Kommentar

Der Sport ist außen vor

Von Michael Reinsch
 - 10:23

Ist das Sportpolitik? Heiko Maas, ein bekennender Rennradfahrer und Freund des Radsports, forderte zum Start der Tour de France im Juli in Düsseldorf einen Schlussstrich unter der ewigen Doping-Diskussion und ein Ende der Verdächtigungen gegenüber seiner Lieblingssportart. Selbstverständlich ist das keine Sportpolitik. Da drückte ein Politiker, Fan im Ministerrang, seinen Schmerz über einen Generalverdacht aus, mit dem mehr oder weniger jede Sportart leben muss. Maas hat seinen Teil zur sportpolitischen Bilanz der Legislaturperiode beigetragen, indem er sich in großer Koalition mit Innenminister Thomas de Maizière über den hinhaltenden Widerstand der Sportorganisationen hinwegsetzte und Doping zu einem Straftatbestand gemacht hat. Der nächste große Wurf war das im März dieses Jahres verabschiedete Gesetz gegen Wettbetrug und Manipulation.

Sportpolitik spielt bei der Wahl an diesem Sonntag keine Rolle. Keine Olympiabewerbung verlangt Parteien und Kandidaten eine Haltung ab. Kein Wähler kann seinem Misstrauen gegenüber dem Internationalen Olympischen Komitee, dem Welt-Fußballverband oder, sorry, Herr Minister, dem Radsport mit seinem Votum Ausdruck verleihen. Für die Fußball-EM 2024, um die sich der Deutsche Fußball-Bund unter Führung des einstigen Bundestagsabgeordneten Reinhard Grindel bewirbt, stehen nicht nur mehr als genug Stadien bereit; sie sind dank der florierenden Bundesliga auch in hervorragendem Zustand. Gegen die Wiederholung des Sommermärchens 2006 in anderem Maßstab gibt es trotz merkwürdiger Zahlungen und trotz der merkwürdigen Rolle von Franz Beckenbauer keine Opposition.

Nach belebenden Jahren hat der Sportausschuss des Bundestages sich wieder hinter verschlossene Türen zurückgezogen und lässt lediglich bei öffentlichen Anhörungen zum russischen Doping, zur Reform des Spitzensports in Deutschland und zu verbindlichen politischen Regeln im internationalen Sport von sich hören. Noch seltener gibt es Anstöße von den Sportorganisationen oder gar Foren für solche Debatten. Durch ein Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verpflichtete der Innenminister den Deutschen Olympischen Sportbund zur Spitzensportreform, indem er ein Drittel mehr Medaillen forderte.

Grundsätzliche Fragen wie die, ob wirklich alle Sportarten staatlich gefördert werden sollten, ob aussichtslosen Disziplinen die Förderung abgeschnitten werden kann, ob Athleten an Leistungszentren zusammengezogen werden müssen und ob allein die Zahl von Goldmedaillen Maßstab für Erfolg sein kann in Zeiten, in denen es eben keinen Schlussstrich unter dem Thema Doping gibt – solche Fragen werden, wenn überhaupt, in Expertengremien behandelt. Da kann der Sport noch so lautstark Politikfähigkeit für sich reklamieren, da können Vereine noch so große Verdienste um Lebensgefühl und Zusammenhalt von Kommunen erwerben, da kann Sport noch so reizvolle Lösungen in den Krisenregionen von Schule und Bildung, Gesundheit und Integration zu bieten haben – Sportpolitik macht nicht der Sport, sondern die Politik. Bei aller Liebe: Das ist gut so.

Sportpolitik macht nicht der Sport, sondern die Politik.
Quelle: F.A.S.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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