Bayern-Auswahl unterwegs ist – um zu sagen, wie stolz er auf das ist, was sein Vater mit seiner Mannschaft erreicht hat. Das, sagte Sturm, bleibe ihm als ein besonders schöner Olympia-Moment in Erinnerung.

Quelle: F.A.S.
Marc Heinrich
Sportredakteur.
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