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Kritik in F.A.Z. an Bundeswehr

Neue Perspektiven für Sportsoldaten

Von Michael Reinsch, Bonn
 - 12:37
Der Bund macht’s möglich: Stabsfeldwebel Franz Heinzelbecker, Chef der Sportfördergruppe Bruchsal (von links) und Gewichtheber Max Lang, Ringer Pascal Eisele, Gewichtheber Almir Velagic, Ringer Denis Kudla und Ringer-Trainer Michael Carl. Bild: Helmut Fricke, F.A.Z.

Die Bundeswehr, größter Förderer des olympischen Sports in Deutschland mit 744 Planstellen, will sich vom Sponsor von Athleten zu deren Arbeitgeber wandeln. Es liege nahe, die ziel- und leistungsorientierten Sportlerinnen und Sportler, die man beschäftige, für eine berufliche Zukunft bei der Bundeswehr zu gewinnen, sagt der für Ausbildung zuständige Brigadegeneral Markus Kurczyk im Kommando Streitkräftebasis Bonn. Dazu will er ihnen weitere Perspektiven eröffnen; auch als Sportlehrer und Sportausbilder.

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Von 2018 an sollen deshalb Spitzensportler an der Hochschule der Bundeswehr in München Sportwissenschaft mit den Schwerpunkten Prävention und Rehabilitation studieren können. Der Studiengang sei ein Pilotprojekt für Athleten, welche die Offizierslaufbahn einschlagen und sich verpflichten, mindestens 13 Jahre zu bleiben. Gut möglich, dass weitere Studiengänge an den Bundeswehr-Hochschulen in München und Hamburg folgen.

Der neue Studiengang Sportwissenschaft soll als Fernstudium mit minimaler Präsenzpflicht und einer möglichen Streckung von zwei bis zu fünf Jahren den Bedürfnissen aktiver Topathleten entgegenkommen. Die Verwendung der künftigen Sportlehrer sieht der General in der Therapie von im Einsatz geschädigten Soldaten und im betrieblichen Gesundheits-Management.

Ehemalige Spitzensportler als Unteroffiziere

Darüber hinaus sollen in den nächsten drei Jahren 150 Posten für Sportausbilder geschaffen werden: ehemalige Spitzensportler im Rang von Unteroffizieren mit Trainer-A-Schein. „Wir bekommen es zunehmend mit jungen Menschen zu tun“, sagt Kurczyk, „die noch nie erlebt haben, dass Sport Spaß macht“. Olympiasieger und ehemalige Weltmeister, stellt er sich vor, sollen diese Freiwilligen, die sich zum Dienst an der Waffe melden, fit machen. Bereits jetzt studierten etwa die Hälfte der Spitzensportler nebenbei.

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In der Diskussion über die staatliche Sportförderung geht die Bundeswehr in die Offensive. Kurczyk, seit Oktober für die Spitzensportler in der Bundeswehr verantwortlich, reagiert offenkundig auf die Kritik von Max Hartung, dem Athletensprecher im Deutschen Olympischen Sportbund. Er halte die Bundeswehr nicht für ein besonders gutes Instrument zur Sportförderung, hatte dieser zu seinem Amtsantritt im Februar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gesagt.

Er kritisierte, dass es bei ihr – im Gegensatz zu Polizei und Zoll – keine Berufsausbildung gebe und kaum die Aussicht, nach dem Sport übernommen zu werden. „Ich bin überzeugt, dass man das Geld intelligenter und fairer einsetzen kann“, sagte er und alarmierte damit auch die Politik. Diese fordert die Gleichbehandlung von paralympischen Spitzensportlern ein, die nicht Soldat, Polizist oder Zöllner werden können.

Keine Plätze für paralympische Athleten

Kurczyk kündigt an, nicht mehr allein mit den Verbänden, sondern künftig regelmäßig auch mit den Athletenvertretern zu sprechen. Er entscheide, sagt er, wer bleibe und wer gehe. Damit scheint er die Praxis vieler Verbände beenden zu wollen, die Sportdirektoren und Bundestrainer Stellen bei der Bundeswehr zuteilen und entziehen. Zur Verbesserung der Betreuung sollen nach dem Willen von Kurczyk „Sportsoldaten künftig zentral vom Sportmedizinischen Institut der Bundeswehr in Warendorf untersucht und behandelt werden“.

Insgesamt rund 1200 Spitzensportler beschäftigt die öffentliche Hand, um ihnen professionelles Training und eine berufliche Perspektive zu ermöglichen. Die Bundeswehr kommt auf 827 Stellen in fünfzehn Sportfördergruppen; zusätzlich zu denen für 744 Athleten und Trainer in olympischen und nichtolympischen Sportarten gibt es dort 40 Posten für Militär- und Fallschirmsportler; Führungspersonal wird mit 43 Stellen veranschlagt. Die Kosten sollen 35 Millionen Euro betragen. Die Bundespolizei beschäftigt 160 Spitzensportler, der Zoll 64. Dazu kommen in verschiedenen Ländern weitere Plätze bei der Polizei.

All diese Plätze stehen nicht für paralympische Athleten zur Verfügung. Die drei zuständigen Ministerien (Verteidigung, Inneres und Finanzen) haben, weil der deutsche Spitzensport sich auch der Gleichstellung von behinderten und nicht-behinderten Athleten verschrieben hat, ihren Stellen-Pool für bisher zehn paralympische Sportler zu einer Individual-Förderung für derzeit siebzehn reformiert.

„Das wäre eine Revolution“

Damit bieten sie nicht nur mehr Posten an, etwa in der Verwaltung der Bundeswehr, wie sie die Paralympics-Sieger Markus Rehm (Weitsprung) und Michael Teuber (Rad) angenommen haben. Der Bund unterstützt darüber hinaus auch Arbeitgeber finanziell, damit diese einen angestellten Athleten wie Triathlon-Paralympics-Sieger Martin Schulz ausreichend freistellen können, oder gewähren Studenten wie Christiane Reppe, Paralympics-Siegerin im Hand-Bike, gar direkt ein Stipendium.

Manuela Schmermund, Athletensprecherin des Deutschen Behindertensport-Verbandes, begrüßt die Neureglung als „sehr wünschenswert und sehr begrüßenswert“. Die Paralympics-Siegerin im Schießen erwartet allerdings weitere Schritte. „Ich erhoffe mir, dass auch paralympische Athleten an der Hochschule der Bundeswehr studieren können“, sagt sie.

Athletensprecher Hartung ist angetan von der Möglichkeit, Spitzensportler mittels Stipendium individuell zu fördern. „Wenn man das übertragen könnte“, sagt er, „wäre das eine Revolution.“ Denn die Wahl zwischen den Uniformen von Bundeswehr, Polizei und Zoll sei nicht wirklich eine freie Wahl der Fördermöglichkeiten. „Großartig“, findet deshalb Hartung, „dass die paralympischen Athleten uns jetzt ein Beispiel geben.“

Das Leben nach dem Sport nicht aus den Augen verlieren

Auch Kurczyk sieht Bedarf für ein ergänzendes Angebot. „Wir wollen nicht diejenigen, die nur wegen des Geldes kommen“, sagt er und fordert auch von Sportsoldaten ein Bekenntnis zu dem Bundeswehr-Slogan „Wir. Dienen. Deutschland.“. Wer sich nicht mit dem Militär identifizieren könne, brauche eine Alternative.

Die Vorstellung, Topathleten unabhängig von einer Beschäftigung beim Bund Stipendien zu gewähren, lehnt der General ab. Um das Leben nach dem Sport nicht aus den Augen zu verlieren, brauchten auch Spitzensportler Begleitung und Beratung. In seinen Augen scheint die Armee auch eine Bildungseinrichtung zu sein. „Sie würden etwas weggeben“, sagt er zu der Vorstellung, allein etwa die Stiftung Deutsche Sporthilfe mit der Förderung von Hochleistungssportlern zu betrauen, „die Eingebundenheit ins System Bundeswehr.“

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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