Doping und Disqualifikation

Shorttrack ist nichts für zarte Seelen

Von Achim Dreis, Gangneung
 - 17:06

Zunächst schienen nur 22 Zentimeter zum großen koreanischen Glück zu fehlen. Der Zielfoto-Entscheid klärte auf: Choi Minjeong war trotz allen Einsatzes im Finale über 500 Meter eine knappe Schlittschuhlänge hinter der Italienerin Arianna Fontana zurück geblieben. Wieder nichts mit dem Wunsch-Gold über die Sprintdisziplin für die Olympiagastgeber in ihrer Lieblingssportart Shorttrack, auf das 11.000 Zuschauer an diesem Abend hingefiebert hatten. Aber wenigstens Silber. Wenige Minuten später sollte es noch etwas bitterer für die Gastgeberin werden: Choi disqualifiziert, verkündete der Hallensprecher. Wegen „Behinderung“.

Die 20-Jährige hatte im Übereifer ihres imposanten Siegeswillens, aufgepeitscht von den ohrenbetäubenden Anfeuerungen ihrer Landsleute in der vollbesetzten Eis-Arena, in der letzten Kurve zwei Mal mit Arm und Ellenbogen nach ihrer Rivalin geschlagen. Das Publikum quittierte die Bestrafung mit Pfiffen und verließ fluchtartig den Saal. Als glückliche Dritte rückte die Kanadierin Kim Boutin auf. Silber gewann Yara van Kerkhof aus den Niederlanden.

Die eigentliche Favoritin, Shim Sukhee, Staffel-Olympiasiegerin von Sotschi, hatte Mitte Januar ein Krankenhaus aufsuchen müssen, weil ihr Trainer sie geschlagen hatte. Er sei unzufrieden mit den Trainingsleistungen der 21-Jährigen gewesen, hieß es. Der Coach wurde entlassen, aber Shim kam dennoch bei den Spielen in ihrer Heimatstadt nicht über die Vorrunde hinaus.

Die 20 Jahre alte Choi gilt dagegen als Vorbild. Sie war schon als Teenager von zuhause ausgezogen, um näher an der Nationalen Sport-Universität wohnen zu können. Dem Vernehmen nach steht sie jeden Tag um fünf Uhr auf, um vor der Schule trainieren zu können. Shorttrack ist kein Sport für zarte Seelen. Die deutsche Starterin Anna Seidel geht ihn dennoch etwas weniger hartherzig an. Nachdem die 19-Jährige im Viertelfinale ausgeschieden war, sagte sie: „Ich bin froh, dass es vorbei ist.“ Sie fühlte sich von einer Adduktorenzerrung beeinträchtigt: „Die 500 Meter liegen mir nicht.“ Die Dresdnerin läuft lieber 1500 Meter.

Kei Saito läuft gar nicht mehr. Der 22-Jährige soll für den ersten entdeckten Doping-Fall eines Olympiateilnehmers verantwortlich sein. In einer vor den Spielen genommenen Probe wurde ein Diuretikum (zur Maskierung verbotener Substanzen geeignet) entdeckt – vorläufige Suspendierung. Der Japaner bestritt zwar Doping, musste aber umgehend das Olympische Dorf verlassen.

Quelle: F.A.Z.
Achim Dreis
Sportredakteur.
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