Skistar Bode Miller

Immer im Grenzbereich

Von Achim Dreis
 - 09:16

Viele haben ihn bewundert, viele sind an ihm verzweifelt: Die Trainer, weil er Ski fuhr, wie es kein Lehrbuch vorsah. Die Funktionäre, weil er sich ihren manchmal kleinkarierten Vorschriften widersetzte. Die Fans, weil er mit ihnen feierte, wenn er Rennen gewinnen sollte, und sich in sein Wohnmobil verzog, wenn sie den Star zum Anfassen haben wollten. Und die Konkurrenten, weil er immer wieder auftauchte, wenn schon keiner mehr mit ihm rechnete.

Samuel Bode Miller, genannt Bode, der charismatische Amerikaner, ließ keinen kalt, der sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten mit dem alpinen Skirennsport beschäftigte. Einen Typen wie ihn gibt es derzeit im alpinen Ski-Zirkus nicht – und ein solcher Rockstar auf Skiern ist auch nicht in Sicht. Miller war der Rebell mit Ausrüstervertrag. Der Widersprüchliche, der sich für die Doping-Freigabe aussprach, aber das einfache, reine Leben suchte. Miller gab den Clown und spielte den Helden in diesem weltweiten Wanderzirkus auf zwei Brettern. Ungehobelt, aber einnehmend. Meistens mit Drei-Tage-Bart und Baseball-Kappe. Nun hat er mit 40 Jahren genug und kündigte an, was er eigentlich nie ankündigen wollte: seinen Rücktritt. „Ich bin lange gefahren und habe kein Verlangen mehr danach“, sagte er im amerikanischen Fernsehen. Noch Anfang des Jahres liebäugelte er in Kitzbühel mit einem weiteren Comeback, diesmal auf seiner eigenen Skimarke. Miller war Teilhaber, Chefvermarkter und Star der Marke „Bomber“ geworden. Stand aber noch bei Head unter Vertrag und war deshalb verhindert. Er sprach dennoch von der ersten Ski-Revolution seit Mitte der neunziger Jahre, als die Carving-Skier aufkamen. An deren Durchbruch für den Rennsport er auch beteiligt war.

Als Miller im November 1997 zum ersten Mal im Weltcup auftauchte, fuhr er im Riesenslalom von Park City auf den elften Rang. Mit einem Stil, der so noch nicht gesehen und auch nicht vorgesehen war: mit viel zu viel Rücklage und viel zu engen Kurvenradien. In den folgenden 60 Rennen kam der wilde Junge zwar 40 Mal nicht ins Ziel, doch er widersetzte sich allen Erziehungsversuchen und testete seine Grenzen so lange aus, bis ihm auf den taillierten Skiern gecarvte Kurven gelangen, an die außer ihm keiner glaubte.

Miller hatte als Kind mit seinen Eltern und drei Geschwistern ein Hippie-Leben ohne Wasser und Strom in den White Mountains gelebt. Die große Freiheit, kombiniert mit einem unfassbaren Bewegungstalent, hat ihn geprägt. Auch als er später ins zivilisierte Leben eintauchte, galt sein Interesse hauptsächlich dem Sport. In Golf und im Fußball hochbegabt, im Tennis sogar Jugendmeister von New Hampshire. Doch weil schon seine Oma im amerikanischen Skiteam gefahren war, konzentrierte sich auch Bode auf das Skifahren, das er schon mit zwei Jahren gelernt hatte. Er bestritt bis 2014 insgesamt 438 Weltcup-Rennen, 33 davon gewann er zwischen 2001 und 2011. Miller ist einer von nur fünf Athleten, die in allen fünf Disziplinen Weltcupsiege schafften, und der Einzige, dem dies in jeder Sparte mindestens fünfmal gelang. Er wurde viermal Weltmeister in vier Disziplinen. Er sammelte sechs Olympiamedaillen. Und einmal wurde er auch Olympiasieger, wenn auch „nur“ in der Super-Kombination.

Er hätte sicherlich viel mehr gewinnen können, wäre er nicht so oft an sich selbst gescheitert. Doch viele seiner Niederlagen waren unterhaltsamer als die Siege der anderen. Bei der WM 2005 verlor er in der Kombinations-Abfahrt kurz nach dem Start den linken Ski, fuhr aber fast zwei Minuten lang auf einem Ski weiter. Noch bei der WM 2015 raste er mit Zwischenbestzeit dem Super-G-Ziel entgegen, ehe er an einem Tor hängen blieb, das er mal wieder zu eng angefahren hatte. Mit aufgeschlitztem Bein und durchtrennter Sehne endete seine Karriere. Nun hat der vierfache Vater genug von diesen Abenteuern. Sein Interesse gilt einem anderen Sport. Miller ist Mitbesitzer eines Rennpferdes: Es heißt Carving.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Dreis, Achim (ad)
Achim Dreis
Sportredakteur.
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