Kommentar

Keine Verschwörung, sondern Doping

Von Michael Reinsch
 - 08:29

Putin hat’s kommen sehen. In der vergangenen Woche behauptete der Herr des Kremls, die Doping-Vorwürfe gegen den russischen Sport richteten sich in Wirklichkeit gegen ihn und seinen bevorstehenden Präsidentschafts-Wahlkampf. Russland habe kein Problem mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC), sagte er bei einer Veranstaltung in Sotschi – ausgerechnet dem Ort, an dem die aktuelle Glaubwürdigkeitskrise Olympias vor knapp vier Jahren ihren Ausgang nahm. Zur Erinnerung: Auf Geheiß der Regierung und mit Unterstützung des Geheimdiensts setzte der russische Sport seinem seit Jahren betriebenen Doping-System damals die Krone auf.

Gut fünfzig Milliarden Dollar ließ sich Russland die Winterspiele 2014 kosten, und weil es obendrein unbedingt den Glanz von Medaillen wollte, stahlen seine Knechte Proben ihrer vermutlich gedopten Athleten aus dem Testlabor, tauschten sie aus oder machten sie unbrauchbar. Unter anderem die weltweite Versammlung der Nationalen Anti-Doping-Agenturen fordert, die Russen wegen dieses Coups, wegen des systematischen Dopings vorher und nachher und nicht zuletzt wegen ihres hartnäckigen Leugnens von den bevorstehenden Winterspielen in Pyeongchang auszuschließen. An den Sommerspielen von Rio de Janeiro hatte das russische Team – so viel zu null Toleranz gegenüber Doping – teilnehmen dürfen.

Putin beschrieb nun, unter welchem Druck das IOC stehe. Es sei abhängig von Werbekunden, von Fernsehsendern und von Sponsoren, und diese erhielten eindeutige Signale von gewissen amerikanischen Einrichtungen. Das vermute er nicht einfach, sagte Putin, das wisse er.

Und siehe da: Am Freitag ist der Druck aufs IOC noch größer geworden. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) verbreitete die Nachricht, dass ihre von dem bayrischen Kriminalpolizisten Günter Younger geleitete Ermittlungsabteilung in den Besitz von Aufzeichnungen gelangt sei, von denen sie zuversichtlich sei, dass sie jede einzelne Probe des Kontrolllabors von Moskau innerhalb von dreieinhalb Jahren um Sotschi 2014 herum enthalte.

Das Dokument, schreibt die Wada auf ihrer Website, bestätige nach ersten Vergleichen den McLaren-Report. Dieser belegt, dass in Moskau auf Anweisung des Sport-Ministeriums massenhaft Proben und Analysen verschwanden. „Save“ und „Quarantine“ lauteten demnach die Order aus dem Sportministerium: Positive Befunde verschwinden zu lassen war die eine Option, den gedopten Athleten zu opfern die andere.

Erst nächste Woche, auf ihrer großen Konferenz in Seoul, auf der über die Zulassung oder weitere Sperre des seit November 2015 suspendierten Moskauer Labors entschieden wird, möchte die Wada die Daten vorstellen. Vielleicht hat Putin mit seinen Andeutungen für die vorzeitige Bekanntmachung gesorgt. Offensichtlich ist, dass die Wada Einfluss nehmen will auf das IOC und dessen Präsidenten Thomas Bach, die im Dezember über Zulassung oder Ausschluss der russischen Olympiamannschaft entscheiden müssen. Die Nachricht lautet: Hier geht es nicht um politische Verschwörung, hier geht es um Doping. Wer Konkurrenten und Gäste betrügt, muss mit Konsequenzen rechnen.

Die Wada will Einfluss nehmen auf das IOC und dessen Präsidenten Bach, die im Dezember über Zulassung oder Ausschluss der russischen Olympiamannschaft entscheiden müssen.
Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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