Dahlmeiers zweiter Gold-Coup

„Auf einer Stufe mit Ole: Cool, unglaublich“

Von Claus Dieterle, Pyeongchang
 - 18:13
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Jeder hat seine eigene Art, seine Gefühle auszudrücken. Laura Dahlmeier etwa tat es mit einer Geste. Als sie den Zielstrich im Alpensia Biathlon Center überquerte, hatte sie beide Hände in Stirnhöhe gehoben. Und diese Geste, mit der sie am Montag natürlich auch ihre zweite Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang zelebrierte, erklärte die 24 Jahre alte Bayerin aus dem Werdenfelser Land später, als sie wieder halbwegs aufgetaut war, vor allem mit ihrer universellen Dankbarkeit: „Ich glaube, wenn bei einem Rennen wirklich alles so zusammenpasst, da ist schon irgendwie eine Unterstützung da, eine positive Energie“, sagte sie. Sie war gar der Ansicht, „dass ich das heute ganz allein nicht geschafft hätte. Es gibt so viele Menschen, die einem die Daumen drücken überall auf der Welt und daheim, die einen unterstützen. Und das war so ein kleines Dankeschön an alle, die mich immer so unterstützen. Ich nehme das schon wahr.“

Es hat aber auch wieder alles zusammengepasst bei diesem zweiten großen Auftritt in Pyeongchang, den sie mit ihrem zweiten Gold vor der Slowakin Anastasia Kuzmina und Anais Bescond aus Frankreich krönte – ehe Benedikt Doll noch Bronze holte. Bundestrainer Gerald Hönig war wieder einmal restlos begeistert von seiner Besten: „So wie Laura hier Biathlon in Perfektion zeigt, habe ich das lange nicht gesehen: konstant und auf so hohem Level. Sie ist professionell bis in die Haarspitzen. Ich habe selten besseres Biathlon gesehen.“ Sie bewegte sich tatsächlich nahe am perfekten Rennen, mit dem einzigen kleinen Makel, dass sie eine der 20 Scheiben verfehlte, aber bei diesen Umständen, dieser beißenden Kälte und dem heimtückischen Wind ist das geschenkt. Das fand Laura Dahlmeier im Übrigen auch: „Für mich war es perfekt.“

Es war aber auch ein einsames Rennen für die gejagte Bayerin, weil nur eine ihrer Jägerinnen sie ein einziges Mal in einen Zweikampf verwickeln konnte. Beim dritten Schießen hatte Anastasia Kuzmina ihren Rückstand von 54 Sekunden aus dem Sprint wettgemacht und baute sich zum Duell neben der Deutschen auf. Aber bei ihrer Aufholjagd war sie wohl zu sehr an ihre Reserven gegangen. Zwei Scheiben blieben stehen, während Laura Dahlmeier ganz bei sich blieb und akkurat Schuss für Schuss ins Ziel brachte. Der Weg zum Gold war frei, zumal sie sich auch an der vierten und letzten Station keine Blöße mehr gab.

Biathlon bei OlympiaDie nächste Gold-Show der Laura Dahlmeier

Einen unerbittlichen Gegner hatte sie aber doch, der sie auf den zehn Kilometern hartnäckig verfolgte: die Kälte. „Es war ein richtig, richtig hartes Rennen heute, das war unfassbar. Meine Finger sind gerade aufgetaut, das waren schlimmere Schmerzen als bei einem Fight im Rennen, das war abartig.“ Vor allem die Fingerkuppen waren das Problem. Aber irgendwie passt diese Eiseskälte ja perfekt zu ihrer Art, am Schießstand cool bis in die Haarspitzen zu bleiben. Sogar der Stadionsprecher hatte sie zwischendurch als „the Icelady from Germany“ angekündigt. „Ich eine Eisprinzessin? Nein, das ist doch die Kati Witt“, sagte Laura Dahlmeier im Scherz. Aber eiskalt am Schießstand, das sei schon in Ordnung.

Jetzt hat Laura Dahlmeier nicht nur das zweite Gold im zweiten Anlauf, sondern ist damit auch die erste Biathletin, die bei Olympischen Spielen sowohl Sprint als auch Verfolgung gewonnen hat. Bei den Männern ist das bislang nur Ole Einar Björndalen gelungen. „Auf einer Stufe mit Ole: Cool, unglaublich“, sagt Laura Dahlmeier. Björndalen nannte man früher den Kannibalen, weil der Norweger einen nahezu unersättlichen Appetit auf Gold verspürte. Und so langsam glaubt man das auch von Laura Dahlmeier, zumal die Französin Anais Bescond auch keine sonderlich originelle Idee hatte, wie man die flotte Deutsche schlagen könnte: „Besser schießen, schneller laufen. Aber es stimmt: Laura dominiert im Moment unseren Sport.“ Laura Dahlmeiers Teamkollegin Denise Herrmann, die sich von Rang 21 auf Platz sechs vorgearbeitet und dabei sogar kurz Bronze vor Augen hatte, „war sowieso von Anfang an klar, dass die Laura heute den Sack zumacht. Sie ist so gut drauf, auch mental. Sie lässt der Konkurrenz keine Chance.“

Was nichts daran ändert, dass man der Hochgelobten nach dem Rennen anmerkte, wie viel Energie sie auf den zehn eisigen Kilometern gelassen hatte. Erschöpfung statt Feierlaune. Und sie gewährte den Journalisten sozusagen auch einen Einblick in ihr Inneres – fast jedenfalls: „Wenn man mich heute beim Einlaufen gesehen hat, und wenn ihr in meine Beine reinschauen könntet, wärt ihr erstaunt, wie es überhaupt möglich ist, dass man so gewinnt. Ich habe mich heute nicht so leichtgetan, gerade am Anfang, und im Moment bin ich richtig kaputt.“ Aber dann zog sie selbst die Parallele zur WM in Hochfilzen, wo sie nach zwei Rennen kollabiert war – und immer wieder aufstand. Damals habe sie sich gar nicht vorstellen können, „wie ich am nächsten Tag wieder aus dem Bett kommen soll. Und dann war es doch wieder super.“ In Tirol hat sie bekanntlich fünf WM-Titel gewonnen.

Hochfilzen, das ist auch ein gutes Stichwort für den anderen deutschen Skijäger, der am Montag in Südkorea von sich reden machte – wieder einmal überraschend: Doll scheint sich allmählich zum Mann für Großereignisse zu entwickeln. Dass der Schwarzwälder schnell laufen kann, weiß man, aber meistens hapert es am Schießstand. In Hochfilzen vor einem Jahr stand er nach einer Nullnummer plötzlich als Sprint-Weltmeister da, ohne je einen Weltcupsieg errungen zu haben, und jetzt in Pyeongchang holte er sich ähnlich überraschend die Bronzemedaille in der Männer-Verfolgung. Mit nur einem Fehler, was bei 20 Versuchen bei diesen Bedingungen schon eine beeindruckende Leistung ist. „Endlich ist es mir auch mal gelungen, beim letzten Schießen die Null zu bringen“, sagte der 27 Jahre alte Skijäger.

Und eine Medaille bei Olympia, „das ist ein Kindheitstraum“. Dass es Silber hätte sein können, wenn er nicht das Laufduell mit dem Schweden Sebastian Samuelsson verloren hätte, ficht ihn nicht an. „Überhaupt eine Medaille zu gewinnen ist schon ein Ding, und da bin ich sehr stolz drauf.“ Arnd Peiffer, der als Sprint-Olympiasieger in der Dahlmeier-Rolle des Gejagten auf die Strecke gegangen war, hielt sich seine Verfolger nur bis zum dritten Schießen vom Leib. Dann preschte der Männer-Dominator Martin Fourcade unaufhaltsam nach vorne. Und schon nach dem letzten Schuss drehte sich der Franzose in Siegerpose in Richtung Tribüne. Das ist seine Art, seine Gefühle zu zeigen.

Quelle: F.A.Z.
Claus Dieterle
Sportredakteur.
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