Doping-System in Russland

Jagd nach dem Verräter

Von Christoph Becker
 - 17:07

Der erste Sportler, der die Auswirkungen der jüngsten Zuspitzungen im russischen Doping-Skandal zu spüren bekam, trainierte vergangene Woche in Sibirien. Ilija Tschernussow, Skilangläufer, sah sich zu einer Stellungnahme gezwungen. Nein, er habe seine Mannschaftskameraden nicht ans Messer geliefert, sagte Tschernussow. „Das ist ein Bluff“, heißt es in einem Statement auf der Website des Trainingszentrums, in dem er sich auf die Saison vorbereitet. „Ich bin im Trainingslager mit der Mannschaft, der Trainingsplan ist voll. Ich würde mich gern voll und ganz auf meine Arbeit konzentrieren.“

Das ist schwierig, denn wesentliche Teile des russischen Sports, insbesondere des Wintersports, treibt eine Frage um: Wer ist der Verräter? Wer hat dafür gesorgt, dass zunächst, neben anderen, die strahlenden Sieger des 50-Kilometer-Langlaufs der Spiele von Sotschi, Alexander Legkow und Maxim Wylegschanin, vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) wegen Dopings disqualifiziert und mit einem Olympia-Bann bis ans Lebensende belegt wurden? Der russische Langlauftrainer Juri Borodawko hatte gemutmaßt: Tschernussow. Schließlich rücke er durch die Disqualifizierungen vor bis auf Platz eins. Borodawko fand schnell Anhänger für seinen Verdacht, Tschernussow sei doch privat mit einer Schweizer Biathletin liiert. Am Samstag ging Tschernussow bei einem Testwettkampf in Davos an den Start.

Und Skiverbandspräsidentin Jelena Välbe, dreimal Olympiasiegerin, 14 Mal Weltmeisterin, sagte der Agentur „R-Sport“: „Jeder Informant ist für mich ein Verräter unseres Mutterlands.“ Doch die Suche nach den Verrätern geht noch weiter: Wer hat der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) die Datei verschafft, von der die Wada am Freitag sagte, darauf sei das Labor-Informationsmanagement-System des Moskauer Anti-Doping-Labors, alle Testdaten des Zeitraums Januar 2012 bis August 2015 aus der Zentrale des großen, staatlich organisierten Doping-Betrugs?

Die Reaktionen aus Moskau auf diese Nachrichten bewegen sich häufig in einem Spektrum kalter und heißer Wut – stehen doch bei Wada und IOC zwei wesentliche Sitzungen an. Zum einen trifft sich die Wada-Exekutive am 15. und 16. November, um darüber zu entscheiden, ob die russische Anti-Doping-Agentur wieder zugelassen werden kann. Bis dahin will die Investigativabteilung der Wada die „enorm große“ Datei ausgewertet haben.

Entscheidung Anfang Dezember

Und das IOC will auf der Sitzung seiner Exekutive vom 5. bis 7. Dezember über eine Bestrafung für das russische Olympia-Team mit Blick auf die Winterspiele in Pyeongchang im Februar entscheiden. Diese Entscheidung werde durch „gewisse Staaten und Organisationen stark beeinflusst“, sagte der russische Sportminister Pawel Kolobkow. Kolobkow, einst bei Olympia dekorierter Fechter wie IOC-Präsident Thomas Bach, sagte der Website „Insidethegames.biz“: „Weniger als 100 Tage vor Pyeongchang ist es unfair, die Athleten in dieser Ungewissheit zu lassen. Wir bestreiten nicht, dass es einige Doping-Fälle gab, wie in anderen Ländern auch, aber es gab bei uns kein staatlich unterstütztes Doping-Programm. Es gibt nichts, was die Rusada daran ändern könnte.“

Russlands Linie bleibt: Ein staatlich gestütztes Doping-Programm hat es nicht gegeben. Eine von Präsident Wladimir Putin eingesetzte Ermittlungskommission hatte genau dieses Ergebnis vergangene Woche präsentiert – und damit womöglich einen Zug zu früh gesetzt. Denn die Beteiligung des russischen Staats, des Geheimdienstes, des Sportministeriums, die der kanadische Anwalt Richard McLaren im Auftrag der Wada vor nunmehr bald eineinhalb Jahren beschrieben hatte, da ist sich die Wada sicher, wird durch die Moskauer Datei gestützt, die sich seit Ende Oktober in ihrem Besitz befinde. Eben diese Datei, hatte das Ermittlungskomitee der Russischen Föderation, die dem Präsidenten unterstellte Ermittlungsbehörde, erfolgreich vor dem zugriff dritter geschützt, hatte man noch vergangene Woche verkündet. Am Freitag stellte sich heraus: stimmt nicht. Am Montag musste eine Behördensprecherin der Wada die Bitte um Mitarbeit überbringen. “Wir sind zur Zusammenarbeit bereit“, zitiert die Nachrichtenagentur AP.

Außerhalb Russlands ist der Modus Operandi des Betrugs auch unter Interessenvertretern russischer Athleten nicht umstritten. Er zweifele die Existenz des Systems nicht an, sagte etwa Christof Wieschemann, der Anwalt des vom IOC gesperrten Legkow, im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Die Russen aber verlangen die Auslieferung von Gregorij Rodtschenkow, einst Leiter des Moskauer Labors, dann Kronzeuge unter der Protektion des FBI in Washington und Staatsfeind des Kremls. Er gilt für die russischen (Sport-) Führer als Königsfigur des Verrats. IOC und Wada haben Zugang zu Rodtschenkow, er hatte sich im September beklagt, dass davon nicht mehr Gebrauch gemacht worden sei. Inzwischen scheint sich das geändert zu haben: Die „Mail on Sunday“ berichtet, er habe der Oswald-Kommission, für die IOC-Sperren einzelner Sportler zuständig, detailliert am 28. Oktober berichtet. Zudem kann er die Moskauer Datei lesen – sie entstand unter seiner Leitung.

Noch immer lässt die andere der beiden von Bach eingesetzten IOC-internen Kommissionen, die sogenannte Schmid-Kommission, auf ein Ergebnis warten. Es soll Grundlage der Entscheidung der IOC-Exekutive bezüglich des Starts russischer Athleten im Februar in Südkorea sein. Der Schmid-Kommission habe Rodtschenkow eine eidesstattliche Versicherung zum Beitrag staatlicher Organe vorgelegt, berichtet die „Mail on Sunday“. Und die Wada teilte mit, man habe die IOC-Kommissionen über das neue Beweismittel informiert. Die Botschaft ist klar: keine Entscheidung des IOC ohne Berücksichtigung der Datei.

Es ist Erfahrung, die aus der Stellungnahme der Wada spricht. Als McLaren seinen ersten Bericht vorgelegt hatte, im Juni 2016, delegierte das IOC die Entscheidung über das Startrecht der russischen Sportler bei den Sommerspielen von Rio zurück an die Einzelverbände. Die Leichtathleten, zum Beispiel, blieben draußen, in vielen anderen Sportarten nahmen russische Sportler teil. Viele bei der Wada, die angesichts erheblicher eigener Versäumnisse beim Umgang mit Hinweisen auf Doping in Russland mit dem Ausschluss der Rusada hatten Härte demonstrieren wollen, fühlten sich verschaukelt.

Nun, 16 Monate später, ist die Ausgangslage verblüffend ähnlich. Zwei Bedingungen stellt die Wada für eine Wiederzulassung der Rusada: Das umfängliche Anerkenntnis der Ergebnisse des McLaren-Reports – staatlich unterstütztes Doping. Und Zugang zu den Proben im polizeilich abgeriegelten Moskauer Labor. IOC-Präsident Bach wiederum hatte sich erst vor wenigen Tagen die Forderung nach Kollektivstrafen verbeten, bis das Ergebnis der Schmid-Kommission vorliege.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Becker - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Becker
Sportredakteur.
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