Sportpolitik
Sportstadt Berlin

Immerhin Kite-Surfen – in der Stadt

Von Michael Reinsch, Berlin
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„Die Ablehnung Berlins als Olympia-Standort war von Sorge geprägt“, sagt Andreas Geisel. „Der Deutsche Olympische Sportbund hatte die Befürchtung, dass die Bevölkerung hier die Spiele ablehnen könnte.“ Der Innensenator von Berlin, zuständig auch für den Sport, ist überzeugt, dass der DOSB falsch lag; Berlin hätte im November 2015, anders als Hamburg, für eine Bewerbung um die Spiele 2024 gestimmt. Denn wie er seien die Berliner von Sport und damit von Olympia überzeugt. Berlin wäre nicht so ein hohes Kostenrisiko gewesen, denn die Stadt hätte auf vorhandene Infrastruktur gesetzt.

Doch die Sportverbände stimmten mit 18:12 für Hamburg. „Die Legende sagt, das manche Verbände das Kalkül hatten, dass Hamburg die dort noch fehlende Infrastruktur aufbaut, während sie in Berlin selbstverständlich erhalten bleibt und am Ende zweimal vorhanden ist“, sagt Geisel. „Aber genau das will die Bevölkerung nicht mehr.“

Der SPD-Politiker war Senator für Stadtentwicklung, als Berlin sich um Olympia bewerben wollte. Er bestreitet, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Scheitern der Berliner Olympia-Ambitionen und dem neuen Ansatz in der Sportpolitik, den er nun vertritt. „So bald wird es keine neue Bewerbung geben“, sagt er. „Das Ergebnis war eindeutig, und wir setzen auf andere große Ereignisse.“

Gründe schaffen, nach Berlin zu reisen

Aber Berlin will Gründe schaffen, nach Berlin zu reisen. Auch deshalb hat sich die Stadt mit dem Olympiastadion von 1936 um Spiele der Fußball-Europameisterschaft 2024 beworben – sofern Deutschland den Zuschlag erhält. Der Vorstellung, dass umgekehrt wie zur WM 2006, als die Eröffnung in München und das Endspiel in Berlin stattfanden, diesmal das Finale nach Bayern gehen soll, widerspricht Geisel: „Wir bewerben uns selbstverständlich um das Eröffnungsspiel und um das Finale. Wenn man sich das Sommermärchen in Erinnerung ruft, ist Berlin ein heißer Kandidat.“

Olympiastadion: Austragungsstätte der Leichtathletik-EM 2018.
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Während es in den vergangenen Jahren bei der Akquise von Sportveranstaltungen darum ging, sich Freunde zu machen mit der Perspektive Olympia, gilt es jetzt, Rendite für die Stadt zu erzielen – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch für die Sportentwicklung. Turnfest 2017, Leichtathletik-Europameisterschaft 2018, das sind die Hausnummern. Die Veranstaltungen stärken den Tourismus, sie sollen aber auch, mit Kiez- und Schulprogrammen, die Berliner sportlich aktivieren.

Geisel sieht im E-Sport über den Sport hinaus Potential. Die Kämpfe in virtuellen Welten, die etwa in Korea im Fernsehen übertragen werden, faszinieren den Politiker. „Wenn auf der Kölner Messe die Gamescom stattfindet, sind 80.000 Besucher in der Stadt“, sagt er. „Das sollte man nicht geringschätzen.“ Berlin-Marathon, Istaf und die Meisterschaftsspiele von Hertha und Union, von Eisbären und Alba, von Füchsen und Volleys sind auch Wirtschaftsfaktoren und sollen ergänzt werden.

Auf dem Weg, eine Vier-Millionen-Stadt zu werden

Darüber hinaus entdeckt Berlin sich als Sportplatz, versteht sich als Entwicklungslabor für neue Sportentwicklungen. 600.000 Mitglieder haben die 2400 Berliner Sportvereine. Doch die Stadt hat längst diejenigen entdeckt, die außerhalb dieser Strukturen und ohne genormte Sportstätten aktiv sind.

Wo die Sport-Welt Kopf steht: In Parks am Gleisdreieck werden Flächen für Sport und Bewegung reserviert.
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Auf den Super-Sportplatz Tempelhofer Feld angesprochen zu werden, schmerzt Geisel dennoch, denn er hat für Bauten auf dem Areal gekämpft. „Das ist eine ähnliche Geschichte wie die Olympiabewerbung“, sagt er heute. „Wir hatten andere Pläne und müssen aus dem Ergebnis des Volksentscheids das Beste machen. Großveranstaltungen sind dort nicht mehr erlaubt, und vieles verliert sich in der Weite.“ Sarkastisch fügt er an: „Immerhin haben wir jetzt Kite-Surfen in der Stadt.“

Die wachsende Stadt – im vergangenen Jahr nahm die Einwohnerzahl um gut 60.000 zu, Berlin ist auf dem Weg, Vier-Millionen-Stadt zu werden – forciert den Mangel an Sportstätten insbesondere in den innerstädtischen Bereichen. Deshalb wird bei großen Entwicklungsprojekten mit Tausenden von Wohnungen die in der Nachbarschaft fehlende Infrastruktur mitgebaut: Schulsportanlagen, die in Berlin Vereinen kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Geisel wünscht sich, dass die Vereine von den Bezirken auch die Schlüsselgewalt übernehmen und die Hallen und Plätze effektiver und auch in den Schulferien nutzen.

Premium-Ereignis Berlin-Marathon.
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Darüber hinaus versteht sich die Stadt selbst als Sportplatz. In Parks wie dem am Gleisdreieck oder dem am Post-Stadion werden Flächen und Strecken für Sport und Bewegung reserviert. Der Andrang im Sommer belegt den Erfolg des Ansatzes. Zur diesjährigen Internationalen Garten-Ausstellung gehören wie Pflanzen und Blumen Sport und Bewegung.

Doch ohne Dach über dem Kopf geht es für viele nicht im Sport, wie diese feststellen mussten, als der Senat sechzig Sporthallen zur Unterbringung von Flüchtlingen nutzte. Nur noch zehn werden derzeit als Quartier gebraucht, doch nur zwei sind den Vereinen renoviert für den Trainings- und Spielbetrieb zurückgegeben worden. Deshalb will der Senat für betroffene Vereine über den Landessportbund rund 800.000 Euro zur Verfügung stellen.

„Wir wollen die Solidarität anerkennen, die die Vereine durch Zusammenrücken gezeigt haben, und zudem verhindern, dass diejenigen von ihnen, die bis zu anderthalb Jahre lang auf Sport verzichten mussten und deshalb Mitglieder verloren haben, in die Insolvenz getrieben werden“, sagt Geisel. „Für die solidarische Haltung der Vereine, finde ich, müssen wir verhindern, dass sie draufgehen.“

Kitesurfer am Tempelhofer Feld: genug Platz für die Subkulturen des Sports.
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Von den Spielen übrigens ist Geisel überzeugt. „Die Olympische Idee lebt“, sagt er. „Die Frage ist, wie Olympia in zehn, zwanzig Jahren aussieht. Wenn im Zusammenhang mit Olympia nur noch über Skandale und Schulden, über Doping und Korruption gesprochen wird, gibt es zwar die Spiele noch, aber sie finden dann in den Diktaturen der Welt statt.“

Sich nicht zurückzulehnen und sich das von weitem anzuschauen sei die Devise. „Wir brauchen Spitzensport“, sagt Geisel. „Breitensport ist gut und wichtig, aber die Spitze schafft Vorbilder. Wenn man das will, gehören Großveranstaltungen und Olympische Spiele dazu.“

Quelle: F.A.Z.
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