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Olympia-Attentat von 1972

Ein anderer Ton

Von Michael Reinsch
 - 17:41
„Einschnitt“: Ein Denkmal erinnert an die Opfer des Olympia-Attentats von 1972 Bild: dpa, F.A.Z.

Soll es endlich eine Gedenkminute für die elf ermordeten Athleten, Trainer und Schiedsrichter der Olympischen Spiele von München 1972 geben? Und zwar bei der Eröffnungsfeier Olympischer Spiele? Auch das wäre ein Einschnitt, wie ihn das Gebäude symbolisiert, mit dem München, Bayern, Deutschland und das Internationale Olympische Komitee (IOC) an das mörderische Attentat auf die israelische Mannschaft und damit auf den Geist der Spiele von 1972 erinnern – den Versuch, ein neues, fröhliches Deutschland zu inszenieren, der in Schüssen und Explosionen, Blut und Schmerz endete.

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Anders als die bald nach dem Terrorakt am Haus Connollystraße 31 angebrachte Bronzeplakette, anders auch als der zum zwanzigsten Jahrestag des Verbrechens auf dem Olympiagelände abgelegte tonnenschwere Granitbalken mit eingravierten Namen lädt der am Mittwoch eröffnete Gedenkort im Olympiapark ein, die Menschen persönlich kennenzulernen, welche die Terroristen des Schwarzen Septembers vor fünfundvierzig Jahren folterten und ermordeten – Athleten und Betreuer, die nach München gekommen waren, um das größte Fest des Sports zu feiern. Auch ein deutscher Polizist kam ums Leben, als Mord und Geiselnahme in einem dilettantischen Befreiungsversuch eskalierten.

Reuven Rivlin, der Präsident Israels, Vertreter jüdischer Organisationen aus der ganzen Welt sowie Angehörige der Ermordeten würdigten das Engagement der Deutschen in Stadt, Freistaat und Republik sowie, nicht zu vergessen, an der Spitze des Weltsports für die Gedenkstätte mit ihrer Anwesenheit. Während der Spiele von London 2012 hatte die Weigerung des IOC, mit einer Schweigeminute bei der Eröffnungsfeier des Anschlags und seiner Opfer zu gedenken, für Bitterkeit gesorgt.

Warten auf die Schweigeminute

„The Games must go on“ – das Diktum des IOC-Präsidenten Avery Brundage von damals, eines Antisemiten aus Amerika, sei ein schrecklicher Satz, sagte Rivlin, den Israel nie vergessen werde. Noch im vergangenen Jahr habe die Fatah, welcher die Terroristen des Schwarzen Septembers entstammten, das Massaker von München als heroischen Akt gefeiert. Nicht nur Söhne des Staates Israel seien die Opfer, sondern auch Söhne der olympischen Familie. Lange habe diese ihre Verpflichtungen ignoriert, und immer noch warte sein Land, klagte Rivlin, auf die Anerkennung der Untat durch die Schweigeminute.

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Ihm scheint nicht genug, was Thomas Bach, seit 2013 IOC-Präsident, bei den Olympischen Spielen von Rio 2016 einführte: eine Gedenk-Zeremonie im Olympischen Dorf mitsamt den Flaggen aller teilnehmenden Mannschaften, auch der palästinensischen. Ankie Spitzer, die ihren Mann Andrei bei dem Mordanschlag verlor, als sie 27 Jahre alt war, gibt sich ebenfalls nicht zufrieden. Inzwischen 72 Jahre alt, wirft sie den Politikern und Behörden des Deutschlands von damals Komplizenschaft mit den Mördern vor. Sie fordert eine unabhängige Untersuchung über den gescheiterten Polizeieinsatz hinaus bis zur Freilassung der überlebenden Terroristen.

Dennoch: Es herrscht ein anderer Ton als noch vor Jahren. Rivlin nannte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der das Versagen der deutschen Sicherheitskräfte einräumte, einen Freund. Israel habe 1972 gelobt, sich nicht vom olympischen Sport abzuwenden, erinnerte er, und dieses Versprechen gehalten. Das Bekenntnis zur Geschichte, der deutschen und der olympischen, auch zu den Fehlern von 1972 und seitdem, stärkt die Einigkeit, mit der Deutschland und Israel das Leben in Freiheit und Demokratie verteidigen – und dessen Ausdruck durch Sport.

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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