Doping-Affäre um Radsport-Star

Die Hinhaltetaktik des Chris Froome geht auf

 - 12:34

Auf den ersten Blick scheint der Fall klar: Am 7. September 2017 gab der britische Radrennfahrer Christopher Froome nach der 18. Etappe der Spanien-Rundfahrt eine Urinprobe ab. Wie so oft hatte er eine Therapeutische Ausnahmegenehmigung (TUE) für das Asthmamittel Salbutamol beantragt und erhalten, was bedeutete, dass Rückstände dieser Substanz in seinem Urin keine negativen Folgen haben würden. Jedenfalls bis zu einer Konzentration von 1000 Nanogramm pro Milliliter. Bis zu dieser Grenze wird die Anwendung des Mittels als legale Medikation gewertet, um auch asthmakranken Athleten die Teilnahme am Spitzensport zu ermöglichen. (Dass aufgrund dieser Maßnahme Tausende von Hochleistungssportlern angeben, an Asthma zu leiden, und mit Hilfe von Salbutamol ihre Sauerstoffaufnahme verbessern, ist eine Folgeerscheinung, die man Froome nicht anlasten kann.) Allerdings ergab die Analyse seiner Probe einen um 100 Prozent erhöhten Wert. 2000 Nanogramm pro Milliliter. Folglich müsste der Radsport-Weltverband UCI von einem Doping-Verstoß ausgehen und gegen Froome eine Sperre aussprechen.

Aber wir wären nicht im professionellen Hochleistungssport, wenn es so einfach wäre. Die Verbände im Profisport kontrollieren ihre eigenen Leute, jede Regelung wird von allen Beteiligten traditionell nach Bruchstellen abgeklopft, und mit viel Geld ist schon so manches Stoppschild überwunden worden. Froome blieb die Möglichkeit, diesen drastisch erhöhten Wert zu erklären. Und diesen Erklärungsprozess zögert er so exzessiv hinaus, dass die Topereignisse des Profi-Radsports wieder einmal als Doping-Farce dastehen. In der Zwischenzeit nämlich hat der Kapitän des britischen Rennstalls Sky nach einer spektakulären Aufholjagd erstmals in seiner Karriere den Giro d’Italia gewonnen und damit provisorisch Radsportgeschichte geschrieben – die Vuelta gewann er im vergangenen Jahr, die Tour de France schon viermal, 2013, 2015, 2016 und 2017. Damit hätte er in allen drei Landesrundfahrten triumphiert, wie vor ihm nur Eddy Merckx und Bernard Hinault, vorausgesetzt, das Ergebnis des Giro hätte Bestand. In gut einem Monat will Froome wieder bei der Tour de France am Start stehen, und es scheint, als gelänge ihm auch das, ohne dass die UCI über den Doping-Verdacht entschieden haben wird.

Am Wochenende sagte UCI-Präsident David Lappartient jedenfalls der Zeitung „Le Parisien“: „Mein Wunsch war es immer, dass es ein Urteil vor dem Giro gibt. Jetzt hätte ich gerne, dass dieser Fall vor der Tour geklärt ist. Aber man muss realistisch sein: Ich glaube nicht, dass das passieren wird.“ Teil eins der Entlastungsstrategie Froomes und seines Teams Sky scheint also erfolgreich: Froome kann weiterfahren. Teil zwei ist noch offen. Froome will beweisen, dass die Konzentration der Salbutamol-Rückstände in seinem Urin nicht von einer exzessiven Einnahme mit der Absicht der Leistungssteigerung herrührt und auch nicht von Fahrlässigkeit.

Obwohl er im Dezember angab, sein Asthma habe sich während der Vuelta verschlimmert und er habe auf Anraten des Mannschaftsarztes die Dosis erhöht. Nach britischen Presseberichten bezieht sich die Froome-Verteidigung auf einen Bericht von Forschern der niederländischen Universität Leiden, die, nicht ganz originell bei Sportlern unter Doping-Verdacht, das Testverfahren in Zweifel ziehen. Dieses führe zu 15,4 Prozent falsch positiven Ergebnissen. Die Welt-Anti-Doping-Agentur, die oberste Regelinstanz für Doping-Kontrollen, weist wiederum Zweifel an ihrem Testverfahren zurück und beruft sich auf die wissenschaftliche Literatur der vergangenen 20 Jahre.

Lappartient verteidigte gegenüber „Le Parisien“ die Verzögerung mit Hinweis auf die komplexe Verteidigung. „Das ist keine Laxheit“, wird er zitiert. „Wenn man aber 1500 Seiten eines wissenschaftlichen Berichts hat, muss man diese analysieren sowie das Verfahren und Chris Froomes Rechte genauso wie die unseren respektieren.“ Lappartient verwies auf die Finanzen des Radstars Froome. Andere hätten in einem solchen Fall bereits „abgedankt“.

Allerdings könnte für Froome trotz seiner cleveren Anwälte die Rechnung noch kommen. Der prominenteste Radprofi, der bisher für einen überhöhten Salbutamol-Wert geradestehen musste, war der Topsprinter Alessandro Petacchi. Beim Giro 2007 überstieg sein Wert die Grenze um 320 Nanogramm pro Milliliter. In einem Berufungsverfahren sperrte ihn der Internationale Sportgerichtshof für zwölf Monate und annullierte seine fünf Etappensiege beim Giro. Der Brite Simon Yates wiederum verpasste die Tour de France 2016, weil seine Ärzte für ein nachgewiesenes Asthmamittel keine Therapeutische Ausnahmegenehmigung beantragt hatten. Die Szene jedenfalls blickt gespannt auf ihren unbeliebten Dominator Froome und wartet auf den Tag der Entscheidung.

Quelle: F.A.Z.
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