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Das Olympia-Attentat

Unter dem Schatten von München

Von Hans-Christian Rößler, Herzlija/Omer
 - 15:04
Leichtathletin Esther Roth-Schachamarow: „München hat mir etwas genommen“ Bild: AFP, FAZ.NET

Esther Roth-Schachamarow kann nicht lange ruhig sitzen. Die Frau mit dem vollen dunkelbraunen Haar springt auf, läuft nach draußen und macht schnell ein paar Dehnübungen, obwohl es auf der Konferenz in Herzlija um ihre Vergangenheit geht. Die israelische Sportlerin ist immer in Bewegung geblieben. Nur einmal, im September vor vierzig Jahren, wollte sie ihre Laufschuhe für immer ausziehen. „Es fing an wie ein Traum. Ich war bei den Olympischen Spielen in München gerade meine Bestzeit gelaufen, am 5. September 1972 sollte ich zum Halbfinale des Hundert-Meter-Hürdenlaufs antreten. Aber dann brach für mich meine Welt zusammen und ich wollte alles aufgeben“, erinnert sie sich.

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In den frühen Morgenstunden des 5. September drangen palästinensische Terroristen des Kommandos „Schwarzer September“ ins Mannschaftsquartier der Männer ein; die Frauen waren in einem anderen Gebäude untergebracht. Weniger als 24 Stunden später waren elf Israelis tot. Darunter war auch ihr Trainer Amitzur Schapira. In der israelischen Zeitung „Maariv“ hatte er Esther Roth-Schachamarow gerade eine große Zukunft vorausgesagt. Der Artikel erschien erst nach seinem Tod während der missglückten Befreiungsaktion auf dem Fürstenfelder Militärflughafen. Die überlebenden Sportler reisten ab, ohne eine Medaille zu gewinnen.

„München hat mir etwas genommen“, sagt die 1952 geborene Läuferin. Doch sie pausierte nur kurz. Bei der „Makkabiade“, die als die jüdischen Olympischer Spiele gelten, gewann sie 1973 eine Goldmedaille. 1976 war sie bei den Spielen in Montreal dabei, wo sie es bis ins Finale schaffte. Nachdem Ende ihrer sportlichen Laufbahn wurde sie Sportlehrerin und trainiert besonders begabte Läufer. „Am besten können wir den getöteten Kameraden gedenken, wenn Israelis Medaillen gewinnen“, sagt sie und meint damit auch den Streit über eine offizielle Gedenkminute in London. Ein weiteres Mal ist das Olympische Komitee dem Wunsch der Überlebenden in Israel nicht nachkommen.

Esther Roth-Schachamarow hat nie aufgehört, von München zu erzählen. Der Fechter Dan Alon brauchte dagegen mehr als 20 Jahre, um Worte für die traumatischen Erlebnisse zu finden, die ihn bis heute verfolgen. Er war im Apartment 2 in der Conollystraße 31, hörte die ersten Schüsse und konnte entkommen. Sein Trainer André Spitzer kam ums Leben. Nach München beendete Dan Alon seine Karriere als Florettfechter. Lange Zeit fiel es ihm schwer, alleine in einem Raum zu bleiben oder ohne Begleitung zu verreisen. „Ich sprach nicht einmal mit meiner Familie und meinen Freunden über München“, sagt der 67 Jahre alte Israeli.

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„Munich memoirs“

Erst nach Steven Spielbergs Spielfilm über das Attentat in München und die Folgen brach er im Jahr 2006 sein Schweigen. „So viele Leute wussten nichts“, begründet er seinen Sinneswandel. Selbst seine Ehefrau und die Kinder erfuhren erst in einem seiner öffentlichen Vorträge, welcher dunkle Schatten auf ihm lastete. Es dauerte dann noch einmal sechs Jahre, bis er seine Eindrücke in einem Buch verarbeitete. Ihm fiel das Schreiben nicht leicht, aber er wollte unbedingt, dass seine „Munich memoirs“ noch vor den Spielen in London erschienen.

In dem Buch schreibt er sich nicht nur den Ärger von der Seele, dass die israelische Mannschaft ungeschützt zu den Olympischen Spielen reiste. Auch nach München wurden die Sicherheitsvorkehrungen für israelische Sportler im Ausland nicht sofort verstärkt. Für Alon trug das zu seiner Entscheidung bei, als Fechter aufzuhören. Und noch einen Rat hat er parat: „Man sollte Politik ganz aus den Spielen raushalten“, empfiehlt er – so, wie das in den ersten Tagen in München zu gelingen schien: Im Olympischen Dorf redeten die Israelis mit den Sportlern aus arabischen und islamischen Ländern nur über Sport und verstanden sich gut, wie sich Dan Alon erinnert.

Von Bergen-Belsen zu den Olympischen Spielen

Der Fechter war in München im selben Apartment untergebracht wie der Geher Schaul Ladany. Anders als Alon ist Ladany nach den Spielen einfach weitergelaufen. In München gewann Ladany zwar keine Goldmedaille, aber wenige Wochen später brach er in Lugano den Weltrekord. Heute ist der drahtige Mann mit der großen Brille Inhaber des Hundert-Meilen-Weltrekords für Männer über 70 Jahre. Eine Operation zwang den 76 Jahre alten emeritierten Professor seine für diesen Sommer geplanten Läufe abzusagen – eigentlich ist in seinem Trophäenschrank zuhause in Omer am Rand der israelischen Negev-Wüste eigentlich gar kein Platz mehr.

Seiner Autobiografie hat er den Titel „König der Straße. Von Bergen-Belsen zu den Olympischen Spielen“ gegeben. Ladany, der aus einer jüdischen Familie aus Belgrad stammt, überlebte nicht nur das Attentat, sondern als Junge auch das Konzentrationslager Bergen-Belsen. „Ich habe eine Menge in meinem Leben gesehen, aber ließ mich nie stoppen“, meint der frühere Ingenieurwissenschaftler trocken und fügt sein Motto hinzu: „Wer aufgibt, kann nicht gewinnen und Gewinner geben nicht auf.“ Unaufgeregt erzählt er auch, was sich am Morgen des 5. September 1972 zutrug. Seine Zimmernachbarn mussten ihn damals wecken. Auch danach geriet er nicht in Panik. „Ich habe den Holocaust überlebt und war später bei der Artillerie. Ich habe gelernt, selbst bei Geschützdonner zu schlafen“, sagt er. Er habe sich in Ruhe seine Sportschuhe angezogen, sei auf die Toilette gegangen und mit den anderen die Flucht geplant.

„Man darf den Terroristen nicht den Sieg lassen“

Von der überstürzten Abreise der israelischen Mannschaft nach der gescheiterten Befreiung hielt er damals nichts. Wäre es nach ihm gegangen, wären die überlebenden Sportler bis zum Ende der Spiele geblieben. „Man darf den Terroristen nicht den Sieg lassen“, sagt er. Doch die israelische Regierung entschied, dass die Sportler mit den elf Särgen der Getöteten sofort zurückflogen.

Fast vierzig Jahre später waren Ladany, der Fechter Dan Alon und drei weitere Überlebende Ende Mai 2012 ins King David-Hotel in Jerusalem eingeladen. Bundespräsident Gauck traf sie während seines ersten Staatsbesuchs in Israel. Schaul Ladany hat die Geste wohlgetan. „Uns hat bisher kein israelischer Präsident empfangen“, sagt der Geher.

An diesem 5. September sind er, die anderen Überlebenden und viele ihrer Angehörigen in Deutschland. Sie alle reisen zur Gedenkveranstaltung am Jahrestag des Attentats nach München. Dort wird auch wieder Ankie Spitzer sprechen. Die Witwe des Fechters André Spitzer hatte in London vergeblich um eine Schweigeminute während der Eröffnungsfeier der Spiele in London gekämpft. Dafür kritisierte sie das Internationale Olympische Komitee dann auf einer anderen Gedenkveranstaltung mit harschen Worten. Und die aus den Niederlanden stammende Journalistin denkt nicht daran aufzugeben. „In London bekamen wir zwar unsere Minute nicht, aber das IOC bekam auch nicht das erhoffte Schweigen“, sagt Ankie Spitzer vor ihrer Abreise nach München, hörbar zufrieden über ihren Etappensieg.

Quelle: FAZ.NET
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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