Doping-Kommentar

Propaganda statt Respekt

Von Anno Hecker
 - 14:43

Herbst 2017, der Fall der Mauer liegt bald 28 Jahre zurück. Die Linke in unserem Parlament kämpft immer noch. Für ihre Sicht der Doping-Bewertung in Ost und West: Wenn die Opfer des DDR-Sports heute vom Staat entschädigt werden, dann muss doch auch den Opfern des Dopings in der Bundesrepublik geholfen worden. Behaupte noch jemand, in der Bonner Republik wäre Gold nur sauber gewonnen worden. Generationen zwischen München und Kiel, Aachen und Kassel waren voll bis obenhin. Das ist zwar ein alter Hut, aber es kann nicht schaden, die Regierung noch mal zu befragen. Es geht offenbar um den Menschen.

Die Drucksache 18/13650, „Kleine Anfrage“ von Abgeordneten und der Fraktion der Linkspartei umfasst vier Seiten. Die Parlamentarier fragen nach dem Alter der Personen, als sie gedopt wurden. Sie wollen wissen, wie viele Medaillen diese Gruppe gewonnen hat. Und wie viele denn des Dopings überführt worden sind. Damit keine Missverständnisse entstehen: Diese Fragen, insgesamt zehn der zwölf, sind auf die Athleten bezogen worden, die in der DDR vollgestopft wurden, ob sie es nun wollten oder nicht, ob sie es wussten oder nicht, ob nun Erwachsene oder noch Kinder. Solange die Archive der Geheimdienste von Chinesen, Russen und anderen Großmächten des Sports nicht zum Einlesen geöffnet werden, steht der „Staatsplan 14.20“ der DDR als der größte, skrupelloseste Menschenversuch im Sport nicht zur Diskussion. Das kann man nachlesen in Tausenden Seiten Stasi-Dokumenten der beteiligten Trainer, Funktionäre und Ärzte. Falls denn die Kraft reicht, die Berichte von den Optimierungs-„Operationen“ am lebenden Athleten zu ertragen.

Trotzdem versucht die Linkspartei, diese Verbrechen zu relativieren: Mit ihrem scheinbaren Interesse an der Hilfe für Opfer des Dopings im Westen, von denen es zweifellos nicht so viele, aber sicher viele gibt. Dabei schreckt sie nicht einmal davor zurück, durch Doping Schwerkranken, teils um ihr Leben ringenden Fünfzigjährigen mit ein paar harmlos daherkommenden Satzzeichen Schuld zu vermitteln. Die Linkspartei setzte in ihrer Anfrage die Opfer des DDR-Dopings in Anführungsstriche. Als wolle sie damit die Zweifel der Verzweifelten stärken, so wie man es aus Missbrauchsfällen kennt: ein Trick aus der Täter-Rhetorik.

Ginge es ihnen um die Menschen und nicht um den erbärmlichen Versuch eines Systemvergleichs, dann müssten Politiker (aller Parteien) lautstark um eine angemessene Hilfe für die Doping-Opfer kämpfen, die wir heute kennen. Nur so lässt sich einer grauenhaften Zukunft begegnen, die uns die Gegenwart vor Augen führt: Am Dienstag wurde bekannt, dass der Radprofi Raimondas Rumsas jr. positiv auf das Wachstumshormon getestet worden ist. Sein Vater war schon ein Doper (2003), zusammen mit dem Senior wurde die Mutter 2006 in Italien für vier Monate auf Bewährung verurteilt – wegen der Einfuhr von Doping-Mitteln. Im Mai ist der Bruder Linas, ein Rad-Amateur, mit 21 Jahren nach einem Herzinfarkt gestorben. Ermittelnde Staatsanwälte sehen einen Zusammenhang mit der Einnahme von Doping-Mitteln, wir den klassischen Weg: Ob einer der Rumsas-Kinder die Wahl hatte, wissen wir nicht. Im Zwangs-Doping der DDR hatten die Minderjährigen keine.

Quelle: F.A.Z.
Arno Hecker
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