Eiskunstlauf

Kringel-Diplomatie für Nordkorea

Von Evi Simeoni und Roland Zorn, Oberstdorf
 - 13:54
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Lächeln für Kim Jong-un – kein Problem. Wenigstens dort, wo Lächeln zum Handwerk gehört und der Drill zum Alltag: beim Eiskunstlaufen. Während die restliche Welt sich fürchtet vor neuen persönlichen Beleidigungs-Salven zwischen den Präsidenten Donald Trump und Kim Jong-un und neuen Eskalationsstufen im Nuklear-Konflikt, wurde im malerischen Oberstdorf am Fuße des Nebelhorns ein ganz anderes Stück aufgeführt: Dort, wo die Schönen und Geschminkten mit strahlenden Gesichtern Pirouetten drehen, versuchten Ryom Tae-ok und Kim Ju-sik, ein Eislaufpaar aus Pjöngjang, die Menschen zu bezaubern mit ihren Figuren und Sprüngen in ihren glänzenden Kostümen.

Und es gelang ihnen trotz des immensen Drucks, der auf der 18 Jahre alten jungen Frau und ihrem 25 Jahre alten Partner lastete, zu erfüllen, was alle von ihnen erwarteten: Sie qualifizierten sich mit ihrer Leistung bei der Nebelhorn-Trophy ganz offiziell für die Olympischen Winterspiele im Februar 2018 in Pyeongchang in Südkorea. Damit sind sie die ersten – und möglicherweise die einzigen – nordkoreanischen Sportler, die sich ihre Startberechtigung für Pyeongchang regulär erworben haben. Ob am Ende wirklich eine nordkoreanische Mannschaft bei den Winterspielen starten wird, steht aber noch lange nicht fest. „Das ist eine Entscheidung der Regierung“, sagte in Oberstdorf Kim Hyon-son, die Trainerin des Paars, auf die Frage, ob sie sich schon auf die Spiele freuten.

Wintersport ist in Nordkorea ohnehin nicht populär. 2014 in Sotschi, in Russland also, hatte das Land keine Mannschaft am Start. Vier Jahre zuvor in Vancouver zwei Sportler, einen Eiskunstläufer und eine Eisschnellläuferin, die mit der Medaillenvergabe nichts zu tun hatten. Weitere, nicht so aussichtsreiche Versuche Richtung Pyeongchang soll es nun noch im Short Track und im Ski-Langlauf geben. Fünf bis zehn Sportler, so das Internationale Olympische Komitee (IOC), würden gemeinsam mit den Weltverbänden auf dem Weg zur Olympia-Qualifikation unterstützt. Dabei gehe es um die Finanzierung von Trainingslagern, Ausrüstung und der Teilnahme an Qualifikationswettkämpfen. Auch Ryom Tae-ok und Kim Ju-sik profitieren von diesem Programm.

Die Erleichterung Olympias über die erfolgreiche Kringel-Diplomatie von Oberstdorf ist groß, aber leise. Nur kein Wort zu viel sagen, der ganze Komplex ist ein rohes Ei. Die Teilnahme nordkoreanischer Sportler bei den Winterspielen nur 80 Kilometer von der innerkoreanischen Grenze entfernt ist enorm wichtig. Die Gründe sind vielfältig. Natürlich: Sicherheit. Die Anwesenheit einer nordkoreanischen Delegation in Pyeongchang würde die Furcht vor Aggressionen seitens des Nordens mildern. Wie schädlich schon unspezifische Ängste wirken können, zeigen die empfindlichen Reaktionen auf Äußerungen der französischen Sportministerin Laura Flessel und des Präsidenten des Österreichischen Olympischen Komitees, Karl Stoss, bei Gefahr werde man nächsten Februar lieber zu Hause bleiben.

Seitdem eiern Sportfunktionäre in aller Welt angesichts nicht beantwortbarer Fragen verbal herum. Was wäre wenn? Woher sollen sie wissen, was die Zukunft bringt, wenn nicht einmal die Politik etwas weiß? Fest aber steht: Entspannte Spiele würden auch dem Image des südkoreanischen Staates nützen, weil er damit seine politische und wirtschaftliche Stabilität untermauern könnte. Sogar sein durch die Stationierung eines amerikanischen Raketen-Abwehrsystems im Südosten des Landes gestörtes Verhältnis zu China will Südkorea im olympischen Rahmen verbessern – im Juli hat der südkoreanische Präsident Moon Jae-in jedenfalls Chinas Präsident Xi Jinping aus Anlass der Spiele nach Seoul eingeladen. Ohnehin gilt es, Leute nach Pyeongchang zu locken: Der Kartenverkauf läuft mehr als schleppend, auch die politischen Spannungen scheinen einer der Gründe dafür zu sein.

Für Olympia geht es nicht nur darum, den Athleten unbehelligte Spiele zu bieten – obwohl das natürlich die zentrale Aufgabe ist. Insgesamt hat das IOC eine ideelle Auffrischungskur dringend nötig. Seine Glaubwürdigkeit ist angesichts von Korruptionsvorwürfen gegen prominente Mitglieder und der immer noch offenen Frage, welche Konsequenzen der russische Sport für das nachgewiesene Staatsdoping tragen muss, dramatisch gesunken. Wenn aber in Pyeongchang ein nordkoreanisches Paar vom Eis in die Welt hinaus lächeln sollte, könnte Olympia eine seiner größten Stärken zum Strahlen bringen: friedliche Begegnungen möglich zu machen im sportlichen Wettkampf, frei von weltpolitischen oder religiösen Spannungen. Bei den Sommerspielen 2000 und 2004 etwa marschierten die Mannschaften aus Nord- und Südkorea gemeinsam ins Olympiastadion. Gefeiert wurde auch ein Selfie zweier Turnerinnen aus den beiden Koreas während der Sommerspiele im vergangenen Jahr in Rio.

Im Mai dieses Jahres lud Organisations-Chef Lee Hee-beom die nordkoreanische Mannschaft sogar dazu ein, auf dem Landweg, durch die entmilitarisierte Zone, nach Pyeongchang zu reisen. Olympia als Brückenbauer: Wenn man so will, drückten das sogar Ryom Tae-ok und Kim Ju-sik in Oberstdorf im Kurzprogramm aus. Sie liefen zu dem Beatles-Hit „A day in the life“. John Lennons „Give peace a chance“ wäre da natürlich noch eine Steigerung gewesen.

Ein zartes Wesen und ein kräftigerer junger Mann mit eckigem Gesicht, zugänglich, höflich – so gaben sich die beiden im Allgäu. Sie wohnten wie alle anderen Sportler in einem Hotel in Sonthofen und aßen im selben Restaurant. Im Gespräch mit Journalisten wurden sie stets aufmerksam behütet von einem dominant auftretenden Delegationsleiter. Mehrere Fernsehteams, unter anderem aus den Vereinigten Staaten und Japan, waren ihretwegen ins Allgäu gereist, und die beiden Athleten vertraten ihr Land, in dem Armut und Unterdrückung herrschen, mit unerschütterlicher Freundlichkeit. „Das schönste Gesicht des Sozialismus“ – so wurde einst Katarina Witt genannt, obwohl die DDR an keinem einzigen Tag ihres 40 Jahre dauernden Bestehens so sexy war wie seine Eis-Diva.

Was Ryeom Tae-ok und Kim Ju-sik der Welt zu erzählen hätten, blieb auch aus der Nähe offen. Beide wohnen in Pjöngjang, haben aber durch den Sport schon viel von der Welt gesehen. Von Mai bis Ende Juli dieses Jahres genossen sie sogar die hochklassige Ausbildung an der Eislaufschule des ehemaligen Paarläufers Bruno Marcotte. In Montreal sollen sie, zusammen mit dem ebenfalls dort trainierenden südkoreanischen Eislaufpaar, sogar das Nationalgericht Kimchi zubereitet haben. In Oberstdorf hielten sie sich von den Südkoreanern aber fern.

Auf dem Eis zeigten sie mit einer ausgewogenen und reifen Kür, dass sie durchaus bei den Winterspielen mithalten können. Geschenke scheint Nordkorea denn auch nicht annehmen zu wollen. Chang Ung jedenfalls, das nordkoreanische Mitglied des IOC, winkte am Rande der Session vor zwei Wochen in Lima ab. „Wer qualifiziert ist, kann dorthin gehen, wer nicht qualifiziert ist, nicht.“ Bevor er einen Moment die Kontrolle verlor und sich ärgerlich beschwerte, dass doch viele Länder Raketentests unternähmen und nicht einsehbar sei, warum ausgerechnet Nordkorea das nicht dürfe. Und wirklich: Auch während der IOC-Vollversammlung flog eine nordkoreanische Rakete über Japan hinweg.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Simeoni, EviAutorenporträt / Zorn, Roland (r.z.)
Evi Simeoni
Roland Zorn
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