Vor der Fußball-WM

Blues für Fifa-Boss Infantino

Von Michael Ashelm, Moskau
 - 18:16

Der Präsident taucht ab. Nach der Abfuhr durch die Funktionärskollegen ist Gianni Infantino vorerst von der Bildfläche verschwunden. Unfreundliche Sicherheitsleute vor dem Hotel der Fußballbosse in Moskau schotten ab. Die PR-Strategen des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) lenken das Interesse der Öffentlichkeit erst einmal auf die Unterhaltungsstars Robbie Williams und Aida Garifullina, eine berühmte russische Sopranistin. Sie sollen zur WM-Eröffnungsfeier im Luschniki-Stadion am Donnerstag zusammen mit dem einstigen Stürmer-Helden Ronaldo aus Brasilien schwungvolle Stimmung verbreiten. Das Motto: Glanz und Glamour, es gibt nichts Besseres und Höheres als die Fifa-WM.

Doch der siegesgewisse Infantino bekommt Gegenwind. Der wolkenverhangene Himmel über dem kühlen Moskau dürfte zum Gemütszustand des Fifa-Chefs gepasst haben. Der Schweizer, der im nächsten Jahr wieder an die Spitze des Weltverbandes gewählt werden will, gerät mehr und mehr unter Zugzwang. Seine Macht, die er als Blatter-Nachfolger in kürzester Zeit und mit rücksichtsloser Härte auch gegen interne Kontrolleure an sich gerafft hat, könnte wieder bröckeln.

Der Fifa-Rat, das höchste Gremium der Organisation mit 36 Mitgliedern aus allen Konföderationen der Kontinente, stellte sich am Sonntag quer. Keine Billigung erhielt in der Sitzung der vom Präsidenten unterstützte Plan der südamerikanischen Fußballkonföderation, die Qatarer offensiv mit einer Machbarkeitsstudie dazu zu bringen, dass schon zur nächsten Weltmeisterschaft 2022 in dem Mini-Emirat 48 statt 32 Mannschaften anreisen und nicht erst 2026. Das wären 80 WM-Spiele im November und Dezember 2022, in einem Land von der Größe Nordhessens. Jetzt soll nach der WM in Russland zuerst mit den Qatarern gesprochen werden, was sie sich vorstellen und ob eine so tiefgreifende Veränderung des WM-Formats im Nachhinein überhaupt rechtlich wasserfest ist.

Intransparenter Umgang mit Angeboten

Der Schnellschuss des unverändert dubios und eigenmächtig agierenden Infantino korrespondiert mit einer aufkommenden Idee, das aufgeblasene Megaturnier dann nicht nur im kleinen Qatar ausspielen zu wollen, sondern Nachbarländer wie Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate als Ausrichter einzubinden. Mit Blick auf die politische Blockade ebendieser Nachbarn am Persischen Golf gegen Qatar wäre dies ein brisanter bis sensationeller Vorstoß. Infantino könnte sich ausrechnen, dass er und die Fifa damit als Friedensbringer weltpolitischen Applaus erhaschen würden. Auch der über den Korruptionssumpf gefallene Altpräsident der Fifa, Joseph Blatter, sah sich einst in seiner Hybris als Empfänger des Friedensnobelpreises.

Aber nicht nur das könnte Infantino bewegen. Auch andere von ihm vorangetriebene Deals fielen dann leichter. So hat er vor einigen Wochen ein ominöses Angebot auf den Tisch gebracht. Investoren seien bereit, für eine vergrößerte Klub-WM und einen zusätzlichen Nationalmannschaftswettbewerb, die Global Nations League, 25 Milliarden Dollar in ein gemeinsames Konsortium einzubringen. Wer die Financiers sind, sagte der Fifa-Chef nicht mal den Mitgliedern des Fifa-Rats. Auch der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Reinhard Grindel, selbst Mitglied im höchsten Gremium des Weltverbandes, kritisierte den intransparenten Umgang. Mit seriöser Governance hat das in jedem Fall nichts zu tun. Zwischenzeitlich kam heraus, dass hinter dem Angebot japanisches, chinesisches und saudisches Geld stecken soll.

Ausgerechnet Saudi-Arabien – unter der Ägide vor allem des jungen, mächtigen Kronprinzen Muhammad Bin Salman versucht das politisch mächtige arabische Königreich, sein zweifelhaftes Image nun auch mit gigantischen Sportprojekten und hochkarätigem Fußball zu verbessern. So wird Infantino mit einer neuen Saudi-Connection in Verbindung gebracht, was sein Vorgehen erklären würde. Aber auch hier bremste der Fifa-Rat ihn jetzt aus, verlangte eine grundlegende Prüfung des 25-Milliarden-Angebots, was die ganze Sache in die Länge ziehen wird.

Uefa-Präsident als Gegenspieler

Als Gegenspieler kristallisiert sich immer mehr der Präsident des europäischen Fußballverbandes (Uefa), Aleksander Ceferin, heraus. Der Fußball stehe nicht zum Verkauf, ätzte der Slowene über Infantino. Manche sagen Ceferin Interesse am Fifa-Thron nach. Auch der ehemalige Uefa-Boss Michel Platini, dessen Fifa-Ethiksperre wegen Bestechlichkeit kommendes Jahr abläuft, bringt sich mit öffentlichen Aussagen in Position – wofür auch immer.

Infantino läuft die Zeit davon. Als er sich im Jahr 2016 zur Präsidentenwahl stellte, versprach er den Vertretern der Mitgliedsverbände, dass unter seiner Führung von WM zu WM etwa 1,3 Milliarden Dollar an sie ausgeschüttet würden. Dies wäre fast eine Verdreifachung der unter Blatter geflossenen Mittel. Doch die Fifa hat in den vergangenen Geschäftsjahren Verluste in dreistelliger Millionenhöhe eingefahren. Die Reserven schmelzen. Der Weltverband hat im WM-Zyklus 2015 bis 2018 weniger Sponsoren gefunden als erhofft. In Europa und Amerika konnte seit langem kein neuer Geldgeber gewonnen werden. So wäre es ein weiterer Schlag für Infantino, wenn sich zur WM-Vergabe am Mittwoch auf dem Fifa-Kongress in Moskau nicht die Gemeinschaftsbewerbung der Vereinigten Staaten mit Kanada und Mexiko („United 2026“), sondern Marokko durchsetzen würde. Laut internem Bericht wären mit dem multinationalen Großausrichter Einnahmen von mehr als 14 Milliarden Dollar zu erwarten, im Fall Marokkos nur etwas mehr als sieben Milliarden. Diese Aussicht würde Infantino schon heute guttun und seine Position stärken.

Zwar haben die Nordafrikaner im Fifa-Evaluierungsbericht nur 2,7 von fünf Punkten erhalten; der Konkurrent vier von fünf Punkten. Doch könnte die Weltpolitik dem kleinen Herausforderer in die Karten spielen. Der amerikanische Präsident Donald Trump forciert den Handelskrieg und sorgt für ganz neue Konfrontationslinien. Im April mischte sich Trump ins WM-Verfahren ein und twitterte an jene, die sich gegen die amerikanische Bewerbung stellen wollten. Er drohte, diesen Ländern in Zukunft nicht mehr helfen zu wollen – offenbar ging es um wirtschaftliche oder militärische Hilfe. Auch Trumps Aussage über „Drecksloch“-Länder ist vielen noch präsent.

Erstmals stimmt in Moskau der gesamte Kongress mit den 207 stimmberechtigten Nationalverbänden öffentlich über die WM-Vergabe ab – und nicht nur die Funktionäre des höchsten Gremiums. Es ist nicht raus, ob doch die Überraschung kommt. Hinter den Kulissen wird, wie seit jeher, in diesen Stunden in Moskau munter Lobbypolitik betrieben. Die WM-Bewerber stellen sich den Verbänden nochmals vor, an diesem Dienstag sind die Uefa-Mitglieder dran. Dann wolle sich auch der DFB entscheiden, teilte Reinhard Grindel mit.

Quelle: F.A.Z.
Michael Ashelm
Redakteur in der Wirtschaft.
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